Deutsche Märkte schließen in 4 Stunden 41 Minuten

ZF kürzt Arbeitszeit und verzichtet auf Kündigungen – Druck auf Conti wächst

·Lesedauer: 5 Min.

Nach Bosch will auch ZF Friedrichshafen die Arbeitszeit der Mitarbeiter deutlich kürzen. Dafür verzichtet der Zulieferer bis 2022 auf Kündigungen.

Um bis zu 20 Prozent will der Zulieferer die Arbeitszeit absenken, um die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Foto: dpa
Um bis zu 20 Prozent will der Zulieferer die Arbeitszeit absenken, um die Folgen der Corona-Pandemie abzufedern. Foto: dpa

ZF Friedrichshafen hat sich nach wochenlangen Verhandlungen mit den Arbeitnehmern auf eine Arbeitszeitreduktion um 20 Prozent geeinigt. Im Gegenzug verzichtet der drittgrößte deutsche Automobilzulieferer bis Ende 2022 auf betriebsbedingte Kündigungen sowie Werkschließungen.

ZF kann dabei Kapazitäten durch Kurzarbeit, Reduktion der Arbeitszeit um bis zu 20 Prozent, Altersteilzeit und Abfindungen anpassen. Der Abschluss könnte Pilotcharakter für die gesamte Branche haben.

Den Impuls zu einer Arbeitszeitverkürzung setzte Ende Juni Continental. Personalchefin Ariane Reinhart sagte dem Handelsblatt, dass der Konzern das Gespräch mit den Arbeitnehmervertretern suchen werde, um über eine kollektive Absenkung der Arbeitszeit zu verhandeln.

Auch Bosch hatte am Vortag auf die Coronakrise mit weiteren Sparmaßnahmen reagiert, bleibt aber unter dem Niveau von ZF und den Plänen von Conti. In den Bereichen Entwicklung, Forschung, Vertrieb und Verwaltung wird vom 1. August an bis Ende des Jahres die Arbeitszeit verkürzt. Die Gehälter werden entsprechend gekürzt.

Bei Bosch betrifft das 35.000 Mitarbeiter. Für Beschäftigte mit einer Arbeitszeit von mehr als 35 Stunden verringert sich die Wochenarbeitszeit laut Unternehmensangaben um zehn Prozent und für Beschäftigte mit 35-Stunden-Verträgen oder weniger um 8,57 Prozent. Eine Regelung für alle Mitarbeiter im Inland steht aber noch aus.

Der Vorstoß von Bosch und ZF schlägt zwar in die gleiche Kerbe, dennoch setzen sie den Konkurrenten Continental unter Druck. Denn die Stiftungskonzerne sind bereit, ihren Mitarbeitern im Gegenzug zur Arbeitszeitabsenkung eine Beschäftigungssicherung zu geben. Conti will sich dagegen nicht festlegen. „Eine Beschäftigungssicherung in diesen Zeiten auszusprechen wäre einfach nicht fair, weil wir es einfach nicht garantieren können“, sagte Reinhart dem Handelsblatt Ende Juni. ZF tut dies jetzt für zwei Jahre. Die IG-Metall sprach von einer „Rettungsgasse“.

Conti befürchtet dagegen eine längere Durststrecke für die Autoindustrie. Auf der Hauptversammlung hatte Konzernchef Elmar Degenhart das Jahr 2025 genannt. Erst dann würde dem 61-Jährigen zufolge das Vorkrisenniveau erreicht werden. Bis dahin könnte auch die Arbeitszeitverkürzung bei Conti dauern. „Als Automobilindustrie brauchen wir eine Lösung, die über fünf Jahre geht“, sagte Reinhart. Mit Kurzarbeit sei das nicht zu schaffen, zumal die Mittel für die Kurzarbeit zu Neige gingen.

Verzicht auf Sonderzahlung bei ZF

Die jetzt bei ZF Friedrichshafen getroffene Vereinbarung „Tarifvertrag Transformation“ gilt für 50.000 Beschäftigte im Inland. Damit entspricht die Reduktion einer Kapazität von rund 10.000 Stellen. Ende Mai hatte ZF angekündigt weltweit 15.000 Stellen bis zum Jahr 2025 abzubauen, was rund zehn Prozent der gesamten Beschäftigten entspricht. Diese Pläne bleiben nach Unternehmensangaben bestehen.

