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Zinswende der EZB: Diese Zinssenkungen sind zu erwarten und das sind die Folgen für euer Geld, laut einem Experten der DZ Bank

 - Copyright: picture-alliance/ dpa | Uwe Anspach; Getty Images / Boris SV / Zigres
- Copyright: picture-alliance/ dpa | Uwe Anspach; Getty Images / Boris SV / Zigres

Die Zinswende rückt näher. Kommende Woche dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Leitzinsen erstmals seit Jahren wieder senken. Seit Juli 2022 hatte die EZB den Leitzins für die Eurozone im Kampf gegen die Inflation im Rekordtempo um 4,5 Prozentpunkte angehoben. Über die Aussichten auf eine Reihe von Zinssenkungen und die Folgen für Anleger, Sparer, Baukredite und den Euro habe ich mit dem Ökonomen Jan Holthusen gesprochen. Er leitet den Bereich Research bei der DZ Bank.

„Wir erwarten den ersten Schritt der EZB bereits seit einiger Zeit für die Sitzung Anfang Juni“, sagt Holthusen. Nach Äußerungen aus der EZB könne man relativ fest davon ausgehen, dass die EZB am 6. Juni die Leitzinsen senkt. Holthusen rechnet „mit einem kleinen Zinsschritt von 0,25 Prozentpunkten“.

Wie es danach weitergeht, werde die EZB zunächst offen lassen. Holthusen: „Wir gehen davon aus, dass sich die EZB zu künftigen Zinsschritten eher bedeckt halten wird". Wie in der Vergangenheit werde ‚datenabhängig‘ entscheiden, also nach Entwicklung wichtiger Zahlen wie der Inflationsrate, aber auch der Lohnentwicklung.

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Die DZ Bank erwartet dabei weitere Zinsschritte: „In unserer Prognose gehen wir von jeweils einer weiteren Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte je Quartal aus. Die EZB würde den Einlagezins damit in diesem Jahr in drei Schritten um insgesamt 0,75 Prozentpunkte senken.“

Aktuell ist dieser Einlagezins, den Banken bekommen, wenn sie Geld bei der EZB parken, 4,0 Prozent. Der Refinanzierungssatz, den Banken zahlen müssen, wenn sie Geld bei der EZB leihen, beträgt 4,75 Prozent.

Und auch im nächsten Jahr sollten die Zinsen weiter sinken, erwartet der DZ-Ökonom: „Wir gehen auch davon aus, dass wir damit noch nicht das Ende der Zinssenkungen erreicht haben werden und 2025 weitere Zinsschritte folgen.“

Nach der EZB entscheidet die US-Notenbank Fed über die Zinsen

In den USA entscheidet die Notenbank Fed knapp eine Woche nach der EZB über die Leitinsen. Experten rechnen damit, dass die Fed ihre Zinsen zunächst unverändert lässt. Hintergrund ist, dass die Inflation in den USA langsamer zurückgegangen ist als in Europa und die Wirtschaft stärker wächst.

„Lange sah es so aus, als würde die Fed den Leitzins in den USA vor der EZB senken. Das hat sich aber komplett gedreht – auch nach Äußerungen von Fed-Chef Jerome Powell und den Daten zur US-Inflation", sagt Holthusen. Zudem gebe es einen Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen in den USA im November.

„Wir rechnen mit dem ersten Schritt jetzt erst nach den Präsidentschaftswahlen in den USA. Die erste Sitzung der Fed ist dann direkt wenige Tage nach der Wahl. Das ist wahrscheinlich zu nah. Daher rechnen wir mit der ersten Zinssenkung in den USA erst im Dezember“, sagt der Analyst. „Sollte die Fed die Zinsen kurz vor der Wahl senken, wäre der Aufschrei im Trump-Lager wahrscheinlich groß. Das würde die Fed zwar nicht davon abhalten, wenn sie es wirklich für zwingend nötig halten würde, die Zinsen zu senken. Die Daten in den USA sprechen aber eher für eine spätere Zinssenkung.“

Was könnte die EZB von ihrem Zinskurs abbringen?

