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Zukunft ungewiss – Siemens sucht Optionen für die Kraftwerkssparte

Joe Kaeser will Siemens zum Digitalkonzern umbauen. Zunächst muss er sich jedoch mit der Zukunft der kriselnde Kraftwerkssparte beschäftigen.


Für die Beschäftigten der krisengebeutelten Siemens-Kraftwerkssparte war es ein Hoffnungsschimmer. Konzernchef Joe Kaeser vereinbarte vor wenigen Tagen eine Energiepartnerschaft mit der irakischen Regierung. Der Münchener Konzern hofft auf Milliardengeschäfte. In einem ersten Schritt gab es unter anderem einen Auftrag für den schlüsselfertigen Bau eines Gaskraftwerks mit einer Leistung von 500 Megawatt in Zubaidiya. Das sei eine „gute Nachricht fürs Kraftwerks- und Energiegeschäft“, schrieb die IG Metall auf einer internen Plattform: „Da sag' noch einer, mit sowas wär' kein Geld zu verdienen.“

Und doch ist die langfristige Zukunft der traditionsreichen Sparte völlig ungewiss. Laut Industriekreisen könnte die neu formierte Sparte „Gas and Power“ mehr Eigenständigkeit bekommen, wenn Kaeser diesen Mittwoch auf einem Kapitalmarkttag die Details seiner neuen Strategie „Vision 2020+“ vorstellt. Über entsprechende Überlegungen hatte das Handelsblatt bereits berichtet, auch die Nachrichtenagentur Reuters berichtete an diesem Samstag von Erwägungen, die Sparte auszugliedern.

Dies würde den Gang an den Kapitalmarkt oder weitere Partnerschaften ermöglichen. Auf dem Weg zu einem Digitalkonzern mit der Vorzeigesparte Digitale Industrien rechnen auch im Konzern viele Insider damit, dass das Kraftwerksgeschäft langfristig nicht mehr Kerngeschäft von Siemens sein dürfte. Allerdings ist ein Ausstieg nicht so einfach möglich.

Das Geschäft könnte laut Industriekreisen künftig im Stile der „strategischen Unternehmen“ wie zum Beispiel der Bahntechnik geführt werden. Auf diesem Weg könnte sich Kaeser „Optionalitäten“ sichern, wie er die Flexibilität für strategische Neuorientierungen nennt. Vorstellbar ist eine vertiefte Partnerschaft mit Chinesen. Zudem hatte Siemens immer wieder mit Mitsubishi über eine Zusammenlegung der Turbinen-Aktivitäten gesprochen. Allerdings ist strittig, wer die Mehrheit halten sollte. Die Arbeitnehmer bei Siemens drängen darauf, dass der Münchener Konzern die Kontrolle behält. Siemens wollte sich zu den Spekulationen über eine Ausgliederung nicht äußern.

Der Siemens-Aktienkurs ist in den vergangenen Wochen bereits in Erwartung positiver Nachrichten beim Kapitalmarkttag von zeitweise nur noch gut 90 auf zuletzt mehr als 105 Euro gestiegen. Die Aktie hatte sich zuvor in den vergangenen Monaten vor allem wegen der ungeklärten Kraftwerksfrage nicht sonderlich gut entwickelt. „Wenn Siemens nur aus der digitalen Fabrik bestünde, wäre der Aktienkurs vermutlich doppelt so hoch“, sagte Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment bei der Hauptversammlung.


Viele Investoren würde es am liebsten sehen, wenn sich Siemens ganz aus dem Geschäft zurückziehen würde. Die Margen sind selbst in guten Zeiten schlechter als in den digitalen Geschäften. „Siemens wird sich mittelfristig auf Geschäftsfelder konzentrieren, die schneller wachsen und hohe technologische Eintrittsbarrieren haben“, sagte DWS-Fondsmanager Marcus Poppe. „Somit werden Geschäftsbereiche, die unter intensiven Wettbewerbsdruck stehen oder nachhaltig keine Wachstumsfelder sind, wahrscheinlich auch einen anderen Eigentümer haben, als Siemens.“

Das Kraftwerksgeschäft war in früheren Jahren ein stabiler Ertragsbringer von Siemens. Doch ist der Weltmarkt für große Gasturbinen drastisch eingebrochen. In Boomzeiten hatten die vier großen Hersteller – General Electric mit Alstom, Siemens, Mitsubishi und Ansaldo – Kapazitäten von mehr als 400 Turbinen im Jahr aufgebaut. Laut Industriekreisen werden aber derzeit deutlich weniger als 100 im Jahr verkauft. In Zeiten der Energiewende sind vor allem kleinere, dezentrale Lösungen gefragt.

Daher rechnen Branchenkenner auch mit keiner nachhaltigen Erholung. Im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2018/19 war der Umsatz der Division „Power and Gas“ nochmals um neun Prozent auf knapp 2,9 Milliarden Euro gesunken. Das operative Ergebnis halbierte sich auf 119 Millionen Euro.

In Arbeitnehmerkreisen wird darauf verwiesen, dass die Marge mit knapp fünf Prozent immer noch ordentlich sei. Vor allem im Service verdiene Siemens gutes Geld. Zudem habe sich zuletzt eine Stabilisierung des Geschäfts abgezeichnet. So legte der Auftragseingang im Quartal um 15 Prozent auf 3,5 Milliarden Euro zu.


Die neue Konzernstruktur der „Vision 2020+“ war am 1. April gestartet. Das industrielle Kerngeschäft bilden die drei „operativen Unternehmen“, also die Digitalen Industrien und die Intelligente Infrastruktur sowie – möglicherweise nicht für alle Zeiten – das Kraftwerksgeschäft. Daneben stehen die drei „strategischen Unternehmen“, das sind die Mehrheitsbeteiligungen an den Healthineers und Siemens Gamesa sowie die Bahntechnik.

Kaeser hat den Geschäften noch ehrgeizigere Ziele verordnet. So soll „Gas and Power“ eine operative Umsatzrendite von acht bis zwölf Prozent erreichen, die Intelligenten Infrastrukturen 10 bis 25 Prozent und die Digitalen Industrien 17 bis 23 Prozent. Beim Kapitalmarkttag am Mittwoch will Kaeser erstmals im Detail erläutern, wie die einzelnen Einheiten diese Ziele erreichen wollen.

Den Investoren ist das wichtig, doch über allem steht die Frage nach der Zukunft der Kraftwerkssparte. Im neuen Zuschnitt kommt das Geschäft immerhin auf 21 Milliarden Euro Umsatz und rund 70.000 Mitarbeiter. Bei den Gasturbinen vereinbarte Kaeser zuletzt eine Partnerschaft mit der chinesischen State Power Investment Corporation Limited (SPIC) und ihrer Tochter China United Heavy-Duty Gas Turbine Company (UGTC).

Dabei will Siemens den Chinesen auch helfen, eine eigene Gasturbine der großen H-Klasse zu entwickeln. Die Chinesen bekommen entsprechende Softwaretools zur Verfügung gestellt. Bis 2023 könnte ein Prototyp präsentiert werden. Damit schafft sich Siemens selbst einen neuen Konkurrenten auf einem ohnehin schon hart umkämpften Markt.

Doch hoffen die Münchener, so zumindest als Zulieferer zum Zug zu kommen. Es werde für die Chinesen nur schwer möglich sein, binnen weniger Jahre eine Produktion hochzufahren und alles selbst zu machen. Bei der Suche nach einer strategischen Lösung für die Kraftwerkssparte könnte die Kooperation mit den Chinesen nur der Anfang sein.