Deutsche Märkte geschlossen

Wohnen im modernen „Plattenbau“: Das sind die fünf schönsten Hochhäuser der Welt

·Lesedauer: 6 Min.

Der Ruf von Hochhäuser hat sich verbessert. Heutzutage lässt es sich dort bestens leben und arbeiten, wie die Finalisten des Internationalen Hochhauspreises beweisen.

Es gab Zeiten, in denen war Wohnen im Hochhaus verpönt, gerade in den berühmt-berüchtigten ostdeutschen Plattenbauten. Diese Zeiten sind längst vorbei – jetzt bieten manche Hochhäuser mehr Luxus als die schönste Villa. Etwa die zwei Wohntürme „Norra Tornen“ in Stockholm – die höchsten Wohngebäude in Schwedens Hauptstadt, die vor zwei Jahren fertiggestellt wurden.

Alle Wohnungen in den 125-Meter-Türmen haben einen Balkon – mindestens. Riesige Fensterflächen bringen auch während Schwedens langer, dunkler Wintermonate das wenige Tageslicht ins Innere. Die Bewohner können über eine App einen Kinoraum für bis zu zehn Personen buchen, ein kleines Apartment für Gäste oder den Versammlungsraum, der mit einer Küche ausgestattet ist und Platz für größere Dinnerpartys bietet. Eine Sauna, ein kleines Fitnessstudio und ein Yoga-Raum sind jederzeit verfügbar.

Im Erdgeschoss der beiden Türme sind Gewerbeflächen untergebracht. Von außen sind die Gebäude nicht weniger spektakulär – die Balkone wechseln sich mit würfelartigen Modulen ab und schaffen „ein skulpturales, brutalistisch anmutendes Vexierspiel“, wie Architekturkenner loben.

Der verantwortliche Architekt der Norra Tornen, Reinier de Graaf, beschrieb die Türme in einem Interview einmal als „Plattenbau for the rich“ – was für ihn keine Beleidigung sei: Der Plattenbau sei für ihn nicht negativ besetzt, sondern berge vor allem durch die serielle Vorfabrikation von Bauteilen einen entscheidenden Faktor für nachhaltige und zukunftsorientierte Architektur.

Und nun haben das Architektenbüro Office for Metropolitan Architecture (OMA) aus Rotterdam und Bauherr Oscar Properties aus Stockholm für das Projekt noch einen prestigeträchtigen Preis gewonnen: Die auf Deutsch „Nördlichen Türme“ genannten Gebäude wurden Sieger im Wettbewerb zum „Internationalen Hochhaus 2020“.

Dieser Preis wurde 2003 gemeinsam von der Stadt Frankfurt mit dem Deutschen Architekturmuseum DAM und der Dekabank ins Leben gerufen und wird seit 2004 alle zwei Jahre vergeben. Die Bauwerke werden nach den Kriterien „zukunftsweisende Gestaltung, Funktionalität, innovative Bautechnik, städtebauliche Einbindung, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit“ bewertet.

Mehr zum Thema lesen Sie exklusiv in Handelsblatt Inside Real Estate, dem Fachbriefing über die Zukunft der Immobilienwirtschaft. Melden Sie sich hier an.

Für eine Nominierung für den weltweit wichtigsten Architekturpreis für Hochhäuser müssen die Gebäude mindestens 100 Meter hoch und in den vergangenen zwei Jahren fertiggestellt worden sein. Der Sieger des Wettbewerbs erhält eine Statuette des international bekannten Künstlers Thomas Demand und ein Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro. 2018 hatte der Büroturm „Torre Reforma“ des Architekten L. Benjamín Romano in Mexiko-Stadt den Preis gewonnen.

„Zukunftsweisende Gestaltung“

Bei der diesjährigen Preisvergabe lobte Museumsdirektor Peter Cachola Schmal so auch die Norra Tornen als „eine neue, städtebaulich prägende Torsituation, die durch ihre skulpturale Wirkung besticht“. Sie repräsentierten eine zeitgemäße und zukunftsfähige Vision für die Stadt und nähmen ein bekanntes stadtgestalterisches Motiv in Stockholm auf. Schließlich wurden Doppeltürme in der schwedischen Hauptstadt bereits in der Vergangenheit als symbolische Tore eingesetzt.

Matthias Danne, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Dekabank, erklärte dazu, die beiden Wohntürme als Tor zur Stadt seien „ein hervorragendes Beispiel für eine Architektur mit zeitlosem Image und einem gewissen Maß an „Understatement“. Der Entwurf sei „ein echter Gewinn für die weitere Entwicklung von Stockholm“.

Vor gut einem Monat hatte die Jury aus Architekten, Tragwerksplanern, Immobilienspezialisten und Architek‧turkritikern bereits fünf Finalisten aus den insgesamt 31 nominierten Hochhäusern aus 14 Ländern ausgewählt. Ein Überblick über die diesjährigen Finalisten.

