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Wirecard: Das sagt ein Experte zu drohenden Sammelklagen

Nikolas Kessler
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Wirecard: …und raus bist du!

Für Wirecard-Chef Markus Braun ist der angebliche Bilanz-Skandal bei der Niederlassung in Singapur abgehakt, doch unter der Oberfläche brodelt es weiter. Nun wurde bekannt, dass dort ein weiterer hochrangiger Manager das Unternehmen verlassen hat. Es handelt sich dabei um keinen geringeren als Edo Kurniawan, der in den vergangenen Wochen im Zentrum der Betrugsvorwürfe stand.Eine Unternehmenssprecherin bestätigte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg, dass Edo K. seit 1. April nicht mehr für den Zahlungsabwickler arbeitet. Weitere Angaben wollte Wirecard unter Verweis auf Firmenrichtlinien jedoch nicht machen.Der für die Buchhaltung im Asien-Pazifik-Geschäft verantwortliche Manager spielt in den Vorwürfen der Financial Times (FT) eine zentrale Rolle. Bereits Mitte März hatte Wirecard daraufhin erklärt, dass die laufenden Untersuchungen den Mitarbeiter entlastet hätten, er jedoch bis zum Abschluss der Ermittlungen vom Dienst suspendiert bleibe.Laut der von Wirecard veröffentlichten Zusammenfassung der Ergebnisse einer externen Untersuchung durch die Kanzlei Rajah & Tann haben sich die schweren Vorwürfe der FT gegen das Unternehmen nicht bestätigt. Es sei im Asien-Geschäft jedoch zu einigen Buchungsfehlern gekommen, die aktuell behoben werden. Zudem könne nicht ausgeschlossen werden, dass sich einzelne Angestellte in Singapur nach lokalem Recht strafbar gemacht haben.Ob Edo K. zu jenen Mitarbeitern gehört und deswegen das Unternehmen verlassen musste oder ob es sich um einen freiwilligen Weggang handelt, bleibt somit unklar. Bereits Ende März wurde bekannt, dass auch ein leitender Mitarbeiter des Compliance-Teams in Singapur das Unternehmen kürzlich verlassen musste.Aktie beobachten!Nach einer zwischenzeitlichen Stabilisierung in der Vorwoche startet die Wirecard-Aktie am Montag erneut mit Verlusten in den Handel. Wenn in der kommenden Woche (18. April) wie geplant das von der BaFin verhängte Leerverkaufsverbot ausläuft, könnte das die Volatilität zusätzlich anfachen.

Große Kanzleien in den USA trommeln Wirecard-Investoren zusammen, um Sammelklagen gegen den Zahlungsabwickler auf den Weg zu bringen. Erste Klagen wegen angeblicher Verstöße gegen Wertpapiergesetze wurden bereits eingereicht. Für die angeschlagene Aktie ist das ein weiterer Unsicherheitsfaktor. Am Mittwoch geht es deshalb um rund drei Prozent nach unten.

DER AKTIONÄR hat bei Rechtsanwalt Andreas W. Tilp von der Kanzlei TILP nachgefragt. Er ist Experte für Kapitalmarktrecht und Vertritt geschädigte Investoren auch in Sachen „Dieselgate“ und Steinhoff.

Herr Tilp, in den USA suchen große Kanzleien bereits aktiv nach geschädigten Investoren, um Sammelklagen gegen Wirecard anzustrengen. Gibt es für Anleger hierzulande vergleichbare Möglichkeiten?

Andreas Tilp: Ja, aber die USA stehen hier bei Lichte betrachtet nicht im Fokus. Sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten, werden internationale Investoren in Deutschland klagen. Wirecard hat seinen Sitz in Deutschland und die Aktie notiert in Frankfurt. Und der US Supreme Court hat im Jahr 2010 mit einem Grundsatzurteil entschieden, dass US-Gerichte in einer Konstellation wie dieser nicht zuständig sind. Deutschland würde hier den Schauplatz für Schadensersatzprozesse bilden. Für einen kapitalmarktrechtlichen Fall dieser Größe böte sich dann das Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz (KapMuG) an. (…) Ich erhalte ja jetzt schon Anrufe aus den USA und Kanada wegen Wirecard.

Der Experte sagt aber auch: „Voraussetzung für Ansprüche ist allerdings, dass sich die Vorwürfe bestätigen.“ Das sei bislang noch nicht klar.

Wirecard sieht keine Grundlage für Klagen

Wirecard selbst gibt sich derweil entspannt: „Da die Vorwürfe keine Grundlage haben, gibt es auch keine Grundlage für potenzielle Klagen in dieser Angelegenheit“, sagte ein Sprecher am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Zumindest nicht, soweit sie sich gegen Wirecard richten sollten.“

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