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World Energy Outlook: Wie Corona den Energiemarkt neu ordnet

·Lesedauer: 8 Min.

Kohle ist über ihren Zenit, Öl kurz davor, und Solarstrom wird zur günstigsten Energiequelle der Welt: die wichtigsten Erkenntnisse des World Energy Outlook.

Die Coronkrise dürfte die globale Energiewelt nachhaltig verändern.  Foto: dpa
Die Coronkrise dürfte die globale Energiewelt nachhaltig verändern. Foto: dpa

Die Weltgemeinschaft verbraucht weniger Öl, weniger Kohle, weniger Gas und stößt so wenig CO2 aus wie lange nicht mehr. Um ganze sieben Prozent sinken die Treibhausgasemissionen in diesem Jahr. Das ergeben die neuesten Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) in ihrem jüngsten World Energy Outlook.

Die Pandemie ordnet die Energiewelt neu. Während Corona die Ölbranche ins Wanken bringt, zeigen sich erneuerbare Energien wie Wind- und Solarkraft krisenfest. „Wir sehen heute viele Anzeichen dafür, dass die Energiewende extrem an Dynamik gewinnt“, kommentiert IEA-Direktor Fatih Birol die Ergebnisse der aktuellen Studie.

Unternehmen und Staaten reagieren und kündigen immer striktere Klimaziele und mehr Geld für grüne Alternativen an. Je nachdem, wie schnell die Pandemie unter Kontrolle ist, könnte sie der Wende von fossilen zu erneuerbaren Energien den Anstoß geben, den Wissenschaftler seit Jahren fordern. Dabei gilt: Auf lange Sicht würde die Coronakrise auch deren Ausbau dämpfen. Das sind die fünf wichtigsten Veränderungen.

1. Die Ära der Kohle ist vorbei

Seit Jahren fordern Umweltaktivisten das Ende der Kohleverstromung. Die Coronakrise dürfte das Zeitalter der fossilen Energie nun endgültig beendet haben. 2020 fällt die Kohle-Nachfrage mit sieben Prozent so niedrig aus wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. „Dieser Einbruch macht deutlich, dass Kohle tatsächlich schon 2014 ihren Höhepunkt erreicht hatte“, schlussfolgern die Autoren des Energy Outlooks.

Die IEA-Experten gehen nicht davon aus, dass die Nachfrage sich wieder erholt. Bis 2030 könnten acht Prozent weniger Kohle auf dem Markt gefragt sein als noch vor der Pandemie angenommen.

Am stärksten geht die Nachfrage in Europa und den USA zurück. Immer mehr Länder wie Deutschland oder Polen steigen komplett aus der Kohle aus. Der einst mächtigste Energieträger ist weltweit auf dem Rückzug. Daran ändert auch China nichts, dass für die Hälfte der globalen Kohle-Nachfrage verantwortlich zeichnet und weiterhin neue Kraftwerke baut.

Trotzdem ist die Zahl der Kohlekraftwerke weltweit im ersten Halbjahr 2020 erstmals geschrumpft. Einer Studie der Klimaschutzorganisation Global Coal Plant Tracker zufolge sind in den ersten sechs Monaten des Jahres Anlagen mit einer Leistung von 18,8 Gigawatt (GW) ans Netz gegangen.

In derselben Zeit seien Meiler mit mehr als 21 Gigawatt stillgelegt worden. Neben Europa geht die Zahl der neu gebauten Kohlekraftwerke vor allem in Südostasien deutlich zurück. Und Kohle ist nicht die einzige fossile Energie, die ihren Spitzenplatz verliert.

2. Ölboom neigt sich dem Ende zu

Was lange Zeit als undenkbar galt, verkünden jetzt die Ölkonzerne selbst: Das ewige Wachstum bei der Nachfrage des schwarzen Goldes nähert sich seinem Zenit. Das sieht auch IEA-Chef Birol: „Die Ära des weltweiten Wachstums der Ölnachfrage wird in den nächsten zehn Jahren zu Ende sein.“

Je nachdem, wie schnell sich die globale Energienachfrage in den nächsten Jahren erholt, könnte die Nachfrage zwar ab 2025 wieder stärker anziehen, würde aber ab 2030 stagnieren.

