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Italien setzt auf „Wuhan-Lösung“ – 168 weitere Corona-Tote und 1000 Neuinfektionen

Die Regierung will die Coronakrise mit drastischen Mitteln eindämmen. Andere Länder reagieren auf die Verschärfung der Lage und schließen die Grenzen oder stoppen den Reiseverkehr.

Jeder Reisende, auch ins Ausland, muss ein Formular ausfüllen, mit dem er den Grund der Reise angibt. Foto: dpa

Italien steht für mindestens einen Monat still, um die erschreckend schnelle Ausbreitung des Coronavirus in den Griff zu bekommen. Im ganzen Land gilt ein Reiseverbot. Wer sich dennoch fortbewegen will, muss das begründen. Premier Giuseppe Conte weitete am Montagabend die Beschränkungen auf das ganze Land aus, die er erst in der Nacht zuvor für die Lombardei und 14 Provinzen im Norden festgelegt hatte. „Es gibt keine rote Zone mehr, sondern nur noch das geschützte Italien“, sagte er. Die ökonomischen Auswirkungen und die Neuverschuldung Italiens sind kaum zu kalkulieren.

Italien geht im Kampf gegen Covid-19 weiter als jedes andere Land in Europa. Schon ist von der „Wuhan-Lösung“ die Rede, benannt nach der Stadt in China, in der das Virus zuerst ausbrach und die hermetisch abgeriegelt wurde. Grund für die italienische Strenge ist der starke Anstieg von Infizierten. Der Zivilschutz teilte am Dienstagabend aktuelle Zahlen mit: Die Zahl der Toten im Zuge der Coronavirus-Welle stieg binnen 24 Stunden um 168 von 463 auf 631.

Die Gesamtzahl der gemeldeten Infizierten sprang zugleich um fast 1000 und liegt nun über der 10.000er-Marke bei 10.149 Menschen. Am Vortag hatten die Behörden noch 9.172 Infektionen im Zuge des Ausbruchs gezählt.

1.004 Menschen sind inzwischen wieder genesen. Es dürfte Experten zufolge eine hohe Dunkelziffer bisher nicht registrierter Infektionen geben.

„Diese Zahlen sagen uns, dass wir einen großen Anstieg von Menschen auf der Intensivstation haben und leider auch bei den Toten“, sagte Conte. „Deshalb müssen wir jetzt unsere Gewohnheiten ändern, jeder muss auf etwas verzichten zum Wohl Italiens.“ Und das müsse sofort geschehen.

Das Dekret schränkt die Bewegungsfreiheit der 60 Millionen Einwohner in der drittgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone drastisch ein. Die Bestimmungen gelten zunächst bis zum 3. April. Man darf seine Stadt oder Gemeinde nur verlassen, wenn man dringende Gründe hat, wie den Weg zur Arbeit, Gesundheit oder einen Notfall. Im Netz kann man sich ein Formular für eine Ausnahmeregelung herunterladen. Die Regierung verschickte am Dienstag eine fünfseitige Erklärung, wie genau die Maßnahmen umgesetzt werden müssen.

Österreich erlässt Einreisestopp

Abgesperrt ist das Land jedoch nicht. Zug- und Flugverkehr sind weitgehend intakt, und die Autobahnen bleiben offen, um den Warentransport zu ermöglichen. Doch es gibt Kontrollen. Jeder Reisende, auch ins Ausland, muss das Formular mit den Gründen für seine Reise ausfüllen. Diese Regel hatte seit Sonntag schon für die Lombardei gegolten. Immer mehr Fluggesellschaften hatten ihre Flüge nach Norditalien beschränkt und werden das nun wohl auf das ganze Land ausweiten.



