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Sie wurde als neuer Steve Jobs gefeiert, nun droht ihr Gefängnis: Aufstieg und Fall der einst jüngsten Selfmade-Milliardärin Elizabeth Holmes

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Elizabeth Holmes auf dem Weg ins Gericht.
Elizabeth Holmes auf dem Weg ins Gericht.

2014, im Alter von nur 30 Jahren, war Elizabeth Holmes ganz oben angekommen. Ihr Unternehmen Theranos versprach, Bluttests für immer zu verändern: Nur wenige Tropfen aus der Fingerkuppe sollten reichen, um auch umfangreiche Analysen durchzuführen. Eine revolutionäre Idee einer Frau, die als Genie gefeiert und von Medien als weiblicher Steve Jobs bezeichnet wurde. Holmes war die jüngste Selfmade-Milliardärin der Welt, Theranos ein heiß gehandeltes Startup im Silicon Valley. Doch dann brach alles zusammen.

Am vergangenen Montag wurde Holmes, mittlerweile 37 Jahre alt, an einem Bundesgericht im US-Staat Kalifornien wegen Betrugs in vier von elf Punkten schuldig gesprochen. Damit drohen ihr jeweils bis zu 20 Jahren Haft – insgesamt 80 Jahre. Damit ist in Kalifornien nun ein spektakulärer Prozess zu Ende gegangen, der einem Wirtschaftskrimi in nichts nachsteht: Die ehemalige Vorzeigeunternehmerin Elizabeth Holmes, die ausgezeichnet mit Unternehmern und Ex-Politikern vernetzt war, wurde zu Fall gebracht – Whistleblower und Journalisten ließen sich dabei nicht von teuren Anwälten einschüchtern. Doch alles ganz von vorn.

Analyse mit nur wenigen Tropfen Blut aus den Fingern

Eigenen Aussagen nach hatte Elizabeth Holmes' Ururgroßvater Christian Holmes, ein Chirurg, sie dazu inspiriert, Medizin zu studieren. Doch schnell sollte sie herausfinden, dass sie Angst vor Nadeln hatte. Sie brach also ihr Studium an der Elite-Uni Stanford ab und gründete mit nur 19 Jahren die Firma Theranos.

Das Versprechen des Unternehmens: mit nur wenigen Tropfen Blut Patienten auf Hunderte Krankheiten, Cholesterinwerte oder gar Krebs untersuchen zu können. Schnell wurde Holmes als Visionärin gefeiert, die Gesamtbewertung von Theranos erreichte in den Finanzierungsrunden bis zu neun Milliarden US-Dollar. Die US-amerikanische Drogerie-Kette Walgreens stieg ein und machte in Dutzenden Läden Platz für Theranos-Teststationen. Holmes selbst wurde zur jüngsten Selfmade-Milliardärin der Geschichte, die ihre Investoren nur unter einer Bedingung einsteigen ließ: Sie mussten damit leben, dass Holmes nicht verriet, wie genau ihre Technologie funktionierte. In etwa wie beim Märchen "Des Kaisers neue Kleider" …

Denn die Technologie, die Theranos vermeintlich nutzte, funktionierte zu keinem Zeitpunkt verlässlich, wie sich später herausstellte. So wurden Tests nicht mit eigenen Maschinen der Firma, sondern mit Labortechnik anderer Hersteller durchgeführt. Investoren und der Öffentlichkeit wurde das verschwiegen. Ein zentrales Problem dieser Methode war allerdings, dass die Maschinen der Konkurrenz auf größere Mengen Blut aus den Venen der Patienten ausgelegt waren. Doch das Versprechen von Theranos war es, dass nur wenige Tropfen reichten. Um dem gerecht zu werden, wurden die Blutproben bestehend aus einigen Tropfen gestreckt. Das aber beeinträchtigte die Genauigkeit einiger Tests.

Ein Journalist deckte die Probleme des Bluttest-Startups schließlich auf

Dass Theranos nicht seine eigenen Analysen durchführte, hatte der "Wall Street Journal"-Reporter John Carreyrou im Oktober 2015 aufgedeckt. Theranos versuchte zunächst mithilfe von Anwälten, die Berichterstattung zu unterdrücken. Holmes stritt alle Vorwürfe ab, aber die Recherchen der US-Zeitung riefen Regulierungsbehörden auf den Plan, die unter anderem die Labore der Firma unter die Lupe nahmen. Und das zuvor gehypte Milliarden-Startup musste schließen – seine Geldgeber gingen leer aus.

Zu den Investoren gehörte ironischerweise auch der Verleger des „Wall Street Journal“, Medien-Tycoon Rupert Murdoch. Holmes war ausgezeichnet vernetzt. Sie hatte einflussreiche Persönlichkeiten aus der Politik in den Verwaltungsrat ihrer Firma geholt: die ehemaligen Ex-US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz oder Donald Trumps späteren Verteidigungsminister James Mattis. Sie sollten Theranos zu Glaubwürdigkeit verhelfen.

Anklage erhoben gegen Elizabeth Holmes wurde schließlich im Jahr 2018. Doch der Prozess begann erst im vergangenen Herbst. Vorgeworfen wurde ihr, Geldgeber bewusst getäuscht zu haben. Die Unternehmerin beteuerte stets, sie habe aufrichtig an ihre Technologie geglaubt und als Chefin nicht über alle Probleme Bescheid wissen können. Die Geschworenen eines Bundesgerichts im kalifornischen San Jose befanden allerdings, dass Holmes ihre Investoren hinters Licht geführt habe, um an Geld für ihr Startup zu kommen. In vier der insgesamt elf Anklagepunkte wurde sie am vergangenen Montag für schuldig gesprochen.

Die 37-Jährige, die vor Prozessbeginn Mutter wurde, kann gegen das Urteil in Berufung gehen. Über das Strafmaß wird Richter Edward Davila zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden. Prozessbeobachter in den USA gehen davon aus, dass die Strafe milder ausfallen dürfte als die maximal möglichen 80 Jahre Gefängnis.

Immerhin eine Verbindung zu Steve Jobs bleibt Elizabeth Holmes am Ende. Apple plant, die Geschichte der Hochstaplerin für seine hauseigene Streaming-Plattform Apple TV+ als Film zu produzieren. Der Titel des Dramas mit Jennifer Lawrence als Holmes in der Hauptrolle: „Bad Blood“.

Mit Material der dpa

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