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Wirecard droht Ungemach von der Finanzaufsicht Bafin

Die Behörde durchleuchtet den Zahlungsabwickler im Rahmen mehrerer Untersuchungen – und prüft dabei auch die Zuverlässigkeit des Managements.

Der Bafin-Chef schaut genau hin. Foto: dpa

Die Finanzaufsicht Bafin knöpft sich den Zahlungsabwickler Wirecard vor. Der Sonderprüfungsbericht des Wirtschaftsprüfers KPMG, der Schwächen bei der Organisation und Dokumentation von Wirecard offengelegt hat, werde mit Hochdruck analysiert, sagte Bafin-Präsident Felix Hufeld am Dienstag. Anschließend werde die Bonner Behörde, die Wirecard bereits in mehreren Bereichen untersuche, ihre Schlussfolgerungen ziehen.

„Natürlich gucken wir uns Wirecard genau an“, betonte Hufeld. „Wir tun das nicht zum ersten Mal, wir tun das schon seit geraumer Zeit.“ Im Rahmen der Untersuchungen prüfe die Bafin auch, ob der Mutterkonzern Wirecard weiter als zuverlässiger Eigentümer der Wirecard-Bank eingestuft werden könne, sagte der oberste Bafin-Bankenaufseher Raimund Röseler.

„Bei jeder Bank schauen wir auf die Zuverlässigkeit der Eigentümer“, erklärte Röseler. „Natürlich haben wir, nachdem der KPMG-Bericht öffentlich wurde, geschaut: ‚Müssen wir aus diesem Bericht Schlussfolgerungen in diese Richtung ziehen?‘“ Wie die Entscheidung ausfalle, werde auch vom Vorgehen der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) abhängen.

Die „Bilanzpolizei“ DPR kann die Bilanzen von Unternehmen auf eigenen Antrieb hin überprüfen oder wenn sie von der Bafin dazu aufgefordert wird. Ob es eine entsprechende Aufforderung gibt, wollte Bafin-Exekutivdirektorin Elisabeth Roegele mit Verweis auf „Verschwiegenheitsgründe“ nicht preisgeben. Aber sie betonte: „Die DPR wird sich sicher diesen Sachverhalt angucken. Ich denke, das liegt auf der Hand.“

Damit sind auch die Aufstellung der Wirecard-Bilanz und ihre Prüfung in den Fokus der Aufseher geraten. Infolgedessen steigt der Druck auf den langjährigen Konzernprüfer Ernst & Young (EY), der sich beim Testat des Jahresabschlusses 2019 keine Fehler erlauben darf. Die Vorlage der Jahresbilanz wurde mehrmals verschoben und ist nun für den 4. Juni geplant. Finanzkreisen zufolge nimmt sich EY auch deshalb mehr Zeit für den Abschluss, weil die Prüfer mit einer intensiven Begutachtung durch die Aufseher rechnen.

Die Bafin prüft zudem, ob Wirecard vor der Veröffentlichung des KPMG-Berichts Anleger falsch informiert hat. Sollte der Bericht Aussagen enthalten, „die möglicherweise im Widerspruch zu dem stehen, was die Wirecard AG im Vorfeld kommuniziert hat“, werde die Behörde gegen den Konzern wegen irreführender Kommunikation vorgehen, kündigte Roegele an.

„Soweit wir Anhaltspunkte diesbezüglich finden, werden wir unverzüglich Anzeige bei der Staatsanwaltschaft stellen“, sagte die Exekutivdirektorin. „Das gilt natürlich auch, wenn wir feststellen, dass unsere eigenen Untersuchungsbefugnisse nicht weitreichend genug sind und entsprechend Staatsanwaltschaft und Polizei erforderlich sind, um weitergehende Untersuchungen zu ermöglichen.“

Auf Handelsblatt-Anfrage erklärt der Zahlungsdienstleister aus Aschheim bei München, er stehe in regelmäßigem Kontakt mit der Finanzaufsicht und unterstütze alle Informationsanforderungen vollumfänglich. „Dem Unternehmen ist bewusst, dass die Kursbewegungen nach Veröffentlichung des KPMG-Reports von der Bafin grundsätzlich analysiert werden. Wirecard ist überzeugt, allen Informationspflichten entsprochen zu haben“, so der Konzern weiter.

Das sagt die Bafin zu den Banken

Aber nicht nur Wirecard spielte bei der Jahrespressekonferenz der Aufsicht eine Rolle. Die deutschen Finanzinstitute haben aus Sicht der Bafin gute Chancen, die Folgen der Corona-Pandemie zu verdauen, schließlich haben sie in den vergangenen Jahren dickere Kapital- und Liquiditätspuffer aufgebaut.

„Der Bankensektor hat das Zeug, die Krise zu überstehen – wenn auch mit einigen Blessuren“, sagte Hufeld. Aber er betonte auch: „Ich werde meine Hand nicht für jede einzelne Bank ins Feuer legen – das hätte ich im Übrigen ja auch ohne Coronakrise nicht.“

Grundsätzlich befänden sich die Banken in einer heiklen Gemengelage. Die Erträge seien seit Jahren schwach, die Zinsen niedrig, und die digitale Konkurrenz sei umtriebig. Jetzt komme auch noch Corona dazu. „Die Krise verschärft die Probleme, die die Banken vorher schon hatten“, sagte Hufeld. „Wenn sie vorbei ist, müssen sich die Institute umso dringender mit ihren Geschäftsmodellen beschäftigen.“

Auslandsbanken auf dem Rückzug

Im Zuge der Coronakrise dürfte es mehr Firmenpleiten und Kreditausfälle geben. Diese werden sich allerdings erst zeitversetzt in den Bilanzen der Banken niederschlagen. „Deswegen haben wir auch nur sehr wenige Institute, die jetzt schon Corona-bedingt existenzielle Probleme haben“, sagte Bankenaufseher Röseler. Auf der Bafin-eigenen Intensivstation für angeschlagene Banken seien bisher lediglich zwei Institute zusätzlich aufgenommen worden.

Röseler hat nach eigenen Angaben „anekdotische Evidenz“, dass ausländische Banken im Zuge der Coronakrise ihr Engagement in Deutschland herunterfahren. Er habe von mehreren Banken gehört, dass sich gerade im Mittelstandsgeschäft, das in der Vergangenheit als sehr attraktiv galt, Auslandsbanken zurückziehen, sagte Röseler.

In der Finanzkrise 2008 und 2009 hatten sich einige Auslandsbanken bereits ähnlich verhalten. „Daher sind gerade mittelständische Unternehmen gut beraten, stabile Beziehungen zu den heimischen Kreditinstituten zu pflegen“, schrieb Volker Brühl, Geschäftsführer des Center for Financial Studies der Frankfurter Goethe-Universität, auf Twitter.