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Zerwürfnis zwischen Saudi-Arabien und Russland schockt die Ölmärkte

Die Allianz der wichtigsten Ölproduzenten steht vor dem Aus. Die Ölpreise rutschen tief in Minus. Für die Weltkonjunktur ist das eine gute Nachricht.

Es hätte ein festlicher Jahrestag werden sollen. Vor genau drei Jahren erweiterte die Organisation der Erdölexportierenden Länder (Opec) ihren Einfluss auf die 24 Länder umfassende Opec+-Allianz unter der Führung von Saudi-Arabien und Russland. Noch im vergangenen Sommer gossen die Allianzmitglieder ihre Zusammenarbeit in einen schriftlichen Vertrag.

Eine „Partnerschaft für die Ewigkeit“ verbinde Saudi-Arabien und Russland, ließen die beiden Länder damals verlauten. Doch nur neun Monate später ist diese Partnerschaft zerbrochen.

Saudi-Arabien konnte Russland am Freitag nicht dazu bewegen, eine Kürzung der Ölproduktion von 1,5 Millionen Barrel pro Tag bis zum Jahresende mitzutragen. Damit verpassten es die beiden Länder, sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen, wie der Preisverfall an den Ölmärkten einzudämmen sei. Seit an den Finanzmärkten die Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus neu aufgeflammt ist, sind nicht nur die Aktienmärkte eingebrochen. Auch die Ölpreise fielen so stark wie zuletzt in der Finanzkrise 2008.

Doch das Zerwürfnis zwischen Saudi-Arabien und Russland hat den Ausverkauf an den Ölmärkten noch einmal rasant beschleunigt. Am Freitagnachmittag fiel der wichtigste Referenzpreis, die Ölsorte Brent in der Spitze um neun Prozent auf rund 46 Dollar pro Barrel (rund 159 Liter). Der Preis für die US-Sorte WTI gab auf rund 41 Dollar pro Fass nach. Damit notieren die Ölpreise auf dem tiefsten Stand seit rund drei Jahren.

„Das ist das ultimative Eigentor für die Opec“, sagt Helima Croft, Ölexpertin bei der Investmentbank RBC Capital Markets. Mohammed Darwazah, Ölanalyst bei Medley Global Advisors, bestätigt: „Das ist die schwerste Krise der Opec seit der Finanzkrise 2008.“ Damals hatte der Ausbruch der Finanzkrise den Ölpreis einbrechen lassen.

Die Krise der Opec nutzt jedoch vielen Staaten, die derzeit besonders unter den Auswirkungen des Coronavirus leiden, sagt Cyrus de la Rubia, Chefökonom der Hamburg Commercial Bank. „Sollte der Ölpreis unter 50 Dollar bleiben, ist das für die Weltkonjunktur insgesamt eher positiv, weil den Konsumenten mehr Geld in der Tasche bleibt.“

Deutschland und die meisten anderen europäischen Staaten profitierten ebenfalls, da sie große Ölimporteure sind. Autofahrer können sich auf weiter sinkende Benzinpreise einstellen. Auch die gebeutelte chinesische Konjunktur könnte von niedrigen Ölpreisen stabilisiert werden. Allerdings gibt Ökonom de la Rubia zu bedenken: „Die Frage, die sich stellt ist, ob die negativen Effekte aus dem Corona-Schock die positiven Effekte eines niedrigeren Ölpreises unkenntlich machen.“

Wenn es noch eines Hinweises bedurfte, wer in der 24 Länder umfassenden Opec+-Allianz das Sagen hat, dann wurde es bei den Verhandlungen im Lauf des Freitags deutlich. Die für den Vormittag angesetzten Verhandlungen zwischen allen Mitgliedstaaten starteten mit einer Verspätung von sechs Stunden.

Ölminister als Statisten

Stundenlang harrten etwa die Ölminister Irans, Venezuelas oder Algeriens in dem Verhandlungssaal im Opec-Hauptquartier in Wien aus, tippten auf ihren Handys, während sich der saudische Energieminister Prinz Abdulaziz bin Salman mit seinem russischen Amtskollegen Alexander Nowak zu bilateralen Verhandlungen zurückgezogen hatte.

Als schließlich klar wurde, dass sich bin Salman und Nowak nicht einigen können, waren auch die Verhandlungen aller 24 Mitgliedssaaten innerhalb von Minuten beendet. Im Showdown zwischen Saudi-Arabien und Russland waren die übrigen 22 Minister und ihre Delegationen kaum mehr als Statisten.

