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Wirtschaft, Finanzen, Unternehmen: Die größten Skandale 2019

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Die Katholische Kirche gerät mit dem Peterspfennig in die Kritik, um Wirecard rankt sich eine Affäre, die aus John Grishams Feder stammen könnte. Und dann geht’s schließlich auch noch um die Ekelwurst… Diese Skandale sorgten in den vergangenen Monaten für Aufsehen.

Papst Franziskus hat im November 2019 einen Finanzskandal im Vatikan eingestanden. (Bild: Getty Images)

Vatikan: Korruption bei der Kollekte

Dass die Katholische Kirche in einigen Bereichen alles andere als heilig ist, war schon in der Vergangenheit immer wieder Thema: Falsche Kardinäle, sexueller Missbrauch und korrupte Kassen trugen nicht unbedingt zum Vertrauen in die Institution bei. Im Oktober 2019 wurde der nächste Skandal aufgedeckt. Diesmal ging es um finanzielle Misswirtschaft. Besonders pikant: Im Zentrum stand der sogenannte Peterspfennig, eine Kollekte, die alljährlich in den Kirchen weltweit für den Papst gesammelt wird. Das Geld ist für karitative Zwecke gedacht. Eigentlich.

Das sah man in der Kurie wohl anders. Schließlich kommen beim Peterspfennig Millionen an Geldern zusammen. So wurden die Pfennige der Gläubigen lieber in gehobene Luxusimmobilien in London investiert. Dabei sollen horrende Honorare für Mittelsmänner und möglicherweise auch Schmiergelder geflossen sein, wie die “Zeit“ berichtet. Gegen fünf Mitarbeiter wird momentan ermittelt. Papst Franziskus zeigt sich erschüttert: “Es ist eine hässliche Sache, es ist nicht schön, dass so etwas im Vatikan passiert“. Gleichzeitig lobte er aber auch die Kontrollsysteme im Vatikan, die diese Affäre aufgedeckt hatten.

Die Aufsicht über die Finanzgeschäfte hat seit 2010 die neue "Autorita di Informazione Finanziaria" (AIF) inne. Sie sollte die Geschäfte des Vatikans den internationalen Transparenzstandards anpassen. Aber: Zu den im jüngsten Finanzskandal suspendierten Mitarbeitern gehörte ausgerechnet auch der AIF-Direktor.

Rückblick: Die skurrilsten Wirtschafts-Stories 2019

Hawala-Banking: Geldwäsche im großen Stil

Das Hawala-System ist eine uralte Methode des Wertetransfers, die bis ins Frühmittelalter des Orients zurückgeht. Im November 2019 gab es in Deutschland eine Großrazzia gegen eine kriminelle Gruppe, die das System für eine Geldwäsche im großen Stil genutzt hatte.

Spezialkräfte untersuchten insgesamt 62 Wohnungen in fünf Bundesländern. Dazu zählten Juwelierläden, Metallfirmen und Privatwohnungen.

Insgesamt wurden 27 Personen festgenommen. Die Rede war von rund 200 Millionen Geldern, die am deutschen Fiskus vorbei in andere Länder transferiert wurden. Dabei sollte es sich größtenteils um illegale Vermögenswerte handeln.

Gab es illegale Manipulationen der Wirecard-Aktie? Die Staatsanwaltschaft ermittelt, auch ein Journalist der "Financial Times" ist im Verdacht. (Bild: Getty Images)

Wirecard-Affäre: Marktmanipulation von Journalisten und Spekulanten

Der Aktienmarkt ist ein brutales Gehege, in dem sich Bulle und Bär oft gegenseitig an die Gurgel gehen. Der Skandal um das Münchner Unternehmen Wirecard könnte direkt aus einem Justiz-Finanz-Thriller a la John Grisham stammen. Der Stein kam durch einen Artikel der “Financial Times“ (FT) im Januar ins Rollen, der einige Mitarbeiter von Wirecard in Asien der Bilanzfälschung beschuldigte. Wirecard wies die Vorwürfe zunächst zurück. Später räumte das Unternehmen ein, das sich einzelne Mitarbeiter wohl nicht korrekt verhalten hätten.

Der interessante Punkt dabei: Die Wirecard-Aktie verlor kurz nach Bekanntwerden des Artikels rund 8 Milliarden Euro. Das gab den FT-Journalisten weiter Auftrieb, die noch mehr Artikel zu dem Skandal veröffentlichten. Außerdem kauften Spekulanten große Mengen sogenannter “Leerverkäufe“. Für die Finanzaufsicht BaFin drängte sich der Verdacht der Marktmanipulation auf. Sie vermutet, dass Journalisten der “Financial Times“ mit den Spekulanten gemeinsame Sache gemacht haben, um aus den Leerverkäufen Gewinne herauszuschlagen. Die Zeitung dementierte die Vorwürfe. Ob es wirklich zu einer Anklage kommt, ist noch offen.

