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Warum Zahlungsdienstleister aktuell so gefragt sind

Die Branche der Zahlungsdienstleister boomt, zugleich tobt ein harter Konkurrenzkampf. Tech-Konzerne haben den Markt entdeckt – anders die Banken.

Wer wissen will, wie verrückt es derzeit in der Branche der Zahlungsdienstleister zugeht, muss nach Bamberg schauen. Im beschaulichen Franken residieren die Firma Computop und ihr Co-Chef Ralf Gladis. Gladis hat eine Art Luxusproblem: Er will Computop auf keinen Fall verkaufen, weder heute noch morgen. Beim Netzwerk LinkedIn ignoriert Gladis Anfragen von Managern, die für potenzielle Aufkäufer arbeiten. „Firewall gegen Finanzinvestoren“ nennt er diese Praxis.

„Wir verhandeln nicht mit Investoren, egal ob es um Finanzinvestoren geht oder um ein anderes Unternehmen“, sagt der Mitgründer und Geschäftsführer, dem 50 Prozent des Unternehmens gehören. Vor einigen Tagen verschickte Computop sogar eine Pressemitteilung zu dem Thema. Computop stehe nicht zum Verkauf und befinde sich auch nicht in einem Verkaufsprozess, heißt es darin, das „nicht“ jeweils gefettet. Wer das Gegenteil behaupte oder andeute, betreibe „mutwillig Falschinformation“.

Mit der ungewöhnlichen Mitteilung reagierte Gladis auf die hartnäckigen Gerüchte, dass Verhandlungen über eine Übernahme von Computop liefen. Dabei hätten der Co-Chef und die anderen Anteilseigner bei einem Verkauf einiges zu gewinnen. Beobachter taxieren den Wert der mittelständischen Firma mit 140 Mitarbeitern, die große Kunden wie die Autovermietung Sixt, den Handelskonzern Otto Group und den Textfilialisten C & A bedient, auf einen dreistelligen Millionenbetrag.

Viel Geld – und ein Beispiel dafür, dass die gesamte Branche immer mehr Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das liegt auch an der jüngsten Serie der Milliardenübernahmen: Binnen weniger Monate haben drei US-Zahlungsdienstleister Zukäufe angekündigt. Insgesamt summieren sich die Deals auf über 80 Milliarden Dollar (71 Milliarden Euro). Der jüngste spektakuläre Zukauf: Ende Mai gab der US-Zahlungsdienstleister Global Payments bekannt, Total System Services (TSYS) zu übernehmen.

„Die jüngsten Übernahmen waren alle sehr teuer“, sagt Martina Weimert, Partnerin der Unternehmensberatung Oliver Wyman. Aber es gebe noch viel Potenzial. Das hat vor allem einen Grund: Das Geschäft boomt. Verbraucher zahlen weltweit immer weniger mit Bargeld, wodurch die Volumina von Karten- und Onlinezahlungen rasant steigen. Die Branche scheine auf so etwas wie eine „goldene Zeit“ zuzusteuern, schrieb die Beratungsfirma McKinsey jüngst.

Sie prognostiziert, dass die Erträge im Zahlungsverkehr weltweit von zuletzt knapp 1,9 Billionen Dollar jährlich auf gut 2,9 Billionen Dollar im Jahr 2022 nach oben schnellen werden, wobei ein großer Teil aus Schwellenländern kommt und auch Erlöse aus Girokonten sowie Zinsgeschäften mitgerechnet werden.

Das macht Zahlungsdienstleister attraktiv, die mitunter stark spezialisiert sind und grob gesagt zwei verschiedene Services anbieten: Ein Teil der Unternehmen kümmert sich um den juristischen Vertragsrahmen und wickelt bargeldlose Transaktionen ab. Sie sorgen also dafür, dass das Geld vom Verbraucher zum Händler wandert, im Fachjargon werden diese Firmen „Acquirer“ genannt.

Andere Anbieter, sogenannte „Payment Service Provider“, wie beispielsweise Computop, bauen als IT-Dienstleister verschiedene Zahlungsmethoden – Kreditkarte, Paypal, Kauf auf Rechnung – in die Onlineshops ein, oft inklusive Betrugsprävention und Abrechnung. Und einige Firmen wie Adyen aus Amsterdam sowie Wirecard aus München sind dafür bekannt, dass sie seit Langem beides aus einer Hand erledigen.

