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Wirecard – Infos, die stutzig machen, und die Erkenntnisse daraus

Florian Hainzl, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
Wirecard Aktie

Die Aktie von Wirecard (WKN: 747206) befindet sich im freien Fall. Viele werden die Aktie inzwischen abgestoßen haben. Andere hoffen noch auf die Wende zum Guten und spekulieren sogar darauf. Fest steht: Man kann einiges daraus lernen.

Heute möchte ich vor allem auf den Sonderbericht eingehen, der am 28.04.2020 veröffentlicht wurde und zum damaligen Zeitpunkt wie eine Bombe eingeschlagen hat. Damals wirkte es wie eine Generalkritik am Management, welches sich unkooperativ verhalten hat. Heute wirkt es so, als wäre der Bericht bei zentralen Themen fast eine Werbebroschüre von Wirecard.

Wo befinden sich die 1,9 Mrd. Euro von Wirecard?

Inzwischen geht Wirecard selbst davon aus, dass die 1,9 Mrd. Euro Bankguthaben nicht bestehen. Das musste man sich eingestehen, nachdem die philippinische Zentralbank am Wochenende berichtet hatte, dass niemals Geld von Wirecard in das Land gelangte.

Bei den bisher versendeten Saldenbestätigungen geben die beiden betroffenen Banken an, dass es sich um Fälschungen von kriminellen Mitarbeitern handelt. Laut Aussage im Bericht haben Mitarbeiter von KPMG eine der Banken am 04.03.2020 vor Ort aufgesucht. Eine Mitarbeiterin habe mündlich bestätigt, dass die Konten für Rechnung von Wirecard gehalten werden. Wenn es sich bei der Mitarbeiterin tatsächlich um die kriminelle Mitarbeiterin handelt, ist es wohl einfach blöd gelaufen. Ansonsten erscheint die Aussage der Mitarbeiterin der Bank oder die Wiedergabe im Bericht äußerst fragwürdig.

In der Folge stellt das Unternehmen in der Stellungnahme vom 22.06.2020 die Verlässlichkeit der Treuhandbeziehungen infrage. Man kann fast vom Best-Case sprechen, wenn der Treuhänder zusammen mit den Bankangestellten Wirecard betrogen und sich mit dem Geld aus dem Staub gemacht hat. Hier hätten zwar sämtliche Kontrollorgane bei Wirecard versagt, aber das Geschäft würde zumindest bestehen.

Was ist dran am Drittpartnergeschäft?

Wirecard kann aktuell nämlich keine Aussage dazu treffen, in welchem Umfang das Drittpartnergeschäft stattgefunden hat und ob es die Umsatzerlöse tatsächlich gibt. Im Geschäftsjahr 2019 hat Wirecard eigentlich genau für diesen Zweck die Transaktionsabwicklung auf eine eigene Plattform umgestellt. Daher verfügte man ab diesem Zeitpunkt selbst über die Datensätze aus dem Drittpartnergeschäft.

Für den Dezember 2019 konnte man KPMG 200 Mio. Datensätze zur Verfügung stellen. Diese Prüfung ist zwar auch knapp zwei Monate später noch nicht abgeschlossen, trotzdem gab es zum damaligen Zeitpunkt einen positiven Zwischenstand. Demnach hatte KPMG keine Anhaltspunkte, dass es Abweichungen bei den Transaktionsvolumina oder Zweifel an der Authentizität der Datensätze gibt.

Anhand von diesen Aussagen fällt es weiterhin schwer zu glauben, dass es das Geschäft möglicherweise nie gegeben hat. Inzwischen scheint an negativen Nachrichten allerdings leider nichts mehr unmöglich bei Wirecard.

Was kann man aus dem Wirecard-Desaster mitnehmen?

Spätestens bei der Veröffentlichung des KPMG-Berichts war das Versagen des Managements in zentralen Punkten offensichtlich. Mit den angekündigten Veränderungen und den zum Jahresende auslaufenden Verträgen der alten Führungsriege war ich allerdings zufrieden. Daher ist die erste Erkenntnis, dass immer das aktuelle Management zu bewerten ist und ich mögliche Eingriffe nicht vorwegnehmen darf.

Daneben werde ich mich zukünftig auf einfacher zu prüfende Geschäftsmodelle konzentrieren. Wie schwierig Wirecard zu bewerten ist, sieht man spätestens dadurch, dass das Unternehmen selbst nicht Auskunft über wesentliche Teile des Geschäfts geben kann. Bei der Einordnung war man auf die Korrektheit der Aussagen von Dritten abhängig. Der KPMG-Bericht beweist, wie schnell man dabei verloren sein kann.

Auch für die Risikobetrachtung werde ich mir zukünftig wesentlich mehr Zeit in der Analyse nehmen. Ein gutes Beispiel ist hier z. B. Fresenius Medical Care (WKN: 871138), weil ein Drittel der Umsätze fast über Nacht bei einer Gesetzesverschärfung wegbrechen könnten.

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Florian Hainzl besitzt Aktien von Wirecard und Fresenius Medical Care. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

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