Nachbar Österreich reagierte sofort. Die Regierung erließ einen Einreisestopp, der ab Mittwoch gilt. „Das oberste Ziel ist es, das Einschleppen von Krankheiten zu verhindern“, sagte Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP). Nur noch Reisende mit einem ärztlichen Attest dürfen ins Land. „Wir machen Grenzkontrollen. Eine Einreise ist nur mit einem Gesundheitszertifikat möglich“, kündigte Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) an. Auch Slowenien kündigte am Abend an, die Grenzen zu Italien zu schließen.

Österreich kappt auch die Verbindungen per Flugzeug und Bahn nach Italien. Österreicher in Italien sollen organisiert in ihre Heimat zurückgebracht werden. Die spanische Regierung hat ab Mittwoch alle Flüge zwischen Italien und Spanien bis zum 25. März verboten, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren. Die französische Fluggesellschaft Air France kündigte an, ab 14 März alle Verbindungen nach Italien einzustellen.

In beiden Ländern gelten Vorschriften ähnlich wie in Italien: Sport ohne Publikum, keine Massenveranstaltungen. In Deutschland untersagt Nordrhein-Westfalen Veranstaltungen mit mehr als 1 000 Teilnehmern. Griechenland schließt Schulen, Universitäten und Kindertagesstätten für zwei Wochen, die Region Madrid ebenfalls.

Conte sagte, zusammengefasst habe sein Dekret das Motto: „Ich bleibe zu Hause.“ Das bedeutet auch, dass landesweit alle Bars und Restaurants ab 18 Uhr schließen müssen, dass Versammlungen auch im Freien verboten sind, dass Sportveranstaltungen abgesagt werden und die erste italienische Fußballliga, die Serie A, ab sofort gestoppt ist.



Schulen und Universitäten bleiben bis zum 3. April geschlossen – danach beginnen die Osterferien. Es gibt keine Gottesdienste, Trauungen, Taufen und Beerdigungen. Der Vatikan schloss nach den Museen am Dienstag auch den Petersplatz und den Petersdom. Für alle Menschen gilt ein Sicherheitsabstand von einem Meter.

Die ersten Reaktionen der Italiener sind zustimmend. Es sei Leichtsinn, heute noch zu behaupten, das Coronavirus sei nicht viel mehr als eine leichte Erkältung, heißt es in einem Zeitungskommentar. „Der Staat hat seinen Anteil geleistet mit den drastischsten Maßnahmen, die je eine Demokratie ergriffen hat“, schreibt „La Repubblica“. „Jetzt ist es an uns Bürgern, unseren Teil zu leisten, indem wir jede Selbstdisziplin und jeden Bürgersinn einsetzen, zu dem wir fähig sind.“

Die Regierung und die Banken helfen Hausbesitzern. Hypothekenzahlungen würden landesweit ausgesetzt, sagte Wirtschaftsstaatssekretärin Laura Castelli dem Radiosender Radio Anch‘io. Am Montag hatte der italienische Bankenverband ABI erklärt, dass kleine Unternehmen und Haushalte, die unter den wirtschaftlichen Auswirkung des Coronavirus leiden, ihre Zahlungen aussetzen könnten.

Am Mittwoch soll das Regierungsdekret zu den Finanzhilfen für Unternehmen und Familien durch das Parlament gehen. Die Hilfen haben zur Folge, dass Italien das mit Brüssel vereinbarte Defizitziel reißen wird. Die Rede ist nun von 2,5 bis 2,8 Prozent. Bisher will Italien 7,5 Milliarden Euro ausgeben. Längst gilt die Summe als zu gering.



Italien setzt jetzt auf Hilfe aus Europa. Conte sprach mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen – per Videokonferenz. Auch Brüssel ist betroffen. EU-Parlamentspräsident David Sassoli ist freiwillig in Quarantäne gegangen. Auch alle übrigen Parlamentarier und Mitarbeiter sollen nun für mindestens anderthalb Wochen von zu Hause arbeiten. In der EU-Kommission, in Ratskreisen und bei der Nato haben sich Mitarbeiter infiziert.

In Italien sagte Conte seinen Landsleuten noch, er habe sich testen lassen und sei negativ.