Der saudische Ölminister ist mit seiner Strategie, Russland mit maximalem Druck zum Einlenken zu bewegen, krachend gescheitert. In den vergangenen drei Jahren hat der Ölpreis immer wieder Schwächephasen durchlebt – und die Opec+-Allianz hat mit immer neuen Förderkürzungen versucht, die Preisschwächen abzufedern, zuletzt im Dezember 2019. Mit den Produktionskürzungen verfolgt die Opec das Ziel, den Ölmarkt künstlich zu verknappen und die Preise so zu stabilisieren.

Doch Russland hatte bereits in der Vergangenheit ablehnend auf die Forderung nach neuen Förderkürzungen reagiert. Die russischen Ölkonzerne arbeiten Schätzungen von Experten zufolge bei einem Ölpreis von 40 Dollar pro Fass profitabel. Sie trifft es härter, wenn sie nicht am Maximum produzieren dürfen.

Daher hatte Russlands Präsident Wladimir Putin bereits eine Woche vor dem Opec+-Gipfel in Wien betont, dass er mit dem derzeitigen Ölpreis leben kann. Doch dem Widerstand der Russen zum Trotz hat Saudi-Arabien den Einsatz immer weiter erhöht. Zunächst schlug ein Opec-Expertengremium Förderkürzungen von 600.000 bis einer Million Barrel pro Tag bis Sommer 2020 vor.

Schließlich drängte die saudische Delegation die Opec dazu, Produktionskürzungen von 1,5 Millionen Barrel pro Tag bis Jahresende unter Einbeziehung Russlands zu fordern – wohl wissend, dass der russische Energieminister dem nur schwer zustimmen konnte. Zudem hatte die Opec ausgeschlossen, ihre Förderung zu drosseln, sollte Russland nicht mitziehen. „Beide Seiten wollten ihr Gesicht wahren“, kommentiert Giovanni Staunovo, Rohstoffexperte der Schweizer Bank UBS die Verhandlungen. „Das Scheitern ist das Resultat.“ RBC-Expertin Croft ergänzt: „Das ist eine Lose-Lose-Situation. Davon hat keiner etwas.“

Für bin Salman ist es erst die zweite Opec-Sitzung als Verhandlungsführer. Der Prinz hatte Ende vergangenen Jahres das Amt vom langjährigen Ölminister Chalid al-Falih übernommen. Das Verhältnis zwischen al-Falih und Nowak galt als sehr gut. „Bin Salman und Nowak verstehen sich nicht so gut“, sagt UBS-Experte Staunovo. Zudem fehle dem neuen saudischen Ölminister Verhandlungsgeschick und Kompromissbereitschaft.

Höhere Volatilität

Völlig offen ist, wie es nach dem Zerwürfnis mit der Opec+-Allianz weitergeht. Sie steht für die Hälfte der weltweiten Ölproduktion. „Wenn die Opec+ ihrer Funktion als Marktmanager nicht mehr erfüllt, muss der Preis Angebot und Nachfrage ausgleichen“, sagt Staunovo. Das bedeute: Fallende und stärker schwankende Ölpreise.

Für viele Opec-Staaten ist das der schlimmste Fall. Kein Wunder also, dass sich die übrigen Opec-Verhandler um Schadensbegrenzung bemühten. Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo sagte, er hoffe, Russland werde an den Verhandlungstisch zurückkehren. Suhail Al Mazrouei, Ölminister der Vereinigten Arabischen Emirate, trat fast flehend vor die Kameras: „Wir hoffen, dass unsere russischen Freunde nur etwas Bedenkzeit brauchen und zurückkommen. Wann immer sie uns treffen wollen, ob in zehn Tagen oder in zwei Tagen, können wir uns treffen.“

Doch bis es dazu kommt, könnte noch etwas Zeit vergehen, meint UBS-Analyst Staunovo. „Es muss erst weh tun, bis die Beteiligten an den Verhandlungstisch zurückkehren.“

Schmerzhaft könnte der Kollaps der Opec+-Verhandlungen jedoch auch für den wichtigsten Rivalen des Ölkartells werden – die US-Schieferölindustrie. Die durch den Coronavirus ausgelöste Marktpanik hat auch die Risikoaufschläge für Anleihen von US-Energiefirmen emporschnellen lassen. Viele Schieferölförderer haben ihr jahrelanges aggressives Wachstum durch die Aufnahme hoher Schulden finanziert. Nun stehen sie doppelt unter Druck: Die Investoren ziehen Kapital ab und die niedrigen Ölpreise lassen die Einnahmen einbrechen.

Fest steht: Wenn allein der Markt den Preis bestimmt, brechen sowohl für die Opec-Länder als auch für die US-Ölfirmen harte Zeiten an.