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Zocker an der Elbe: In Sachsen-Anhalt schwelt ein Wettskandal

·Lesedauer: 6 Min.

Sachsen-Anhalt soll im neuen Staatsvertrag die Aufsichtsbehörde für Glücksspiel erhalten. Dabei steckt das Bundesland tief in einem Wettskandal.

Wenn Mitte 2021 der neue Staatsvertrag zur Regelung des deutschen Glücksspielmarktes in Kraft tritt, wird eine neue Aufsicht über Anbieter und Spieler wachen. Die zentrale Glücksspielbehörde der Länder soll in Sachsen-Anhalt entstehen, ausgestattet für zunächst 110 Mitarbeiter. Den ersten Skandal haben sie gleich vor der Haustür.

In Sachsen-Anhalt schwelt seit Monaten ein Wettskandal. Er begann mit einem Betrugsverdacht in wenigen Lottoannahmestellen, wuchs sich im Laufe der Zeit aber zu einer Staatsaffäre aus. Die Geschäftsführer von Lotto-Toto des Landes wurden abberufen. Der Fall beschäftigt den Landesrechnungshof, drei Ministerien und einen Untersuchungsausschuss im Landtag.

Im Herbst 2018 registrierte ein Dienstleister für Lotto-Toto, die Firma SIZ aus Bonn, merkwürdige Vorgänge bei der Sportwette Oddset. Seit Anfang 2017 hatten vier Spieler in der Stadt Zerbst mit rund drei Millionen Euro Einsatz rund 400.000 Euro Erlös erzielt. Das war mehr als die Hälfte der Wettgewinne im Bundesland und mehr als ein Drittel aller Umsätze.

Die Wettmuster könnten auf einen „Missbrauch von Spieleridentitäten“ hindeuten, schrieb SIZ in einem Bericht. Bundesweit könnten unzählige Oddset-Spieler durch verwässerter Ausschüttungsquoten geschädigt worden sein. Nicht nur die Höhe der Einsätze sei unüblich, sondern auch die zeitliche Nähe mit der Spieler in denselben Annahmestellen ihre Wetten platzierten.

Ein DHL-Paketshop geriet in den Fokus, der Oddset-Wetten annahm. Die Betreiberin zählte zu den auffälligen Spielern. Bundesweit war sie die Kundin mit den höchsten Einsätzen. Dann wurde bekannt, dass ihr Ehemann früher als Programmierer bei einer Firma gearbeitet hatte, die Software produzierte – für Oddset.

Lotto-Toto-Geschäftsführer müssen gehen

Noch ist unklar, ob und wie genau es gelungen sein könnte, das System auszutricksen. Der Skandal hat jedoch längst die nächste Ebene erfasst. Das Finanzministerium, das die Gesellschafterfunktion bei Lotto-Toto ausübt, ließ über den Aufsichtsrat zunächst zwei Geschäftsführer suspendieren.

Am Freitag vor zwei Wochen vermeldete die „Mitteldeutsche Zeitung“: „Lotto-Chefs müssen gehen“. Lotto-Aufsichtsratschef und Verkehrsminister Thomas Webel (CDU) begründete die Abberufung mit einer „Summe von Vorwürfen“. Die Lotto-Chefs sollen Warnsignale in Zerbst übersehen, zu spät und zu zögerlich reagiert haben.

Doch die Erkenntnisse über die bisherige Lotto-Geschäftsführerin Maren Sieb werfen auch kein gutes Licht auf die Lokalpolitik in Sachsen-Anhalt. Die frühere Radiomoderatorin sei 2012 „von Gesellschafterseite“ für den Job an der Lotto-Spitze vorgeschlagen worden, steht in einem vertraulichen Bericht des Personaldienstleisters Kienbaum, der die Bewerber einschätzen sollte. Der Job war lukrativ: 150.000 Euro Jahresvergütung plus Dienstwagen.

Die Gutachter stellten fest, dass die Kandidatin „über keinerlei Erfahrung in der Glücksspielbranche verfügte“. Trotzdem empfahlen sie „ausdrücklich“ ein Gespräch mit der Frau, denn diese habe einen „extrem hohen Vernetzungsgrad“. In anderen Worten: Sie stand vielen einflussreichen Politikern nahe.

Sieb erfand 2006 einen Wahlkampfslogan für den heutigen Innenminister Holger Stahlknecht (CDU), dessen Ministerium die Genehmigungsbehörde für Lotterien ist. Mit ihrer Werbeagentur managte sie den Landtagswahlkampf 2011 für Jens Bullerjahn, ehemaliger SPD-Spitzenkandidat und bis 2016 Finanzminister – und damit Gesellschafter von Lotto-Toto.

Gesellige Treffen im Lions Club

Wie kurz die Wege im Magdeburger Umland zuweilen waren, zeigte sich im November 2013 im gelb-blau geschmückten Katharinensaal des Städtchens Wolmirstedt. Lottochefin Sieb moderierte die Feier zum zehnjährigen Bestehen des Lions-Clubs im Ohrekreis, dessen Mitglied sie ist. Die Festrede hielt der erste Präsident der „Löwen“ Ulf Gundlach, damals Staatssekretär im Innenministerium. Sein Chef feierte auch mit, denn Holger Stahlknecht hatte den Lions Club Ohrekreis einst gegründet.

