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Die Wirecard-Pleite sorgt für Chaos in Singapur

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Einzelhändler, Restaurants und Hotels können dort derzeit keine Kreditkartenzahlungen annehmen. Ein abruptes Ende der Wirecard-Dienste hat sie unvorbereitet getroffen.

Kunden von Starbucks in Singapur konnten nach der Wirecard-Pleite zuletzt Guthaben nicht mehr online auf ihre Kundenkarten laden – sie mussten dafür in den Filialen Schlange stehen. Foto: dpa
Kunden von Starbucks in Singapur konnten nach der Wirecard-Pleite zuletzt Guthaben nicht mehr online auf ihre Kundenkarten laden – sie mussten dafür in den Filialen Schlange stehen. Foto: dpa

Der Zusammenbruch von Wirecard hat in dem südostasiatischen Stadtstaat Singapur Chaos beim bargeldlosen Bezahlen ausgelöst. Mehrere Konzerne und Einzelhändler, die bis vor Kurzem Kunden bei dem Zahlungsdienstleister waren, wurden von dem plötzlichen Stopp der Wirecard-Dienste in der Metropole unvorbereitet getroffen. Sie können nun keine Kreditkartenzahlungen mehr annehmen und bekommen auch bei der Abrechnung laufender Verträge massive Probleme.

Singapur war Wirecards langjährige Schaltzentrale im Asiengeschäft, das im Mittelpunkt des milliardenschweren Bilanzskandals steht.

Betroffen von den Turbulenzen im Zahlungsverkehr sind unter anderem Singapurs drittgrößter Mobilfunkanbieter M1, die Kaffeehauskette Starbucks sowie zahlreiche Restaurants und Händler. Tausende Betriebe hatten in Singapur laut lokalen Medien die Bezahlterminals von Wirecard genutzt, die nun nicht mehr funktionieren.

Zu dem Bezahlchaos kam es, nachdem die örtliche Finanzaufsicht MAS Wirecard angeordnet hatte, seine Dienste in Singapur einzustellen und alle Kundengelder zurückzuzahlen. Die Behörde setzte dafür eine Frist, die am Mittwoch ausläuft.

Doch bereits seit Tagen können Wirecard-Kunden nicht mehr auf die Dienste des Konzerns zurückgreifen. Vielen ist es nicht gelungen, rechtzeitig für Ersatz zu sorgen. Kunden des Telekomkonzerns M1 können derzeit deshalb monatlich fällige Rechnungsbeträge nicht wie gewohnt automatisch abbuchen lassen. Man befinde sich in Gesprächen mit einer lokalen Bank, um eine alternative Bezahlplattform bereitzustellen, teilte das Unternehmen mit. Die neue Lösung solle Ende des Monats einsatzbereit sein.

„Zunächst keine konkreten Informationen, dass Wirecard keine Dienste mehr anbieten kann“

Die Ausfälle der digitalen Bezahlinfrastruktur waren in den vergangenen Tagen an fast jeder Ecke der Metropole zu spüren: In Suppenküchen, bei Tierärzten und Fünf-Sterne-Hotels bekamen die Menschen in Singapur zu hören, dass Kartenzahlungen wegen der Vorfälle bei Wirecard gerade nicht möglich seien. Kunden von Starbucks in Singapur konnten Guthaben nicht mehr online auf ihre Kundenkarten laden – sie mussten dafür in den Filialen Schlange stehen.

Viele Unternehmer hatten sich bis zuletzt darauf verlassen, dass die Geschäfte mit dem Konzern aus Aschheim trotz dessen Insolvenz weiterlaufen können. „Wir sind nicht früher auf einen anderen Anbieter umgestiegen, weil es zunächst keine konkreten Informationen darüber gab, dass Wirecard keine Dienste mehr anbieten kann“, sagte Ariel Lee, Managerin bei dem Gastronomieunternehmen Sunpark, das in Singapur mehrere Restaurants betreibt, der Lokalzeitung TNP.

Erst Ende September war dann von der Finanzaufsicht MAS die unmissverständliche Aufforderung gekommen, sich auf das Ende der Geschäftsbeziehungen mit Wirecard einzustellen: „Kunden, die noch keine alternativen Vorkehrungen getroffen haben, sind aufgerufen, das schleunigst zu tun“, hieß es in der Mitteilung der Behörde.

Ihre Anordnung zum Wirecard-Aus begründete die Finanzaufsicht unter anderem damit, dass die Singapur-Niederlassung des Konzerns zuvor mitgeteilt habe, dass sie ihre Dienstleistungen einer signifikanten Zahl an Händlern nicht mehr zur Verfügung stellen könne. Es sei deshalb im öffentlichen Interesse, dass Wirecard seine Bezahldienste komplett einstelle und damit für die Kunden Berechenbarkeit hergestellt werde, hieß es seitens der MAS. Wirecard teilte daraufhin mit, man arbeite mit der Behörde zusammen, um die Störungen der Bezahlabläufe zu minimieren.

Bei Einzelhändlern war Wirecard in Singapur vor allem deshalb beliebt, weil das Unternehmen extrem günstige Konditionen anbot. Gastro-Managerin Lee sagte, sie habe bei der Suche nach Alternativen nur Angebote gefunden, bei denen deutlich höhere Gebühren fällig würden. Langfristig werde das für ihr Unternehmen zu steigenden Kosten führen, sagte sie.

Betroffen vom Ende des Wirecard-Betriebs in Singapur sind auch Finanzunternehmen, die von Wirecard herausgegebene Debitkarten an ihre Kunden verteilt hatten. Dazu gehört auch das von österreichischen Gründern in Singapur ins Leben gerufene Start-up TenX, das Debitkarten mit Guthaben in Kryptowährungen vermarktete und dieses Geschäft Anfang Oktober einstellte.

Das in Singapur beheimatete Mobilitäts-Start-up Grab, das zum Imperium des Technologieinvestors Softbank gehört, legte eine geplante Partnerschaft mit Wirecard bereits im Juni kurz nach Bekanntwerden des Bilanzskandals auf Eis.

Wirecards Asienzentrale in Singapur stand bereits seit Anfang vergangenen Jahres im Zentrum der Affäre um mutmaßlich kriminelle Machenschaften bei dem Konzern. Im Februar 2019 hatte Singapurs Polizei eine Razzia in den lokalen Büros des Unternehmens durchgeführt. Im November 2019 war bekannt geworden, dass Wirtschaftsprüfer der Singapurtochter von Wirecard das Testat verweigert hatten.

Ein früherer Treuhänder von Wirecard steht in dem Stadtstaat derzeit vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen, bewusst falsche Angaben über Treuhandkonten von Wirecard gemacht zu haben. Er soll die Existenz von Guthaben in dreistelliger Millionenhöhe bescheinigt haben, obwohl es das Geld auf den Konten nicht gegeben habe.