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Wirecard: Journalist erstattet Anzeige wegen Beschattungsverdacht

Im Jahr 2016 wurden Wirecard-kritische Reporter womöglich überwacht. Ein deutscher Chefredakteur hat nun Strafanzeige gegen Unbekannt wegen illegaler Observierung gestellt.

Der Online-Chefredakteur des Fachmagazins „Finance“, Michael Hedtstück, hat Strafanzeige wegen des Verdachts auf illegale Beschattung im Zusammenhang mit seiner Berichterstattung über den Zahlungsdienstleister Wirecard gestellt. Das meldet das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ in seiner neuen Ausgabe.

Wie die britische Wirtschaftszeitung „Financial Times“ (FT) im Dezember berichtet hatte, war Hedtstücks Name auf einem Überwachungsplan aufgetaucht. Diesen hatte offenbar eine Privatdetektei erstellt, um ein Spekulationsnetzwerk aus Insidern, Shortsellern und Journalisten aufzudecken, das gegen die Wirecard-Aktie spekuliert haben soll.

Hedtstück bestätigte an diesem Freitag im Telefonat mit dem Handelsblatt das Stellen der Strafanzeige. „Mein Ziel ist es, Transparenz zu erlangen, wie ich auf diese Liste kam und welche Überwachungsmethoden in wessen Auftrag gegen mich eingesetzt wurden“, erklärt er. „Darüber hinaus ist es mir wichtig, einen Anstoß zu geben, dass ermittelt werden kann, ob auch noch Kollegen aus anderen Redaktionen zum Ziel ähnlicher Aktionen geworden sind.“

Hedtstücks Strafanzeige wegen illegaler Beschattung und Observierung seiner Person richtet sich gegen Unbekannt und wurde bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt gestellt. Mit ihr verschärft sich die Affäre um die mutmaßliche Überwachung Wirecard-skeptischer Investoren und kritisch berichtender Journalisten.

Sie begann mit einem Artikel der FT im Dezember. Demnach ließ ein früherer Topagent des libyschen Geheimdienstes namens Rami El Obeidi 2019 gegen Hedgefonds ermitteln, die auf einen Kursverfall bei Wirecard spekulieren. Obeidi sei selbst Aktionär von Wirecard.

Darüber hinaus sollen laut FT schon nach Erscheinen des Wirecard-kritischen „Zatarra“-Berichts 2016 mehrere Investoren und Journalisten beschattet worden sein, um die „Zatarra“-Drahtzieher herauszufinden. In einem Beschattungsplan vom März 2016, den die FT veröffentlicht hat, fällt der Name des FT-Reporters Dan McCrum. Außerdem wird Hedtstück genannt: Dieser habe „mehrfach über WC [Wirecard, Anm. d. Red.] ,negativ' berichtet.“

Der Beschattungsplan enthält zahlreiche weitere Namen von Zielpersonen sowie Vorschläge zu in Deutschland illegalen Ausspähpraktiken, darunter auch Telefonüberwachungen. Ob es nach seiner Erstellung 2016 tatsächlich zu entsprechenden Observierungen gekommen ist, ist unbekannt. Unbekannt ist auch der Verfasser des Plans sowie sein Auftraggeber.

Juristische Klärung gefordert

Für Hedtstücks Haus, den F.A.Z.-Fachverlag, geht es ums Prinzip: „Wir verwahren uns gegen die Beobachtung und Observierung von Journalisten, ebenso wie gegen die implizite Unterstellung von Insider-Praktiken durch unsere Redakteure“, erklärt Verlagsgeschäftsführer Hannes Ludwig. „Sollten Redakteure unseres Verlags ausgespäht worden sein, ist das für unser Haus selbstverständlich nicht hinnehmbar. Eine juristische Aufarbeitung und Klärung (...) ist daher in unserem Sinne, und wir unterstützen Michael Hedtstück vollumfänglich in seinem Vorgehen.“

Ob die Staatsanwaltschaft Frankfurt Ermittlungen aufnimmt, ist offen. Laut dem „Spiegel“ äußert sie sich zur Anzeige nicht. Auf Handelsblatt-Anfrage war die Staatsanwaltschaft am Freitagabend nicht mehr zu erreichen.

Ein Wirecard-Sprecher hatte im Dezember gegenüber dem Handelsblatt den Sachverhalt wie folgt erklärt: „Richtig ist, dass Wirecard im Jahr 2016 eine externe Forensik-Beratung beauftragt hat, die Drahtzieher krimineller Short-Attacken zu identifizieren. Das Mandat umfasste jedoch keine Beschattung von Personen.“

Dann sei allerdings etwas schief gegangen: „Im Folgenden hat sich das von uns beauftragte Unternehmen bedauerlicherweise verselbstständigt und von sich aus Privatermittler für eine einmalige Beschattung beauftragt, um die Urheber des sogenannten Zatarra-Berichts zu identifizieren. Nachdem Wirecard-Manager über diese Überwachung informiert worden sind, wurde sie umgehend beendet.“

Der Sprecher hatte weiter erklärt: „Wirecard hat nie Überwachungen beauftragt, auch weder vor, noch nach diesem einmaligen Vorfall. Das entspricht nicht unserer Firmenpolitik. Gleiches gilt für eigenmächtige Ermittlungen von externen Dienstleistern. Auch ist nie im Auftrag Wirecards gegen Journalisten ermittelt worden. Der von der FT veröffentlichte Beschattungsplan aus dem März 2016 ist ebenfalls nicht von uns beauftragt worden.“ Mit den Vorkommnissen des Jahres 2019 stehe Wirecard weder direkt noch indirekt in Verbindung.

Der Finance-Online-Chefredakteur erklärt in einem Essay die Gründe, die ihn zum Stellen der Strafanzeige bewogen haben. „Ein Dokument legt nahe, dass ich im Zusammenhang mit kritischen Artikeln über Wirecard zum Ziel einer Ausspähoperation geworden sein könnte. Das Ganze wäre lächerlich und bizarr, wenn es nicht auch beunruhigend wäre“, schreibt Hedtstück.