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Dieser Mann steht im Zentrum des Wirecard-Skandals in Manila

Der Treuhänder des verschwundenen Geldes pflegte enge Kontakte zur philippinischen Präsidentenfamilie. Seine Rolle im Skandal ist unklar. Er bestreitet jegliches Fehlverhalten.

Mark Tolentino war auf den Philippinen bestens vernetzt. Zumindest noch bis vor kurzem. Der Präsident des Landes, Rodrigo Duterte, ließ sich regelmäßig an der Seite des 39-Jährigen fotografieren, die Schwester des Staatsoberhaupts vertraute angeblich auf Tolentinos juristischen Rat. Doch nun ist der Anwalt ins Zentrum des Milliardenskandals um den Zahlungsdienstleister Wirecard gerückt.

Tolentino ist nach Handelsblatt-Informationen der Treuhänder, der für die 1,9 Milliarden Euro verantwortlich war, die der deutsche Finanzkonzern angeblich in Asien deponiert hatte. Bankguthaben, die nach Angaben von Wirecard vom Montag mit „überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen„.

Die genaue Rolle von Tolentino, der im vergangenen Jahr einem Dienstleister aus Singapur als Wirecard-Treuhänder nachfolgte, ist in dem Skandal noch unklar. Ihm dürfte bei der Aufklärung der Affäre aber eine entscheidende Rolle zukommen.

Momentan scheint Tolentino jedoch nicht bereit, die Fragen zu den Wirecard-Milliarden zu beantworten. Der Mann, der noch vor wenigen Tagen in Videos auf Facebook und Youtube Rechtsfragen seiner mehr als 100.000 Abonnenten und Follower beantwortete und regelmäßig in Radiosendungen auftritt, machte sich am Montag rar. Die Internetseite seiner Kanzlei, auf der sich der Anwalt kurz zuvor noch als „jungen, dynamischen und aggressiven“ Experten in Familienrecht präsentiert hatte, wurde vom Netz genommen.

Telefonanrufe in seinem Büro im Zentrum der Hauptstadtregion Manila blieben unbeantwortet. Tolentino meldete sich nur kurz per E-Mail auf eine Handelsblatt-Anfrage: Der Anwalt teilte mit, dass er sich selbst von einem Anwalt vertreten lässt. Über diesen ließ er wenig später eine Stellungnahme verschicken, laut der seine Kanzlei „entschieden bestreitet“, von angeblichen Unregelmäßigkeiten gewusst zu haben oder daran beteiligt gewesen zu sein. Alle Dienstleistungen der Kanzlei, inklusive der Eröffnung und Verwaltung von philippinischen Konten im Auftrag ausländischer Klienten seien unter strengster Befolgung philippinischer Gesetze und Regularien erfolgt. Konkrete Fragen zu der Milliardensumme, die angeblich auf den Philippinen lagerte, wollte Tolentinos Anwalt nicht beantworten.

Banken streiten Geschäfte ab

Ob es die 1,9 Milliarden Euro jemals gab und sie nun verschwunden sind oder ob der Betrag lediglich auf gefälschten Bankunterlagen auftauchte, bleibt damit weiter offen. Aus Sicht der philippinischen Behörden ist aber klar, dass die dubiosen Wirecard-Milliarden nie ihren Weg in das Finanzsystem des Inselstaates gefunden haben.

Zwei philippinische Banken – die Bank of the Philippine Islands und die BDO Unibank, die die Wirecard-Konten geführt haben sollen, stritten Geschäftsbeziehungen zu dem Konzern ab. Ob es eine Geschäftsbeziehung zu Tolentino gab, wollte ein Sprecher der BDO Unibank nicht beantworten – unter Verweis auf philippinisches Bankenrecht.

Die Wirecard-Affäre ist bereits die zweite Kontroverse, die Tolentino ins Rampenlicht rückt. Noch anderthalb Jahre vor seinem Einsatz als Wirecards Milliardenmann hatte der Jurist einen ranghohen Posten im philippinischen Verkehrsministerium inne.

Ernannt wurde er von Duterte persönlich, nachdem sich Tolentino – ein Sohn eines Regionalpolitikers – im Wahlkampf für den Präsidenten eingesetzt hatte. Auf Facebook veröffentlichte Tolentino Bilder von Besuchen im Präsidentenpalast. Bei verschiedenen Veranstaltungen posierte er mit Duterte. Eines der Fotos zeigt die Männer, wie sie ihre geballten Fäuste in Richtung des Kameraobjektivs strecken.

Nähe zur Präsidentenfamilie wird zum Problem

Die Nähe zur Präsidentenfamilie wurde für Tolentino aber später zum Problem: 2018 prahlte er bei einer Pressekonferenz, in der es um Meinungsverschiedenheiten über ein großes Eisenbahnprojekt ging, damit, die Unterstützung von Dutertes Schwester zu haben.

Für Duterte, der sich gerne als oberster Korruptionsbekämpfer gibt, war diese Äußerung ein Problem. Sie erweckte den Anschein, dass seine Verwandten politischen Einfluss nehmen, ohne legitimiert zu sein. Wenig später feuerte Duterte Tolentino.

Dieser gab daraufhin zu, sich auch mit Dutertes Bruder privat getroffen und mit der Präsidentenschwester mehrere Gespräche geführt zu haben. Angeblich fragte sie ihn in juristischen Angelegenheiten um seine Meinung. Als Begründung für die umstrittenen Kontakte stellte er später die rhetorische Frage: „Wie hätte ich denn Nein sagen können?“