Die Ölbranche haben die vergangenen Monate besonders hart getroffen. Knapp 60 Prozent des Weltverbrauchs entfallen auf den Transportsektor. Mit dem wochenlangen Lockdown in fast allen Staaten ist die Nachfrage so eingebrochen, dass der Preis für ein Barrel der US-Sorte WTI zwischenzeitlich sogar ins Minus gerutscht ist.

Die Nachfrage ist im April um über 20 Millionen Barrel pro Tag zurückgegangen und wird laut IEA auch auf das Jahr gesehen im Schnitt um gut acht Millionen Barrel niedriger sein. „Aber mit den heutigen Rahmenbedingungen würde eine Erholung der Weltwirtschaft sie schnell wieder auf das Vorkrisenniveau bringen“, sagt Birol. Diese Aussage steht allerdings konträr zu dem, wovon einige in der Ölbranche selbst mittlerweile ausgehen.

Der Londoner Ölriese BP schreibt in seinem neuesten Energy Outlook sogar, dass die Hochphase des Ölbooms schon längst überschritten sein könnte. „In der modernen Energiegeschichte gab es noch nie einen absoluten Nachfragerückgang der fossilen Rohstoffe. Das ändert sich jetzt“, verkündete BP-Chefökonom Spencer Dale.

Andere Unternehmen wie Shell und Total nähern sich in ihrer Prognose eher den Berechnungen der IEA an. Die Quintessenz: Spätestens ab 2030 dürfte der Ölboom ein Ende finden.

3. Ungewisse Zukunft für Gas

Erdgaskraftwerke sollten die verlässliche Übergangstechnologie auf dem Weg zur Umstellung auf erneuerbare Energie werden. Aber auch die Aussichten der dritten fossilen Kraft haben sich mit der Krise deutlich eingetrübt.

Nachdem die Nachfrage nach Gas bereits 2019 mit 1,5 Prozent nur geringfügig gestiegen ist, schrumpft sie in diesem Jahr um drei Prozent. Ähnlich wie der Ölpreis stürzte auch der Gaspreis in den vergangenen Monaten ab und bleibt auf einem niedrigen Niveau. Allerdings war die Situation auf dem Markt schon vor Corona angespannt, weil die Nachfrage sich aufgrund einiger milder Winter deutlich langsamer entwickelt hat als bislang angenommen. Corona könnte den Ausblick nun zusätzlich dämpfen.

Vor allem Länder und Regionen wie China, Indien, Südostasien und der Mittlere Osten sollten die Gasnachfrage in den nächsten Jahren nach oben treiben. „Jetzt kommt es darauf an, wie schnell sich diese Länder von der Covid-19-Krise erholen“, schreiben die IEA-Experten.

Wegen der Rezession gehen die Wissenschaftler allerdings davon aus, dass die Nachfrage bis 2030 mindestens um zwei Prozent weniger wachsen wird als bislang angenommen. Aber auch dann wäre ein Plus von 15 Prozent Wachstum in den kommenden zehn Jahren machbar, heißt es in dem Bericht.

Während China und Indien, die gemeinsam für fast die Hälfte der weltweiten Nachfrage verantwortlich sind, weiter in Gas investieren, könnte Erdgas in der Europäischen Union den Höhepunkt bereits erreicht haben. „Auch wenn es mit Kohleausstiegsplänen und weniger Atomkraft etwas Potenzial für Erdgas in der EU geben würde, wird es das Niveau von 2019 nicht mehr erreichen - Erneuerbare werden diese Lücke füllen“, schreiben die Autoren.

4. Erneuerbare als Gewinner der Krise

Während sich die Aussichten für Öl, Gas und Kohle nachhaltig verschlechtert haben, zeigen sich Wind- und Solarenergie in Krisenzeiten deutlich stabiler. Corona habe die Schnelligkeit des Wachstums von Erneuerbaren nur kurzzeitig gebremst, prophezeit die IEA.

