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Wirtschaftswissenschaftlerin: „Schwarze werden nicht als High Potentials gesehen“

·Lesedauer: 3 Min.

Nur vier der 500 größten US-Konzerne haben einen schwarzen CEO. Die Professorin Ella Bell Smith macht das kurze Gedächtnis der Unternehmen verantwortlich.

Früher wurde sie als „Nigger“ beschimpft, heute forscht sie über Organisational Behavior und Rassismus: Ella Bell Smith ist Professorin für Betriebswirtschaft an der Tuck Business School am renommierten Dartmouth College im Bundesstaat New Hampshire. Zuvor hat sie unter anderem am MIT und in Yale gelehrt.

Frau Smith, immer mehr Unternehmen verurteilen Rassismus und die brutale Tötung von George Floyd. Wenn wir uns aber die Vorstände anschauen, gibt es dort kaum Schwarze. Warum ist das so ?
Das ist vor allem eine Frage der Pipeline. Schwarze werden oft bei Beförderungen nicht berücksichtigt. Man gibt ihnen keine Aufgaben, mit denen sie sich hervortun können. Sie haben weniger Mentoren, und sie sind nicht Teil der wichtigen informellen Netzwerke. Das passiert, weil sie nicht als High Potentials gesehen werden – und das, obwohl viele von ihnen heute eine gute Ausbildung haben. Wenn dann ein Vorstandsposten frei wird, gibt es keine Schwarzen in der Pipeline.

2012 gab es sechs schwarze CEOs unter den S & P 500, heute nur noch vier. Ist die Lage heute schlechter ?
Es gab den Moment der Hoffnung, als American Express, Time Warner, Xerox und Merrill Lynch alle von Schwarzen geführt wurden. Aber Momente der Hoffnung dauern nicht lange an. Als diese Manager dann auch aus Altersgründen gingen, kamen keine mehr nach.

Aber Unternehmen reden heute doch sehr viel über Diversität und Inklusion...
Sie reden viel darüber. Ich glaube auch, dass sie ihre Einstellung ändern – und das ist gut so. Aber solange sie nicht die tiefgehende Arbeit in ihren Unternehmen leisten, wird sich nichts ändern. Sie müssen sich anschauen, wie in ihren Organisationen die Menschen nach oben kommen, wie Aufgaben verteilt werden, wer Mentoren bekommt, wie es mit gleichen Gehältern aussieht. Sonst gehen sie das Thema nicht langfristig an.

Im progressiven Silicon Valley findet man kaum Schwarze...
Das Silicon Valley ist von jungen, weißen Männern geschaffen worden. Die suchen ihre Beziehungen unter ihresgleichen, mit dem gleichen Hintergrund. Sie stellen Leute ein, die sie aus Stanford kennen.

Müssten einfach mehr Schwarze nach Stanford ?
Das ist ein Denkfehler. Es gibt viele talentierte Schwarze in Stanford und an den Ivy-League-Universitäten wie Dartmouth. Aber es gibt auch viele talentierte Schwarze an anderen Universitäten. Die Personalabteilungen müssen sich fragen, wo sie suchen. Es gibt exzellente, traditionell afroamerikanische Universitäten. Dort müssen die Recruiter hin. Wenn wir nur die Schwarzen in Betracht ziehen, die an den Ivy-League-Unis studiert haben, dann bleibt der Pool sehr klein.

Sind die Proteste in ganz Amerika ein Moment der Hoffnung für Sie ?
Als ich den 1960er-Jahren in der Bronx aufgewachsen bin, sah man bei den Protesten nur wenige Weiße und sie marschierten in Harlem. Heute sehe ich viele junge weiße Menschen, und sie protestieren auf der 5th Avenue, und das trotz Corona! Das stimmt mich optimistisch.

Wie haben Sie den Weg aus der Bronx bis in die Eliteuniversitäten geschafft ?
Ich war die Erste in meiner Familie, die aufs College ging. Das habe ich auch Lyndon B. Johnson zu verdanken, der damals Ressourcen zur Verfügung stellte. Ich habe in Yale und am MIT unterrichtet. Aber ich habe dort viel Rassismus erlebt: Ich bin dort „Nigger“ genannt worden. Die Sicherheitskräfte hielten mich an, weil ich das Gelände betrat und sie nicht wussten, dass ich zur Fakultät gehörte. Meine Kollegen haben oft gedacht, dass ich nicht gut sein kann.

Wenn Sie heute Unternehmen sehen, die sich öffentlich auf die Seite der Protestierenden stellen, was denken Sie dann ?
Ich denke, dass sie Stellung beziehen müssen. Sie wissen schließlich auch, wer ihre Kunden sind. Wer trägt denn Nike ? Das sind die Schwarzen. Ich trage Nike. Aber was mich viel mehr interessiert, ist die Frage: Wo stehen sie in drei Jahren ? Hat sich ihre Kultur dann geändert ? Das Gedächtnis der Unternehmen ist leider oft sehr kurz.

Frau Smith, vielen Dank für das Interview.