Für die EZB gäbe es im Wesentlichen zwei Faktoren, die sie von dem vorgezeichneten Zinspfad abbringen könnten. „Wenn die Konjunktur gar nicht auf die Beine käme, wenn die Wirtschaft also gar nicht wachsen oder wir sogar wieder negative Quartale hätten, dann könnte die EZB die Zinsen auch schneller senken“, sagt Holthusen.

Andererseits gelte: „Die Löhne steigen aktuell eigentlich zu schnell. Wenn dieser Lohnanstieg von aktuell weit über vier Prozent nicht nachlässt – und dann die Inflation über den Sommer auch noch leicht steigt: das könnte für die EZB ein Signal sein, mit weiteren Zinssenkungen erst einmal abzuwarten.“

Was folgt aus der Zinswende der EZB für die Märkte

„Die EZB hat die Märkte gut auf eine Zinssenkung vorbereitet“, betont Holthusen. Das bedeutet, dass eine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte an den Märkten weitgehend eingepreist sei. „Darum kommt es jetzt weniger darauf an, was die EZB macht, sondern auf die Begleitmusik.“ Wichtig werde vor allem, was Christine Lagarde nach der Zinsentscheidung sagt. „Gibt es auch nur leise Anzeichen, dass sie für die kommenden Monate „hawkish“ ist, könnte das an den Aktienmärkten die leichte Konsolidierung verstärken, die wir ohnehin gerade sehen. Das gilt auch für Bundesanleihen“, sagt Holthusen.

Die Sorge, dass der Euro unter Druck geraten könnte, wenn die EZB die Zinsen in der Eurozone drückt, die Fed die US-Zinsen aber hoch hält, teilt er nicht. „Beim Euro halte ich das Risiko für begrenzt. In den USA gibt es ohnehin attraktivere Zinsen. Die Zinsdifferenz würde jetzt nicht so viel größer werden, dass der Euro unter Druck geraten würde.“

Welche Folgen hat die Zinswende für euer Geld?

Bauzinsen: Holthusen weist darauf hin, dass sich die Hypothekenzinsen an den Kapitalmarktrenditen orientieren, vor allem den 5- oder 10-jährigen Bundesanleihen. Deren Zinssätze waren im jetzt endenden Zyklus von minus 0,8 Prozent bis rund 3 Prozent gestiegen. Aktuell liegen sie etwa bei 2,5 Prozent. „Wenn die EZB die Leitzinsen senkt, dürften auch die Kapitalmarktzinsen ein Stück nach unten gehen“, sagt Holthusen. „Ich rechne perspektivisch mit Renditen um die zwei Prozent. In der Folge sollten auch die Hypothekenzinsen zwischen 0,5 und 0,7 Prozentpunkten sinken.“

Viel wichtiger für Bauherren und Immobilienkäufer sei aber etwas anderes: „Wichtiger ist, dass sie jetzt wieder planen können. In der Phase steigender Zinsen sind die Finanzierungskosten für viele Vorhaben weggelaufen. Jetzt wissen Bauwillige, dass die Zinsen vorerst zumindest nicht steigen, im Zweifel eher sinken werden. Das gibt Sicherheit.“

Tagesgeld und Festgeld: „Bei den Zinsen für Tagesgeld und Festgeld haben wir den Höhepunkt erreicht und wohl überschritten“, sagt der Experte der DZ Bank. „Die Zinsen dürften bei einer Senkung der Leitzinsen in einer ähnlichen Größenordnung sinken.“ Welche Banken aktuell die besten Zinsen bieten, erfahrt ihr hier:

Hat die EZB wirklich die Inflation gezähmt?

