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WisdomTree muss acht Ölindexprodukte abwickeln – Viele deutsche Anleger betroffen

Der Vermögensverwalter schließt mehrere Öl-ETCs, die mehr als eine halbe Milliarde Euro verwalten. Die Produkte waren auf dem deutschen Markt populär.

Zahlreiche deutsche Anleger müssen in den kommenden Tagen ihre Investments in börsengehandelte Rohstoffprodukte des Vermögensverwalters WisdomTree auflösen. Wie das Unternehmen am Mittwoch bekanntgab, werden insgesamt acht Öl-Indexprodukte, sogenannte Exchange Traded Commodities (ETCs), zwangsabgewickelt. Auch ein Produkt auf CO2-Zertifikate ist betroffen. Grund dafür ist, dass ein Vertragspartner, eine Tochter des Ölmultis Shell, die Zusammenarbeit mit WisdomTree beendet hat.

Shell habe von seinem Recht Gebrauch gemacht, die bestehenden Verträge zu kündigen, teilte der Vermögensverwalter mit. „WisdomTree bietet jedoch weiterhin die breiteste Palette an Öl-Indexprodukten in Europa mit rund 3,4 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen an.“ Shell bestätigte der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass der Ölmulti seine Geschäftsbeziehung mit WisdomTree beendet hat, nannte jedoch keine Gründe für die Entscheidung.

In den neun von der Abwicklung betroffenen ETCs hatten Anleger zuletzt mehr als eine halbe Milliarde Euro investiert. Nach Handelsblatt-Informationen kommt ein signifikanter Teil des investierten Geldes von Privatanlegern und professionellen Investoren in Deutschland.

Zum Verkauf gezwungen

Unter den Produkten sind der „WisdomTree Brent Crude Oil 1 month“ (WKN: A0KRKM), in den Anleger allein 470 Millionen Euro investiert haben. Der ETC basiert auf dem Future für Brent-Öl zur Lieferung in einem Monat und ist Bloomberg zufolge einer der größte seiner Art in Europa.

Zudem ist der „WisdomTree WTI Crude Oil 2mth“ (WKN: A0KRKN) betroffen, mit dem deutsche Anleger auf einen Anstieg des US-Ölpreises WTI spekulieren können. Dort sind 44 Millionen Euro investiert.

Die neun ETCs und Indexzertifikate werden zum 22. Juni 2020 abgewickelt. Anleger können die ETCs noch bis zum 10. Juni an der Börse handeln. WisdomTree empfiehlt betroffenen Kunden, sämtliche Anteile an den ETCs bis zum 10. Juni zu veräußern. Denn in der Zeit vom 10. Juni bis zum 22. Juni können sich die Werte der Anteilsscheine noch ändern, die Anleger können jedoch nicht darauf reagieren und stecken in den Produkten fest. Sie erhalten dann den Betrag zurück, den ihre Anteile am 22. Juni wert sind.

Die Nachricht ist besonders für jene Anleger bitter, die schon länger in den Öl-ETCs investiert sind. Seit Jahresbeginn ist der Preis für Brent-Öl um knapp 60 Prozent gesunken. Wer etwa zu Jahresbeginn Anteile an den Öl-ETCs erworben hat, ist nun gezwungen, die Produkte mit Verlust zu verkaufen.

Allerdings können Anleger das zurückerhaltene Geld in eine Reihe von verwandten Produkten von WisdomTree investieren, die sich sehr ähnlich zu den von der Abwicklung betroffenen ETCs entwickeln. Sollten Anleger zu einem Verkauf mit Verlust gezwungen sein, können sie so darauf hoffen, dass es mit dem Ölpreis und dem Wert der Fondsanteile wieder nach oben geht. WisdomTree betont: „Wir arbeiten mit unseren Vertriebspartner zusammen, um Kunden, die weiter investiert bleiben wollen, in ein adäquates Produkt zu navigieren.“ Eine Auflistung alternativer Fonds in englischer Sprache gibt es hier.

Komplexe Produkte

Die Abwicklung der ETCs offenbart einmal mehr die komplexe Struktur, mit der die Produkte aufgelegt sind. Die Öl-ETCs basieren zwar auf Rohöl-Futures. Doch WisdomTree selbst handelt diese nicht an den Terminbörsen. Der Vermögensverwalter arbeitet dafür über sogenannte Swaps, finanzielle Tauschgeschäfte, mit Handelsabteilungen von Banken und Ölhandelshäusern zusammen.

Doch der Vertragspartner für die neun WisdomTree-Produkte, die Shell Trading Switzerland, eine Tochterfirma von Shell, zog sich aus dem Swap-Geschäft mit dem Vermögensverwalter zurück. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sagt: „Es realisiert sich erneut eines der Risiken, die alle auf Schuldverschreibungen basierende Produkte innehaben.“ Die Finanzinstrumente hätten zwar eine praktisch unbegrenzte Laufzeit. Doch das bedeute nicht, dass es für Anleger auch eine Garantie gebe, dass sie die Papiere unbegrenzt im Portfolio halten können. Die Anbieter der Produkte behalten sich meist das Recht vor, die Produkte zu kündigen.

Wenn Vermögensverwalter etwa einen Fonds schließen, müssen sie Anlegern den kostenlosen Übergang in ein ähnliches Produkt ermöglichen. Doch rechtlich sind die Rohstoffindexprodukte keine Fonds. Für Fonds sehen die EU-Regularien ein Minimum an Diversifikation des Fondsvermögens vor. Das widerspricht jedoch dem Konzept eines Investmentproduktes für einen einzelnen Rohstoff. Daher sind Rohstoffprodukte wie Öl-ETCs meist als Schuldverschreibungen strukturiert. Für diese gibt es keine Verpflichtung der Vermögensverwalter, einen kostenlosen Transfer in ein ähnliches Produkt zu ermöglichen, erklärt Verbraucherschützer Nauhauser.

Da es jedoch Alternativen von WisdomTree gibt, hält Nauhauser die Abwicklung der Produkte aus Sicht der Anleger für weniger problematisch. Allerdings dürfte auf die Zwangsverkäufe Abgeltungssteuer anfallen, sollte dabei ein Gewinn entstanden und der Sparerpauschbetrag schon ausgeschöpft sein. Das müssen Anleger im Einzelfall prüfen.

WisdomTree musste ebenso wie andere Vermögensverwalter Ende April nach dem Einbruch der Ölpreise auf unter null Dollar bereits mehrere gehebelte Öl-ETCs abwickeln. Der Mai-Future für den US-Ölpreis WTI war kurzzeitig in den negativen Bereich abgerutscht.

In einigen Fällen wurden Anleger auf dem falschen Fuß erwischt, weil sie nach dem Sturz der Ölpreise investierten, ohne zu bemerken, dass die von ihnen gekauften Produkte auf dem Juni-Future für WTI basierten. Dieser koppelte sich im Zuge der Marktverwerfungen kurzzeitig von der Preisentwicklung des Mai-Future ab und sprengte so einige Indexprodukte, die den Juni-Kontrakt als Basiswert hatten. Zwischenzeitlich wurden Öl-Indexprodukte selbst zum Preistreiber an den Terminmärkten, der die Kapriolen der Ölpreise noch verstärkte.

Diesmal sind offenbar jedoch keine Marktverwerfungen für die Abwicklung der Indexprodukte verantwortlich. Was Shell genau dazu bewogen hat, die Geschäftsbeziehung mit WisdomTree zu beenden und die Abwicklung der Öl-Fonds auszulösen, blieb unklar.