Auch Verkehrsminister und damaliger Lotto-Aufsichtsrat Webel stand den „Löwen“ nah. Laut Magdeburger Volksstimme war er mehrfach bei Veranstaltungen zu Gast, weil Webel jahrzehntelang als Landrat im Ohrekreis arbeitete.

Ob Maren Sieb bei den einflussreichen Herren aus dem Umfeld des Löwen-Clubs Fürsprecher fand? Verkehrsminister Webel teilte mit, dass der Aufsichtsrat die Einstellung „einstimmig befürwortet“ habe. Auf seine Stimme konnte sie folglich zählen. Innenminister Stahlknecht sagte hingegen, dass er zu keiner Zeit an Vorgängen beteiligt gewesen sei, „welche die Personalauswahl direkt oder indirekt betreffen“.

Als das Handelsblatt wissen wollte, ob er mit Sieb befreundet sei, antwortete das Ministerium: „Hierbei handelt es sich um Fragen, die das private Lebensumfeld des Ministers betreffen und zu denen hier keine Informationen vorliegen.“

Die beiden Minister Webel und Stahlknecht sollen sich im Untersuchungsausschuss zu Siebs Netzwerk erklären, sagte AfD-Obmann Jan Wenzel Schmidt. Er hat beide vorladen lassen. Schmidt kennt sich gut aus in der Branche. Er betrieb früher selbst Lotto-Annahmestellen.

Die Lotto-Toto GmbH Sachsen-Anhalt gehört dem Bundesland. Ein Teil des erwirtschafteten Geldes wird als Fördermittel an gemeinnützige Vereine oder Verbände verteilt. „Das weckt viele Begehrlichkeiten, welche Projekte in welchem Wahlkreis aus dem Füllhorn bedient werden“, sagte Schmidt. Der Job eines Lotto-Toto-Chefs habe deshalb immer auch eine politische Dimension.

Die vielen Nebenjobs des Verkehrsministers

Der AfD-Politiker verweist auf viele Vergaben von Fördermitteln, die einen Nachgeschmack hinterließen. Im Heimatkreis von Lotto-Aufsichtsratschef Webel etwa werden die Bundesliga-Gewichtheber aus Samswegen besonders gefördert. Zufall oder nicht: Webel ist Präsident des Verbands für Gewichtheben, Kraftsport und Fitness Sachsen-Anhalt. Einen Interessenkonflikt gebe es nicht, teilte der Minister dazu mit. Den Vorschlag, die Gewichtheber zu fördern, habe das zuständige Ministerium gemacht und der gesamte Aufsichtsrat von Lotto-Toto habe zugestimmt.

Der umtriebige Verkehrsminister hat weitere Nebenjobs. Bei den Bundesliga-Handballern vom SC Magdeburg sitzt Webel ehrenamtlich im Aufsichtsrat. Interessenkonflikte zwischen den Funktionen sieht er offenbar auch hier nicht, selbst wenn der Verein laut Landesrechnungshof mit mehr als 100.000 Euro im Jahr von Lotto-Toto gesponsert wird.

Der Landesrechnungshof fand bei einer Sonderprüfung weitere derartige Konstellationen. Lotto-Chefin Sieb etwa war ebenfalls Aufsichtsrätin des Handballklubs SC Magdeburg, zugleich wirkte sie aber auf Lotto-Seite an den Sponsoringverträgen mit. Das sei „aus Gründen der Compliance“ bedenklich, mahnten die Prüfer.

Überdies rügten sie, dass ein Bezirksstellenleiter bei Lotto-Toto einen „Familienangehörigen ersten Grades“ als seinen Nachfolger aussuchte. Die Aufgabe wird mit zwischen 160.000 und 340.000 Euro im Jahr vergütet. Der Landesrechnungshof forderte die Gesellschaft auf, intransparente Bewerbungsverfahren, mangelnde Dokumentationen und Vetternwirtschaft abzustellen.

Ermittlungen? Fehlanzeige

Und was sagt die geschasste Lotto-Chefin zu all dem? Das Handelsblatt schickte ihr Fragen. Die Antwort fiel kurz aus: „Ich kann mich derzeit nicht äußern. Bitte haben Sie Verständnis.“

Die finale Pointe in dem Skandal ist, dass inzwischen keine Staatsanwaltschaft mehr versucht aufzuklären, ob die auffälligen Zocker an der Elbe in Zerbst wirklich betrogen haben. Die Glücksspielfirma teilte auf Anfrage mit: „Für eine Verdachtsanzeige wegen Betrugs lagen der Lotto Sachsen-Anhalt keine Anhaltspunkte vor.“

Die zuständige Staatsanwaltschaft in Dessau leitete trotzdem Ermittlungen ein, aber nicht wegen Betrugs, nur wegen Geldwäscheverdachts. Das Verfahren gab sie dann an die spezialisierten Kollegen nach Halle weiter, wo es schließlich wieder eingestellt wurde.