Deutsche Märkte schließen in 7 Stunden 34 Minuten

Zockerboom: Ist die Angst vor einer Kursblase berechtigt?

·Lesedauer: 8 Min.

Die Börse ignoriert die Corona-Pandemie und den Lockdown, die Kurse steigen und steigen. Ein Blick in die Kennzahlen offenbart erste Alarmsignale.

Da Anleihen kaum noch Rendite bringen, sind Aktien im Vergleich attraktiver. Foto: dpa
Da Anleihen kaum noch Rendite bringen, sind Aktien im Vergleich attraktiver. Foto: dpa

Blase oder nicht Blase? Das ist zurzeit die entscheidende Frage für Anleger. Eine sichere Antwort bekommt man nur, wenn die Kursblase platzt – dann war es eine. Wenn das nicht passiert, bleibt bei hohen Börsenkursen weiterhin die Angst, man könnte in einer stecken. Es gibt spezielle Kennzahlen, um die Frage zu beantworten, wie groß das Risiko ist. Und vor allem eine, die nach dem legendären Investor Warren Buffett benannt ist, funkt Alarm.

Insgesamt gilt: Die Kurse sind hoch, aber noch nicht so übertrieben hoch wie zur Zeit der Dotcom-Blase. Doch die Kombination von niedrigem Wachstum, kaum vorhandenen Zinsen und hohen Schulden, die letztlich die Aktienkurse nach oben spült, ist nicht ohne Gefahr.

Die US-Aktienmärkte geben weltweit die Richtung vor. Und gerade hier haben die Langeweile im Lockdown und die Verfügbarkeit günstiger Börsen-Apps wie Robinhood einen Zockerboom unter jungen Amerikanern ausgelöst, der an die Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende erinnert, bei der Internetwerte hochgetrieben wurden – und anschließend kollabierten.

Andererseits hat der Höhenflug der Aktienbörsen seine Gründe. Anleihen bringen kaum noch Rendite, deswegen sind Aktien im Vergleich attraktiv, sie haben damit sozusagen die Schwerkraft verloren: Anders als vor 20 Jahren werden sie vor allem von diesem Effekt und weniger von großen Zukunftsvisionen getrieben. Außerdem geben die Staaten viel Geld aus, das sie letztlich von den Notenbanken über Anleihekäufe bekommen.

Manche Unternehmen wie Netflix oder Zoom profitieren sogar von der Pandemie, anderen gibt die Hoffnung auf ein Ende der Seuche Auftrieb. Vor allem die sehr niedrigen Zinsen stellen eine Ausnahmesituation dar, die in den Augen vieler Experten die unverdrossene Rally rechtfertigt. Dann wiederum ist aber zu beachten: Bisher war noch jede Kursblase von der Überzeugung begleitet, dass „diesmal“ alles anders ist und damit die hohen Bewertungen gerechtfertigt sind.

Hier ein genauerer Blick auf spezielle Kennzahlen für die USA, die Aufschluss geben können, wie groß aktuell das Risiko für einen Crash ist:

Buffett Index


Der Buffett Index ist nach Warren Buffett benannt, der ihn ins Gespräch gebracht hat. Er setzt den Wert aller börsennotierten Unternehmen mit Hauptsitz in den USA, hier repräsentiert durch den Wilshire 5000 Index, ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Landes. Die Idee ist, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn die Börsenbewertungen sich zu sehr von der Wirtschaftskraft entfernen. Im Moment liegt der Buffett Index bei über 180 Prozent, die Börsenunternehmen sind also beinahe doppelt so viel wert wie das BIP. Im Jahr 2000 erreichte die Kennzahl mit gut 140 Prozent bereits ein Hoch, das aber im Vergleich zum heutigen Wert noch bescheiden ausfiel.

IPO Index


Der IPO Index von Renaissance (bis 2009 von Bloomberg) umfasst, nach Börsengewicht gerechnet, rund 80 Prozent der neu in den USA gelisteten Unternehmen. Sie scheiden wieder aus, wenn sie in einen großen Index aufgenommen werden – oder nach maximal zwei Jahren. Der Index hat sich allein im Jahr 2020 mehr als verdoppelt auf 739 Punkte. Damit haben die Börsengänge, die ein gutes Stimmungsbarometer sind, noch deutlich mehr Dynamik gezeigt als der breite Markt.