Welche hohen Erwartungen Investoren an die Zukunft der Zahlungsdienstleister richten, zeigt Adyen: Binnen eines Jahres ist die Aktie um 44 Prozent nach oben geschossen. Wirecard erlebt dagegen eine Achterbahnfahrt an der Börse: Die Münchener Firma, erst im vergangenen Herbst in den deutschen Leitindex Dax aufgestiegen, kommt nicht aus den Schlagzeilen.

In der Niederlassung in Singapur kam es zu bilanziellen Unregelmäßigkeiten, Investoren kritisieren die Konzernstruktur als intransparent und die Kommunikation als mangelhaft.

Auch Adyen und Wirecard gelten aus Unternehmen, an denen größere Spieler aus der Branche Interesse haben könnten. Experten gehen davon aus, dass die Fusionswelle weiter rollt: Es sei bisher ein „geschäftiges Jahr mit großen Deals, die die Branche wandeln“, schreibt Sanjay Sakhrani, Analyst der Investmentbank Keefe, Bruyette & Woods. Seiner Ansicht nach setzt sich der Trend zur Konsolidierung wahrscheinlich fort – unter anderem wegen des wachsenden Wettbewerbs unter Zahlungsdienstleistern.

Gerade in Europa ist der Markt noch relativ zersplittert – trotz etlicher Deals im vergangenen Jahr, auch hier wurde die Milliardenmarke mehrfach geknackt. „ Die Trends sind ähnlich wie in den USA, allerdings ist der Zahlungsverkehr in Europa noch stark an den einzelnen nationalen Märkten ausgerichtet“, meint Reinhard Höll, Zahlungsverkehrsexperte bei McKinsey.

Wettbewerbshüter dürften europäischen Payment-Champion nicht akzeptieren

Das könnte sich ändern, auch „weil die EU-Kommission auf einen einheitlichen europäischen Zahlungsverkehr drängt“. Gleichwohl dürften die EU-Wettbewerbshüter große Zusammenschlüsse oder gar einen europäischen Payment-Champion nicht akzeptieren.

Markus Ampenberger, Zahlungsexperte beim Berater Boston Consulting Group, weist darauf hin, dass nicht nur strategische Investoren Interesse an Zukäufen in der Branche haben, sondern auch Finanzinvestoren. Einige Zahlungsdienstleister gehören bereits Private-Equity-Fonds – und manche haben offenbar auch Computop im Visier.

Größenvorteile werden in der Branche immer wichtiger. Ein Grund dafür ist der harte Konkurrenzkampf vor allem unter den Zahlungsabwicklern. Sie erhalten nur einen kleinen Anteil der über sie abgewickelten Umsätze. Besonders in Europa sind die Gebühren gedeckelt. „Angesichts des Wettbewerbs fehlt den meisten Unternehmen die Zeit, nur organisch zu wachsen“, erklärt Weimert.

Wer nicht geschluckt werden will, muss selbst zukaufen – oder neue Geldgeber finden. Der Heidelberger Zahlungsabwickler Heidelpay etwa sucht nach einem neuen Investor oder Käufer und sondiert derzeit den Markt, wie Firmenchef Mirko Hüllemann kürzlich sagte. Heidelpay wolle weiterwachsen, „und das geht in einem Markt, der sich gerade konsolidiert, nur mithilfe von Zukäufen“.

Obendrein werden die Händler, besonders die großen, global agierenden, anspruchsvoller. Sie verzahnen ihr Geschäft online und im Laden – und das über Ländergrenzen hinweg. Um ausreichend Gewinne zu erwirtschaften und um in immer neue Technologien und Services für Händler zu investieren, ist ein großer Marktanteil wichtiger denn je.


Paypal weitet Geschäftsmodell aus

Noch härter wird der Wettbewerb durch neue Rivalen. So strebt der US-Onlinebezahldienst Paypal in das Geschäft der traditionellen Zahlungsdienstleister und bietet Onlinehändlern Zusatzservices wie Betrugsprävention und Kredite an.

Vor einem Jahr kaufte Paypal für 2,2 Milliarden Dollar das schwedische Finanz-Start-up iZettle, das mobile Kartenlesegeräte für den Handel bereitstellt. „Viele Zahlungsdienstleister versuchen, aus der Nische, die sie bisher besetzt haben, herauszukommen“, meint Höll von McKinsey. Ihr Ziel sei es zum Beispiel, zusätzliche Dienstleistungen für den Handel anzubieten – wie etwa Betrugsprävention oder das Management von Warenretouren.

Auch Tech-Konzerne interessieren sich längst für den Zahlungsverkehr. Risikokapitalgeber haben im vergangenen Jahr fast 19 Milliarden Dollar in Unternehmen der Branche investiert, wie Zahlen des Analysehauses Pitchbook zeigen. Fast fünfmal so viel wie im Jahr davor.