Der Omniturm in Frankfurt

Unter diesen befand sich auch ein deutsches Gebäude: Der „Omniturm“ in Frankfurt, einer der ersten gemischt genutzten Türme Deutschlands. Mit dem Entwurf des Architekturbüros BIG – Bjarke Ingels Group aus New York/Kopenhagen, realisiert von dem Bauherren Commerzbank, hatte es das erste Hybridhochhaus in einem deutschen Stadtzentrum unter die Finalisten geschafft.

Der Omniturm vereint Gastronomie, Büros, Wohnungen und Geschäfte unter einem Dach. Damit sei das Hochhaus im internationalen städtebaulichen Vergleich auf der Höhe der Zeit, lobte die Jury.

Der Turm ist als schlanke, rationale Stapelung von Geschossen gestaltet, mit zwei den Funktionswechseln folgenden skulpturalen Bewegungen. Die unteren Stockwerke springen vor und zurück, um Terrassen und Arkaden für die öffentlich genutzten Ebenen zu ermöglichen.

Im mittleren Teil des Turms, wo sich die Wohnetagen befinden, schieben sich die Geschosse in einer dem Lauf der Sonne folgenden Spiralbewegung nach außen, ein „Hüftschwung“, der dem Turm Leichtigkeit und Dynamik verleihe, fanden die Juroren, der eine Wende in der von monotonen Bürotürmen geprägten Frankfurter Innenstadt markiere.

Der obere Teil des Omniturms kehrt zurück zur einfachen, effizienten Addition der Etagen, und die Metall-Glas-Fassade steigt gleichmäßig in die Höhe, sodass flexible Grundrisse für die Büronutzung entstehen.

Das Eden in Singapur

Auch schaffte es der bepflanzte Luxus-Wohnturm „Eden“ aus Singapur, konzipiert von Heatherwick Studio aus London, in die diesjährige Finalistenrunde. Muschelförmige Pflanzkübel machen das Gebäude nach Meinung der Jury zum einprägsamen Beispiel für ein Wohnhochhaus. Mit seiner üppigen Bepflanzung zeige es eindrucksvoll das Motto der Stadtentwicklung „City in a Garden“.

Die insgesamt 20 Wohnungen, jede mit einer Wohnfläche von 282 Quadratmetern und einer Raumhöhe von drei Metern, erstrecken sich über jeweils eine ganze Etage. Um ein großes, stützenfreies Wohnzimmer mit anschließendem Hauptbalkon gruppieren sich die übrigen Räume in drei Betonelemente.

Diese außen liegenden Kerne erstrecken sich über die gesamte Gebäudehöhe und bilden zugleich die Tragstruktur. Die üppige Begrünung mit mehr als 20 tropischen Pflanzenarten komplettiert das Gefühl des Wohnens im tropischen Dschungel.

The Stratford in London

Auch der Turm „The Stratford“ aus Londons gleichnamigem Stadtteil schaffte es in die Runde der Finalisten. Der Projektentwickler Manhattan Loft Corporation setzt mit seinem bisher größten Neubauprojekt mithilfe der Londoner Architekten Skidmore Owings & Merrill auf die zukünftige Entwicklung eines bislang wenig bekannten und schon gar nicht schicken Stadtteils Londons.

Das Gebäude vereint Design-Hotel und Design-Wohnen unter einem Dach. Insgesamt haben die Mieter die Wahl zwischen 60 verschiedenen Wohnungstypen, vom Einzimmerapartment mit 40 Quadratmetern bis hin zum großzügigen Vier-Zimmer-Penthouse mit 120 Quadratmetern.

Das Gebäude hat eine in Plisseefalten gelegte Fassade, die den Bau je nach Blickwinkel changieren lässt. Beim Blick von oben wird klar, dass es sich dabei nicht um vorgehängte Verschattungselemente handelt, sondern die Fassade tatsächlich in unzählige Falten gelegt ist.

Leeza Soho in Peking

Ein reines Bürogebäude ist hingegen der 45 Stockwerke hohe Turm Leeza Soho von Zaha Hadid Architects. Er bietet flexible Büroflächen und ist Zentrum des neuen Fengtai-Geschäftsviertel unweit des kürzlich eröffneten Beijing Daxing International Airports im Südwesten von Peking.

Experten loben die herausragende Tragwerksleistung des Gebäudes, dessen Glashülle eigentlich eine Doppelturmanlage verbirgt. Das über 190 Meter hohe Atrium zwischen den Türmen ist das höchste der Welt. Direkt unter dem Turm verläuft eine U-Bahn-Strecke, die ihn im vierten Untergeschoss diagonal teilt.

Mehr: Frankfurt bleibt das Mekka für Hochhaus-Fans – Berlin holt auf.