Im Gegensatz zu allen anderen Energieformen erlangen die grünen Alternativen das Vorkrisenniveau nicht nur bereits im nächsten Jahr wieder, sondern werden es 2030 aller Wahrscheinlichkeit nach auch weit übertreffen. Im Schnitt wachsen Wind- und Solarenergie bis dahin bereits jedes Jahr um zehn Prozent.

Gleichzeitig sinken die Kosten für Erneuerbare und für Batterien oder Wasserstoff weiter. Solarenergie ist schon heute in fast allen Ländern auf der Welt günstiger als Strom aus einem neuen Kohle- oder Gaskraftwerk.

„Solarenergie wird der neue König des weltweiten Strommarktes. Nach heutigen Rahmenbedingungen wird Photovoltaik nach 2022 jedes Jahr einen Rekord bei neuen Kapazitäten aufstellen“, sagt IEA-Chef Birol. Sie werde die günstigste Stromquelle, die die Welt je gesehen habe.

Sollten Regierungen und Investoren ihre Klimaziele verschärfen, könnte das Wachstum von Wind- und Solarenergie „sogar noch spektakulärer“ ausfallen. Insgesamt gehen die Experten davon aus, dass Erneuerbare in Zukunft 90 Prozent der wachsenden Energienachfrage decken werden.

5. Risiko für Investitionen in grüne Technologien

All diese Annahmen fußen allerdings auf einer relativ schnellen Erholung ab dem nächsten Jahr. Ist die Pandemie auch 2021 noch nicht unter Kontrolle, warnt die IEA vor den Folgen für die globale Energiewende. Um die Technologien bei den erneuerbaren Energien voranzubringen, braucht es Investitionen. Und die sind in den vergangenen Monaten bereits im gesamten Energiesektor um 18 Prozent eingebrochen.

Die Wirtschaftskrise bringt derzeit viele Unternehmen an und über die Grenze des finanziell Verkraftbaren. Investitionen in Großprojekte für Solar- und Windenergie zeigen sich zwar krisenfester, aber „dafür könnten bei einer langsameren Erholung der Wirtschaft notwendige Investitionen in junge Technologien wie die CO2-Speicherung oder grünen Wasserstoff leiden“, warnt die Studie.

Noch halten Unternehmen und Konsumenten jedoch auch in Zeiten sinkender Umsätze die Investitionen in klimaschonende Zukunftstechnologien aufrecht. So haben sich etwa die globalen Investitionen in Offshore-Windkraft nach Daten von Bloomberg im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf 35 Milliarden US-Dollar verdreifacht.

Experten wie Manfred Fischedick, Vizepräsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie, sehen den Grund dafür in den immer strengeren Rahmenbedingungen der Politik, zum Beispiel in der Europäischen Union. „Auch der Green Deal der EU wirkt hier als Katalysator, ebenso wie entsprechende Konjunkturprogramme im Rahmen der Coronakrise, mit denen die EU ja auch Nachhaltigkeitsziele erreichen will.“

Fazit

Corona verändert das Machtgefüge der Energiewelt. Wie schnell sich dieser Wandel vollziehen wird, hängt aber vor allem davon ab, wie lange die Krise andauert. Eins macht IEA-Direktor Birol allerdings deutlich: „Auch wenn die CO2-Emissionen in diesem Jahr rekordverdächtig gesunken sind, reicht das nicht aus, um die Emissionen auch in Zukunft niedriger zu halten.“

Die Wirtschaftskrise hat das Emissionsvolumen kurzzeitig sinken lassen, aber niedriges Wirtschaftswachstum sei nun mal keine Strategie für einen niedrigen CO2-Ausstoß. Macht die Welt jetzt weiter wie bisher, wäre sie im Jahr 2070 klimaneutral. Dann hätte sich das globale Klima um 1,6 Grad erwärmt. Allerdings nur, wenn jeder Staat und jedes Unternehmen die angekündigten Klimaziele auch pünktlich einhält.