Rückblick: Die dreistesten Mogelpackungen 2019

PIM Gold-Skandal: Gold, das es gar nicht gab

Gold gilt für viele Menschen als eine der sichersten Anlagen auf dem Finanzmarkt. Es sei denn, das Gold, für das man bezahlt hat, existiert gar nicht. Genau darum dreht sich der Gold-Skandal um die hessische Firma PIM, der im September 2019 aufflog. Dabei geht es um rund 3,38 Tonnen Gold mit einem Marktwert von etwa 150 Millionen, die Anleger in den letzten 10 Jahren von PIM erworben haben. Es soll mindestens 10.000 Geschädigte geben, die ihr (nicht vorhandenes) Gold bei PIM einlagerten und sogar sogenannte Kinder-Geld-Konten namens “Goldis Schatztruhe“ für den Nachwuchs abschlossen. Alles in der Hoffnung auf saftige Renditen, die es beim Goldkauf aber nur in den seltensten Fällen gibt. Mittlerweile ist die Firma durch massenhafte Schadensersatzansprüche insolvent.

Angehörige von Oxycontinopfern demonstrieren vor dem Hauptsitz der Firma Purdue Pharma.

Purdue Pharma: Opioid-Riese in der Insolvenz

Am Anfang standen angeblich harmlose Schmerzpillen - doch inzwischen sind in den USA Zehntausende Menschen süchtig. 2016 ist in den USA die Opiod-Krise ausgebrochen, die bis heute anhält. Hauptbeschuldigter ist nicht etwa die Mafia oder andere kriminelle Vereinigungen, sondern der Pharma-Riese “Purdue Pharma“ mit der Eigentümerfamilie Sackler, der unter anderem mit seinem Medikament Oxycontin Millionen Menschen in die Schmerzmittel-Abhängigkeit trieb. Die Folge: Bundesstaaten, Gemeinden und Städte in den USA verklagten den Konzern und fordern Milliarden an Entschädigungssummen, die im Zuge der Opiod-Krise ausgegeben wurden. Außerdem warfen sie dem Unternehmen vor, die Abhängigkeit der Mittel zu verschleiern. Ende 2019 musste Purdue Pharma nun Insolvenz anmelden und einigte sich auf einen Vergleich von 10 Milliarden Dollar – eine der höchsten derartigen Summen, die in den USA je geflossen sind.

Börsen-Aufreger und Skandale 2019: Cum Ex-Geschäfte und Schneeballsysteme

Boeing: Der Konstruktionsfehler, der Menschenleben kostete

Für den Flugzeugbauer Boeing war 2019 wohl eines der schlimmsten Jahre in der Firmengeschichte, das mit dem aktuellen Rücktritt von Boeing-Chef Dennis Muilenberg seinen desolaten Schlusspunkt erreichte. Der Grund für die Krise waren zwei Flugzeuge des Typs 737 Max, die eigentlich niemals hätten starten dürfen. Beide Flieger stürzten ab, einer in Indonesien 2018, dann ein zweiter im März 2018 in Afrika. Insgesamt kamen 346 Menschen bei den Unglücken ums Leben. Die Flugaufsichtsbehörde FAA verhängte ein Startverbot der 737 Max, die Suche nach der Absturzursache lief auf Hochtouren. Die Steuerungssoftware soll nach aktuellem Stand der Ermittlungen Schuld an dem Absturz sein. Senator Richard Blumenthal aus Connecticut spricht von einem "Muster der vorsätzlichen Verschleierung“. Im 1600 Seiten langen Handbuch von Boeing für Piloten wurde das entsprechende System nur einmal erwähnt.

Wilke: Listerien in der Wurst

Anfang Oktober 2019 ging eine Schockwelle des Ekels durch Deutschland: In verschiedenen Produkten der hessischen Firma Wilke Wurstwaren wurden wiederholt Listerien gefunden. Die Keime verursachen Magen-Darm-Symptome, können bei einem geschwächten Immunsystem aber auch lebensgefährlich sein. Drei Menschen starben nach dem Verzehr, 37 wurden durch die verseuchte Wurst krank. Im Laufe der Ermittlungen kamen die skandalösen Zustände in der Fabrik ans Licht, in der unter anderem Würste mit Schimmelbefall mit Gewürzen gestreckt und einfach neu verpackt wurden. Durch Mängel im Kontrollsystem schlüpfte Wilke immer wieder durch die Maschen der Behörden. Im Abschlussbericht der hessischen Verbraucherministerin im November wurde angekündigt, dass es künftig stärkere Kontrollen von Risikobetrieben geben werde und man seine Lektion gelernt habe.