CBOE Equity Options Put/Call-Ratio


Die CBOE Equity Options Put/Call-Ratio gibt das Verhältnis von Verkaufs- zu Kaufoptionen bei der Chicago Board Options Exchange an, einer großen Terminbörse. Verkaufsoptionen sichern Investoren einen bestimmten Verkaufspreis zu, schützen also gegen Kursverfall.

Kaufoptionen funktionieren umgekehrt und eignen sich dazu, überproportional an Kursgewinnen zu verdienen. Je geringer die Ratio ist, desto größer ist daher der Optimismus der Anleger: Wenige sichern sich defensiv ab, viele hoffen auf Gewinne. Im Moment liegt die Ratio bei 0,44. Daran gemessen ist die Stimmung ähnlich wie um die Jahrtausendwende, aber noch nicht ganz so aufgeheizt.

S & P 500 Relative Strength Index 14d


Der S & P 500 Relative Strength Index 14d misst das sogenannte Momentum im Markt, also die kurzfristige Kursdynamik. Diese Kennzahl, RSI abgekürzt, gehört zu den technischen Indikatoren. Sie stellt über zwei Wochen hinweg einen Vergleich der Tage mit positiven gegenüber denen mit negativen Kursverläufen dar. Wenn es nur positive Tage gab, wird der Wert 100 erreicht, bei nur negativen der Wert null. Als Daumenregel gilt ein Wert über 70 als „überkauft“, hier wird es also gefährlich heiß an der Börse.

Zurzeit ist der RSI davon nicht mehr weit entfernt, aber die Schwelle ist noch nicht überschritten. Die Formel lautet: RSI = 100–100/(1+RS), wobei RS der Mittelwert der Kursbewegungen der positiven geteilt durch den der negativen Börsentage ist.

S & P 500 Shiller CAPE Ratio


Die S & P 500 Shiller CAPE Ratio ist zunächst ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), also das Verhältnis des Börsenkurses zum Gewinn je Aktie. Nur dass hier statt eines zeitnahen Gewinns, wie sonst üblich, der Durchschnitt der letzten zehn Jahre zugrunde gelegt wird. In dem Index kommt die längerfristige Dynamik der Börse zum Ausdruck.

Er kann durch schnell steigende Gewinne oder aber höheren Druck der Käufer angetrieben werden. Er liegt jetzt schon seit einigen Jahren etwa bei 30, während er zur Zeit der Dotcom-Blase mehr als 40 erreicht hatte. Diese Kennzahl bringt so besehen bisher keine sehr starke Dramatik zum Ausdruck.

KGV S & P 500


Das KGV des S & P 500 kann auf Basis verschiedener Gewinnperioden berechnet werden, hier bezieht es sich auf die jeweils vergangenen zwölf Monate. Es liegt mit 30 etwa so hoch wie vor 20 Jahren. Dieselbe Kennzahl auf Basis der Schätzungen für die kommenden zwölf Monate liegt aber mit 23 deutlich niedriger.

Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen


Als Ergänzung dient die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen: Sie gilt als Vergleichsmaßstab für die Bewertung der Aktien. Zurzeit lässt sich damit eine laufende Rendite von gut einem Prozent erzielen, während der vergleichbare Wert in Deutschland bei fast minus 0,5 Prozent liegt.

Die US-Rendite ist deutlich gestiegen, als sich ein Sieg der Demokraten im Bundesstaat Georgia abgezeichnet hatte, der ihnen nun eine knappe Mehrheit im Senat sichert. Die Investoren rechnen unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden, der quasi durchregieren kann, mit einem großen staatlichen Ausgaben- und Schuldenpaket.