„Wir haben jetzt viel Flexibilität gewonnen und richten ZF auf die Zukunft aus“, betonte ZF-Personalchefin Sabine Jaskula. Der Zulieferer gewinnt damit vor allem Zeit, um den Einfluss der Corona-Pandemie, die Folgen der Wirtschaftskrise und der Transformation zur Elektromobilität abzufedern.

Zudem verzichten die Beschäftigten im Jahr 2020 einmalig auf eine Sonderzahlung in Höhe von 400 Euro, die im Juli ausgezahlt worden wäre. Dafür werden alle Auszubildenden und dualen Studierenden übernommen.

Um gleiche Bedingungen an allen Standorten von ZF zu schaffen, wurden auf Basis der Regelungen in Baden-Württemberg bundesweit dauerhaft höhere Aufzahlungen auf das Kurzarbeitergeld beschlossen. „Die Kurzarbeit hat sich in den vergangenen Monaten bewährt und ist bis auf Weiteres unser wirksamstes Instrument, um Beschäftigung in Deutschland zu sichern“, sagte Jaskula.

„Um Einkommensverluste abzufedern, haben wir mit diesem Instrument höhere Aufstockungsbeträge für die sogenannte ,tarifliche Kurzarbeit‘ vereinbart. Im Fall von gesetzlicher Kurzarbeit kann ein Beschäftigter jetzt nicht mehr unter 90 Prozent seines letzten Nettos fallen“, erklärt IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger. Durch einen Haustarifvertrag gelten diese höheren Aufzahlungslinien erstmals bundesweit für alle ZF-Standorte.

„Es stärkt durch den neu ausgehandelten Tarifvertrag ,Transformation‘ die gemeinsame Verantwortung beider Seiten, den Wandel der Technologien wie Hybridisierung, Elektromobilität und Digitalisierung im Sinne des Unternehmens und der Beschäftigten nach vorne zu treiben“, so Zitzelsberger. Die Einigung bei ZF könne durchaus Beispiel für andere Unternehmen in der Branche sein. Eins zu eins sei es wohl nicht übertragbar.

Betriebsrat betont Transparenz

Ein Steuerkreis auf Konzernebene soll darüber wachen, dass die Auslastung des einen Standorts nicht auf Kosten eines anderen Standorts geht. „Diese Transparenz ist wichtig, um eine solidarische Verteilung der Aufgaben und Produkte im ZF-Verbund zu erreichen“, betont Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich. „Mit der Beschäftigungs- und Standortsicherung bis Ende 2022 konnten wir Sicherheit in unsicheren Zeiten für die Beschäftigten erreichen. Mit allen gemeinsam durch die Krise, um danach wieder erfolgreich sein zu können – das ist und bleibt der ZF-Weg.“

Auch für die Zeit nach dem Auslaufen der Kurzarbeit wurden Regelungen getroffen: Bei weiterhin schwacher Nachfrage können die Arbeitszeiten in allen Tarifgebieten um bis zu 20 Prozent reduziert werden. Um Einkommensverluste abzufedern, wurden Aufstockungsbeträge für die sogenannte „tarifliche Kurzarbeit“ vereinbart. „Wir appellieren jetzt an die Politik, die Tarifvertragsparteien in ihrem Ansinnen zu unterstützen und diese Aufzahlungsbeträge – wie bei der klassischen Kurzarbeit bereits geschehen – steuer- und beitragsfrei zu stellen.“

Personalchefin Jaskula betont: Für Standorte, die in den nächsten beiden Jahren aufgrund des Strukturwandels in der Automobilindustrie keine Perspektive entwickeln, wird auch eine Schließung von 2023 an nicht ausgeschlossen. Nach Einschätzung von Branchenexperten ist ZF bereits in die Verlustzone geraten. Am 7. August legt das Stiftungsunternehmen vom Bodensee seine Halbjahreszahlen vor.