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Immer mehr Menschen leben nur von Kapital – wie geht das?

Nullzinsen und Inflation sorgen dafür, dass das Ersparte der Deutschen stetig schmilzt. Trotzdem hat sich die Zahl der Privatiers nahezu verdoppelt. Wie kann das sein? Der Blick hinter die Zahlen.

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Alle paar Monate erreichen neue Hochrechnungen die Öffentlichkeit mit schockierenden Zahlen darüber, wie viel Geld die Deutschen bislang durch die Niedrigzinsen verloren haben. Zwischen 30 und 54 Milliarden Euro Miese machen deutsche Sparer demnach pro Jahr. Zwischen 2000 und 2019 soll so laut DZ Bank ein Verlust von knapp 650 Milliarden Euro zusammengekommen sein.

Wer Geld hat, der kann es also nicht mehr einfach für sich arbeiten lassen, so scheint es. Ganz im Gegenteil verflüchtigt sich das Geld durch Nullzins und Inflation ganz von allein.

Umso erstaunlicher muten Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) aus dem Mikrozensus an, die die Zahl der Privatiers in Deutschland zeigen. Privatiers sind all jene, deren Haupteinkommen aus Kapitaleinkünften besteht. Die amtliche Statistik erfasst hierzu Personen, deren überwiegender Lebensunterhalt aus eigenem Vermögen, Vermietung, Altenteil oder eben Zinsen besteht. Die Zahl dieser Privatiers hat sich seit dem Jahr 2000 nahezu verdoppelt.

Regional betrachtet leben die meisten der bundesweit knapp 630.000 Privatiers dort, wo die größte Wirtschaftskraft sitzt, also in Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Vergleichsweise viele Privatiers leben ebenfalls im wirtschaftlich schwachen, aber als Alterssitz geschätzten Schleswig-Holstein. Auch in den neuen Bundesländern gibt es neuerdings Privatiers – im Jahr 2000 war ihre Zahl in den Flächenländern noch so gering, dass das Statistische Bundesamt sie nicht auswies.

Naheliegenderweise gelingt vor allem Senioren ein Leben als Privatier: Nahezu zwei Prozent aller Männer über 65 Jahren leben nur von Kapital. Gleichzeitig nähert sich unter den Senioren die Zahl der männlichen und der weiblichen Privatiers an, vor allem wohl deshalb, weil viele Seniorinnen von Erbschaften profitieren. Insgesamt ist die Zahl der Privatiers in Deutschland so auf nahezu ein Prozent der Bevölkerung gestiegen.

Aber wie kann das sein? Wie gelingt es diesen knapp 630.000 Menschen, den Nullzinsen so erfolgreich zu trotzen?

Der offensichtlichste Grund ist, dass die deutsche Gesellschaft bei der Geldanlage ein tiefer Graben durchzieht: Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen setzen vor allem auf klassische Giro- und Sparkonten. Genau jene Geldanlagen also, auf denen sich das Ersparte durch Inflation und Nullzins selbst entwertet.



Wohlhabende Deutsche hingegen nutzen zwar in aller Regel auch Girokonten für ihre alltäglichen Geldgeschäfte. Ihr Erspartes lagert jedoch anderswo – dort, wo es Rendite bringt.

Zum einen heißt das: an der Börse, in Form von Aktien oder Fonds, aber auch Anleihen, etwa aus dem besser verzinsten US-amerikanischen Raum. Zum anderen setzen reiche Deutsche vor allem auf Immobilien.

Das Thema Immobilien – gewissermaßen der zweite große Graben durch die hiesige Vermögenslandschaft – polarisiert in Deutschland deutlich stärker als in anderen Ländern. In keinem anderen europäischen Land gibt es so wenige Immobilieneigentümer wie hier. Gleichzeitig liegen laut dem diesjährigen Global Wealth Report der Großbank Credit Suisse fast 60 Prozent des deutschen Vermögens in Sachwerten, darunter vor allem in Immobilien. Das oberste Prozent der Deutschen wiederum hält demselben Bericht zufolge 30 Prozent aller Vermögen.


All das deutet darauf hin, dass das größte Erfolgsgeheimnis der deutschen Privatiers in ihrem Immobilienbesitz liegt. Schließlich bieten auch Miet- und Pachteinnahmen ein regelmäßiges Einkommen, und das ganz unabhängig von den Nullzinsen der Banken.

Wobei, ganz unabhängig eben nicht: Schließlich sind es die Zinsen, die Immobilien- und auch Grundstückspreise in die Höhe treiben. Wer Vermögen in Form von Immobilien hat, profitiert also sogar von den Nullzinsen.

Hinzu kommt, dass in Deutschland immer mehr vererbt wird, gerade in den wohlhabenden Haushalten. Es ist also davon ausgehen, dass die Zahl der Privatiers künftig noch weiter steigen wird, trotz oder gar weil die Niedrigzinsen weiter andauern dürften.