Allein der chinesische Bezahldienst Ant Financial sammelte 14 Milliarden Dollar ein. Der Trend hält an. Die kalifornische Zahlungsplattform Stripe erhielt binnen zwölf Monaten 345 Millionen Dollar von Investoren ein und wird nun mit 22,5 Milliarden Dollar bewertet.

Googles Mutterkonzern Alphabet und der US-Softwarekonzern Salesforce investierten 75 Millionen Dollar in Go Cardless, die britische Firma konzentriert sich auf einfache Bezahlung per Lastschrift. Das schwedische Fintech Klarna sammelte noch einmal 100 Millionen Dollar ein. Klarna wurde 2005 als Anbieter von Rechnungskauf für den Onlinehandel gegründet und hat sein Geschäftsmodell seitdem stetig erweitert, die Firma gibt auch eine Kreditkarte heraus und leiht Händlern Geld.

Kryptowährung von Facebook

Das soziale Netzwerk Facebook verfolgt unterdessen ganz eigene Pläne: Das größte soziale Netzwerk will Anfang kommenden Jahres mit seiner eigenen Kryptowährung „Libra“ an den Start gehen und könnte damit den traditionellen Zahlungsverkehr gehörig durcheinanderwirbeln. Zusammen mit Kreditkartenfirmen und Internetkonzernen plant der Konzern eine Alternative zu herkömmlichen Währungen wie Euro oder Dollar.

Die Idee: Die Nutzer von Facebook, Instagram und WhatsApp können künftig Geld überweisen, ohne auf die Dienste von Banken angewiesen zu sein. Wahrscheinlich müssen sich auch die traditionellen Spieler im Zahlungsverkehr mit Libra auseinandersetzen. Facebooks Vorstoß zum Bezahlen per Kryptowährung dürfte für die Onlinehändler deutlich niedrigere Gebühren bedeuten.

Tech-Giganten wie Google und Apple sind bereits mit ihren Bezahlverfahren für das Smartphone, Google Pay und Apple Pay, am Start. Der Onlinehändler Amazon hat seit Langem einen eigenen Bezahldienst – Amazon Pay.

An den Banken gehen die neuen Entwicklungen der Zahlungsdienstleister inzwischen zum Großteil vorbei. „Die Institute haben Schwierigkeiten, mit dem Innovationstempo in der Zahlungsverkehrsbranche mitzuhalten“, meint Oliver-Wyman-Expertin Weimert. Die Geldhäuser verdienen zwar ein bisschen bei jeder Zahlung per Kredit- oder Bankkarte. Aber neue Bezahlmethoden wie Apple Pay wollen ebenfalls einen Teil der Gebühren abgreifen.

Außerdem sind die Geldhäuser im Acquiring und als Payment Service Provider kaum noch aktiv. Die Zahlungen im Internet laufen schon heute oft an den Banken vorbei – wobei deutsche Verbraucher derzeit noch am liebsten per Rechnung und Lastschrift bezahlen. Ein schwacher Trost für die Geldhäuser. Denn der mit hohen Erwartungen gestartete Bezahldienst der deutschen Kreditwirtschaft, Paydirekt, läuft enttäuschend. Mit Paypal kann er es nicht aufnehmen.

Diese Diagnose gilt nicht nur für die deutsche Finanzbranche. Aber hier wurde der Rückzug der Banken aus der Zahlungsanbahnung und -abwicklung besonders deutlich. Anfang 2017 verkauften die deutschen Geldhäuser ihren Zahlungsdienstleister Concardis an die Finanzinvestoren Bain und Advent.

An Concardis beteiligt waren die Deutsche Bank und die Commerzbank, die genossenschaftliche DZ Bank sowie die Sparkassen. Inzwischen hat der dänische Zahlungsdienstleister Nets Concardis übernommen. Zudem haben die Sparkassen ihren Zahlungsdienstleister BS Payone mit Ingencio aus Frankreich zusammengelegt.

Computop-Chef Gladis dagegen ist froh, dass seine Firma unabhängig ist – von Banken oder einem großen Mutterkonzern. „Selbst große Handelskonzerne brauchen individuelle Dienstleistungen im Zahlungsverkehr“, sagt er. „Wir können als mittelständisches, unabhängiges Unternehmen gut darauf eingehen und bauen mit unserer selbst entwickelten Technik auch Lösungen extra für einzelne Unternehmen.“ Genau das scheint auch den unerwünschten Investoren zu gefallen.