Im Rückblick werfen einige Ökonomen der EZB vor, die Zinsen erst zu spät, dann aber zu stark erhöht zu haben. Holthusen sieht das differenzierter. Er sagt zwar: „Ich bin eher im ‚zu-spät-Camp‘. Wir haben schon vor zwei Jahren, als die EZB noch gezögert hatte, Zinserhöhungen für nötig gehalten. Mit früheren Zinserhöhungen hätte die EZB die Inflationswelle zwar nicht vermeiden können. Sie hätte aber erreichen können, dass der Höhepunkt der Inflation nicht so hoch ausgefallen wäre. Sie hätte verhindern können, dass die Inflationserwartung so stark zugenommen haben.“

Anders beurteilt er die Aggressivität Zinserhöhungen: „Ich bin aber nicht der Meinung, dass die Zinserhöhungen zu stark waren." Auch die EZB habe gewusst, dass ein Teil der Inflation von selbst vorübergehen würde, wenn die Basiseffekte der stark gestiegenen Energiepreise auslaufen – auch ohne Zinserhöhungen. „Der EZB ging es aber zu Recht darum, die Inflationserwartungen zu dämpfen, damit sich die Teuerung nicht verfestigt“, sagt Holthusen und lobt: „Im Rückblick würde ich sagen, das ist der EZB auch recht gut gelungen.“

Wie entwickeln sich Inflation und Zinsen auf lange Sicht?

Vor der jüngsten Inflationswelle hatte es eine lange Periode mit sehr niedrigen Inflationsraten gegeben. Diese Ära ist nach Einschätzung Holthusens erst einmal vorbei. „Zwei Phänomene führen dazu, dass wir uns langfristig eher auf einen höheren Preisdruck und damit auf tendenziell höhere Inflationsraten einstellen müssen:", sagt er. Der erste Grund liegt an der Knappheit von Arbeitskräften: „Der Lohndruck auf die Preise dürfte in den kommenden zehn Jahren sicher größer sein als in den vergangenen 10 Jahren“. Zusätzlich führe eine Tendenz zur Deglobalisierung zu eher steigenden Preisen. „Nach der Phase billiger Importe zum Beispiel aus China werden aktuell eher Einfuhrbeschränkungen und Zölle hoffähig“, beobachtet der Ökonom.

Die Folge für die Zentralbanken: „Die Sorge vor einer Deflation, die die EZB ja auch zu ihrer expansiven Geldpolitik bewogen hat, wird jedenfalls erst einmal nicht das Thema sein. Stattdessen wird es einen höheren intrinsischen Inflationsdruck geben.“

Was bedeutet das für die EZB? „Ich gehe nicht davon aus, dass die EZB ihr Inflationsziel von zwei Prozent aufgeben wird. Ich würde das auch nicht empfehlen“, sagt Holthusen. Die EZB sollte an diesem Ziel festhalten, ohne aber orthodox zu sein. „So wie die EZB lange Inflationsraten von leicht unter zwei Prozent akzeptiert hat, sollte sie auch eine Teuerung von knapp über zwei Prozent akzeptieren, solange die Situation stabil ist.“

Gibt es auch Risiken einer Zinssenkung

Nach der letzten Zinswende mit schnell und stark steigenden Zinsen, waren einige Banken in Schieflagen geraten. Drohen ähnliche Gefahren auch bei einer Wende zu Zinssenkungen? „Ich sehe beim Schritt zu niedrigeren Zinsen kaum Risiken“ beschwichtigt der Ökonom. „Anders als die Zinswende zu steigenden Zinsen ist es diesmal kein Schock. Die Zinsen waren ja sehr schnell und sehr stark gestiegen. Das dürfte jetzt in die Gegenrichtung nicht passieren. Die Zinssenkungen sollten daher keine Verwerfungen auslösen. “

Ungewöhnlich bleib aber, dass die EZB die Zinsen jetzt in einen beginnenden Aufschwung hinein senkt. „ Aber es war ja auch untypisch, dass sie in den vergangenen zwei Jahren die Zinsen trotz einer schwachen Konjunktur erhöht hatte.“