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Ist Wirecard nur die Spitze des Eisbergs? Bei Fintech-Aktien ist einiges faul

Ralf Anders, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
Kunde zahlt mobil im Restaurant

Wirecard (WKN: 747206) gilt im Moment als das schwarze Schaf der Payment-Branche. Aber ist das wirklich so, dass der langjährige Fintech-Star die unrühmliche Ausnahme ist? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Unternehmen, die wie Parasiten an den globalen Geldströmen sitzen, grundsätzlich anfällig sind für unethisches Gebaren?

Auf alle Fälle spricht für mich einiges dafür, dass der Hype im e-Payment-Zirkus ein übertriebenes Niveau erreicht hat. Anleger sollten beachten, dass auch Wirecard-Alternativen Risiken bergen.

Die Hybris der e-Payment-Branche

Wirecard wollte mit boon.PLANET perspektivisch über 100 Mio. Kunden gewinnen. Dabei handelt es sich um eine mobile Banking-App, die weltweit ausgerollt werden soll. Viele Konkurrenten werfen mit ähnlichen Zahlen um sich.

Der Globale Zahlungsbericht 2020 von Worldpay listet 140 Zahlungsmethoden auf und fast alle versprechen die große Revolution. Sie verbinden den Zahlungsvorgang mit Treueprogrammen, Mikrokrediten und Datenauswertungen. Alles schön und gut, aber ist das wirklich so wahnsinnig innovativ? Aus Kundensicht will ich doch nur komfortabel und sicher meine Ware bezahlen und das hat eigentlich vor 20 Jahren schon recht gut funktioniert.

Dass jedes Fintech-Unternehmen sich jetzt zu einem globalen Player aufblasen will und jede Payment-Plattform von zig Millionen Kunden und Milliarden Transaktionen spricht, löst bei mir Misstrauen aus. Auch wenn ich bei einem Dutzend Diensten registriert bin, kann ich bei einem Kauf ja nur einen davon benutzen.

Woher kommt der ganze Reichtum?

VISA (WKN: A0NC7B) und Mastercard (WKN: A0F602) waren vor Jahrzehnten bereits globale Marken. An ihrer Wettbewerbssituation hat sich kaum etwas verändert seither. Ihre Aktienkurse haben sich jedoch verhundertfacht. Wie konnte es so weit kommen?

Klar, die Onlinekäufe sind explodiert und auch im Ladengeschäft wird häufiger mit Karte bezahlt. Oft ist eines der beiden Zahlungssysteme direkt oder indirekt an den Transaktionen beteiligt. Und doch verwundert die unfassbare Profitabilität. Im letzten Quartal zum 31. März gelang es Mastercard, aus 4,0 Mrd. US-Dollar Umsatz sage und schreibe 1,7 Mrd. US-Dollar Gewinn herauszuquetschen – netto!

Das steigende Transaktionsvolumen und die sinkenden Kosten dank der Digitalisierung mögen einen Teil davon erklären. Ein anderer Faktor sind höhere Preise. Im wichtigen Heimatmarkt konnten die beiden von 2012 bis 2018 ihre Verrechnungsgebühren um heftige 77 % erhöhen, so der Payment Methods Report 2019. Aber warum können die beiden höhere Preise am Markt durchsetzen? Es handelt sich offenbar um eine Mischung aus Versagen der Wettbewerbsaufsicht und Missbrauch der Marktmacht.

Ein anderes Beispiel ist der Pionier für Online-Geldtransfers PayPal (WKN: A14R7U). Seit den jüngsten Kursgewinnen wird das Unternehmen mit rund 200 Mrd. US-Dollar bewertet. PayPal war vor 20 Jahren einer der bekanntesten Anbieter und gehört auch heute noch zu den beliebtesten Optionen. Mittlerweile gibt es jedoch mächtige Konkurrenten wie etwa ApplePay, Alipay und eine Reihe weiterer.

Wenn Paypal sich an der Spitze halten will, dann muss es tief in die Tasche greifen, um kleinere Mitbewerber zu übernehmen. Zuletzt wurden Honey Science für 4 Mrd. US-Dollar erworben. Das heißt, dass bei vielen Fintech-Aktien hohe Firmenwerte (Goodwill) in den Bilanzen stecken, deren Werthaltigkeit nicht immer gesichert ist.

Weitere Zweifel an Fintech-Aktien sind angebracht

Während die US-Wettbewerbsaufsicht vielfach dysfunktional ist und lukrative Monopolstrukturen zulasten der einheimischen Konsumenten geradezu fördert, sind ihre Pendants in Europa und China wachsamer. Ihnen ist es ein Dorn im Auge, dass solche indirekt subventionierten Systeme nach der Weltmacht streben. In China dominieren längst einheimische Lösungen, die ihrerseits nun versuchen, die internationalen Märkte zu erobern.

Gerade vor wenigen Tagen wurde daneben bekannt, dass der Oberste Gerichtshof Großbritanniens geurteilt hat, dass bestimmte Verrechnungsentgelte von VISA und Mastercard überzogen sind. Einige Einzelhandelsketten werden nun hohe Millionenbeträge zurückerstattet bekommen.

In der Europäischen Union wird gleichzeitig hart daran gearbeitet, ein Instant-Payment-System zu etablieren, das unabhängig von internationalen Anbietern ist – Stichwort SEPA Instant Credit Transfer. Wenn das erst einmal so funktioniert, wie es soll, dann könnte die Zeit des parasitären Abgreifens von Entgelten entlang der digitalen Zahlungsströme vorbei sein.

Es geht ja schließlich im Kern lediglich um eine simple Umbuchung – ein Kontostand wird belastet und ein anderer gutgeschrieben. Von Anfang bis Ende handelt es sich um einen vollkommen automatisierbaren Prozess, der einmal richtig implementiert praktisch keine zusätzlichen Kosten mehr verursacht. Von daher ist es schwer zu verstehen, warum man dafür Zahlungsdienstleister mit Milliarden zuschütten muss.

Mein Fazit: Der E-Commerce wird seinen Siegeszug unaufhaltsam fortsetzen. Damit wird auch das Transaktionsvolumen weiter in die Höhe schießen. Von daher gibt es sicherlich Wachstumschancen für innovative Fintechs. Allerdings ist der Wettbewerb in vielen Bereichen intensiv, während die Monopolstrukturen am oberen Ende unter Beschuss stehen.

Dass unter diesen Umständen dauerhaft unangemessene Margen durchgesetzt werden können, kann ich mir nicht vorstellen. Wirecard wird nicht das letzte Payment-Unternehmen sein, das seine Aktionäre in Tränen zurücklässt. Ein Umschichten auf Wirecard-Alternativen würde ich mir sehr genau überlegen.

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Ralf Anders besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Mastercard, PayPal Holdings und Visa und empfiehlt die folgenden Optionen: Long January 2022 $75 Call auf PayPal Holdings.

Motley Fool Deutschland 2020