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Wirecard oder Fresenius? Diese Chancen bieten die DAX-Aktien jetzt!

Vincent Uhr, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Ob die Aktien von Wirecard (WKN: 747206) und Fresenius (WKN: 578560) in diesen Tagen als günstig durchgehen oder nicht mag Ansichtssache sein. Was man im Kontext dieser zwei DAX-Konzerne allerdings nicht sagen kann, ist, dass sie über keine grundsätzlich interessante Perspektive verfügen. Beide sind nämlich im Gesundheitsbereich beziehungsweise im Segment des digitalen Bezahlens tätig und verfügen über Geschäftsmodelle, die auch in vielen Jahren prinzipiell noch gefragt sein können.

Nichtsdestoweniger ist die Ausgangslage der beiden DAX-Aktien dabei grundverschieden. Werfen wir in diesem Sinne im Folgenden einen Blick auf die derzeitige Gesamtsituation von Wirecard und Fresenius und überlegen einmal, welche grundsätzlichen Chancen sich hier bieten – und welche Aktie für welchen Investor-Typ interessanter sein könnte.

Wirecard: Nicht günstig, aber mit gigantischem Wachstum

Eine erste Aktie, die nicht im klassischen Sinne günstig ist, ist zunächst die von Wirecard. Gemessen an den 2018er-Zahlen kam das Papier innerhalb dieses Zeitraums auf einen Gewinn je Aktie in Höhe von 2,81 Euro je Anteilsschein sowie eine Umsatz je Aktie in Höhe von 16,32 Euro. Bei einem derzeitigen Kursniveau von 118,85 Euro (29.11.2019, maßgeblich für alle Kurse) resultiert daraus ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 42,3 sowie ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von 7,3. Zugegeben, ein echter Value-Schnapper sieht offenkundig anders aus.

Nichtsdestoweniger sollte Wirecard nicht an seinen bisherigen fundamentalen Kennzahlen gemessen werden, sondern an den Wachstumsaussichten, die der innovative Zahlungsdienstleister besitzt. Bei Wachstumsraten im mittleren zweistelligen Prozentbereich werden schließlich bereits im Zahlenwerk für das aktuelle Geschäftsjahr niedrigere Bewertungsmaßstäbe erreicht werden können. Langfristig könnte Wirecard somit in seine Bewertung hineinwachsen, ja sogar vergleichsweise preiswert werden.

Bei anvisierten 2025er-Umsätzen in Höhe von 12 Milliarden Euro würde das Kurs-Umsatz-Verhältnis schließlich gerade einmal auf das 1,25-Fache sinken und entsprechend ist eine solche Perspektive wohl auch der Vergleichswert, der hier eingepreist wird. Oder eben die Vorschusslorbeeren, die hier noch immer verteilt werden.

Nichtsdestoweniger existiert bei Wirecard gegenwärtig trotz der spannenden Aussichten ein hohes Risiko. Die Financial Times rügt schließlich seit rund einem Dreivierteljahr, dass es Unregelmäßigkeiten in der Bilanz des DAX-Konzerns gäbe. Bislang konnten hierfür noch keinerlei Beweise eingereicht werden, allerdings steht bei derartigen Vorwürfen natürlich der Ruf des Managements und des Unternehmens auf dem Spiel. Für einen DAX-Konzern, der mit Zahlungen hantiert, dürfte das ein toxischer Cocktail sein, der ein Vertrauensproblem auslöst, zumindest falls sich diese Vorwürfe bewahrheiten.

Chance und Risiko sind somit gleichermaßen groß bei Wirecard. Damit sollte man als Investor grundsätzlich einkalkulieren.

Fresenius: Geringe Bewertung, geringes Risiko

Eine zweite DAX-Aktie, die zwar derzeit ebenfalls am Turnaround arbeitet, jedoch vergleichsweise über ein geringeres Risiko verfügen dürfte, ist die von Fresenius. Wohl auch, weil der Gesundheitskonzern über ein niedrigeres Bewertungsmaß verfügt, was hier die Verlustseite wohl begrenzen dürfte.

Die Aktie des Gesundheitskonzerns wird bei einem derzeitigen Kursniveau von 49,47 Euro und einem 2018er-Gewinn je Aktie in Höhe von 3,65 Euro mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp über 13 bepreist. Bei einem 2018er-Umsatz je Aktie in Höhe von 60,16 Euro wird die Aktie unter ihren jährlichen Erlösen gehandelt. Beide Bewertungskennzahlen weisen hier wohl nicht auf eine Überbewertung hin.

Zudem besitzt die Fresenius-Aktie eigentlich einen recht stabilen Ruf. Als Deutschlands erster waschechter Dividendenaristokrat mit einem Lauf von 26 jährlichen Erhöhungen in Folge beruht hier ein Großteil des operativen Erfolgs nicht bloß auf einem defensiven Geschäftsbereich, sondern auch auf einem stets wohl konstanten Fundament.

Gleichzeitig können die Aussichten hier prinzipiell sehr solide sein. Langfristig möchte Fresenius schließlich wohl wieder organisch im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen und sich auch durch Zukäufe verstärken. Das könnte in Anbetracht der vergleichsweise geringen Bewertung eine attraktive defensive Chance sein, bei der Stand jetzt die positiven Aussichten die Risiken übertrumpfen könnten. Wobei Investoren hier eher auf eine gemächlichere Dynamik setzen sollten; Kurswunder dürfte es bei diesem Dividendenaristokraten wohl nur langfristig geben.

Zwei gänzlich verschiedene Chancen

Die Aktien von Fresenius und Wirecard könnten daher unterm Strich beide interessant sein, allerdings auf sehr unterschiedliche Art. Wirecard ist in diesen Tagen eine Alles-oder-Nix-Chance, bei der entweder die Befreiung von den Vorwürfen lauert oder womöglich ein weiteres Chaos. Auch das Risiko ist hier daher groß, das sollten Investoren nicht vergessen.

Fresenius verfügt hingegen über defensivere, verlässlichere und günstigere Ansätze. Das kann auch hier zu weiteren Kursgewinnen taugen, vor allem wenn das Wachstum zurückkehrt, allerdings mit einer wohl vergleichsweise gemächlichen Dynamik.

Je nachdem, wie risikoreich man grundsätzlich investieren möchte, können diese beiden DAX-Aktien daher andere Begehrlichkeiten wecken. Bis zu einem gewissen Grad liegt es daher auch an dir, welche Aktie hier interessanter sein dürfte.

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Vincent besitzt Aktien von Fresenius und Wirecard. The Motley Fool besitzt keine der erwähnten Aktien.

Motley Fool Deutschland 2019