Wenn Anleiherenditen zu sehr anziehen, kann das die hohen Bewertungen von Aktien gefährden. Aber auch hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied zur Dotcom-Blase. Ein KGV von 20 zum Beispiel würde als Kehrwert eine Gewinnrendite von fünf Prozent bedeuten. Bei einer als sicher geltenden laufenden Rendite einer Staatsanleihe von einem Prozent wäre eine Aktie mit einem KGV von 20 im Vergleich mit nur einem Fünftel bewertet – als Ausgleich für das höhere Risiko.

Vor 20 Jahren lag die Anleiherendite dagegen bei fünf bis sechs Prozent, dagegen hatten viele Unternehmen kaum Gewinne. Damals spielte das höhere Risiko im Vergleich zu Staatsanleihen also praktisch keine Bedeutung, die Anleger sahen eigentlich nur noch Chancen und keine Risiken mehr bei Aktienanlagen.

Verrückte Kursreaktionen nach Tweet von Elon Musk

Während die Kennzahlen ein gemischtes Bild zeichnen, äußern sich immer mehr Marktexperten besorgt. Jim Reid von der Deutschen Bank etwa fragt sich, ob die Reaktion auf einen Tweet von Tesla-Chef Elon Musk eine Blase anzeigt. Der empfahl in der vergangenen Woche, den Kommunikationsdienst Signal statt WhatsApp zu benutzen. Daraufhin machte eine Firma in Texas, die nichts damit zu tun hat, aber zufällig auch „Signal“ heißt, einen Kurssprung von 1500 Prozent.

Hedgefondsmanager Brad Lamensdorf, der unter anderem durch seine Wetten gegen die Aktie der Deutschen Bank bekannt wurde, sieht eine „überschäumende“ Stimmung am Markt. Stirnrunzeln erzeugt auch, dass schon vor Corona einige Schwergewichte wie Apple und Amazon die Börse getrieben und alle anderen hinter sich gelassen haben – eine Rally auf breiter Basis sieht anders aus.

Stefan Kreuzkamp, Chef-Anlagestratege der Fondsgesellschaft DWS, bemüht sich um ein ausgewogenes Urteil. Er sieht „Übertreibungen“ und schätzt den US-Markt als „historisch hoch bewertet“ ein. Aber er findet „gute Gründe dafür“, dass die Zinsen auch über das Jahr hinaus niedrig bleiben, was diese Bewertungen weiter stützen würde; schließlich haben die Notenbanken sich in dem Punkt tendenziell schon festgelegt.

Es geht um mehr als Geld

Kreuzkamp fügt hinzu: „Ansonsten gilt, dass die Anleger in einem Umfeld strukturell niedrigen Wirtschaftswachstums bereit sind, für Wachstumsunternehmen eine deutlich höhere Bewertung gegenüber dem restlichen Markt zu akzeptieren. Zumal die Wachstumswerte aus dem Technologieumfeld auch noch eine geringe Kapitalintensität und meist sehr gute ESG-Einstufungen vorweisen können.“

ESG steht für Umweltschutz, Soziales und gute Unternehmensführung. Kreuzkamp sieht keine Kursblase am gesamten US-Markt und verweist darauf, dass die Kurstreiber, die großen Tech-Konzerne, auch tatsächlich hohe Gewinne machen.

Die hohen Bewertungen von Aktien, die Schuldenberge und niedrige Zinsen wirken über die Märkte hinaus. Ray Dalio, Gründer des Hedgefonds Bridgewater, setzt Finanzzyklen in Beziehung zu politischen Zyklen. Anfang Dezember befürchtete er ein Abgleiten der USA „von kontrollierbaren Spannungen in einen Bürgerkrieg“, wie er auf LinkedIn schrieb.

Er fügte hinzu: „Klassischerweise erreicht man diese Stufe nach Perioden großer Ausgaben- und Schuldenexzesse und sich ausweitender Vermögensunterschiede.“ Das erinnert an die vielfach geäußerte Sorge, dass niedrige Zinsen einen Keil in die Gesellschaft treiben: Einfache Sparer bekommen nichts mehr, Aktionäre werden reicher. Zwar sind Aktien heute fast für jeden leicht zu kaufen – aber nicht jeder hat die finanziellen Reserven, das Risiko zu tragen.