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Wirecard, Deutsche Bank, Lufthansa: Infiziert und angeschlagen – ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um zu verkaufen?

Stefan Naerger, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

Das Coronavirus hinterlässt seine Spuren an den Aktienmärkten. Am Rosenmontag 2020 ging es für den DAX innerhalb von nur einem Tag um satte 4 % gen Süden. In der Geschichte des deutschen Premiumindex gab es nur 76 Tage, an denen die Panik vergleichbare Dimensionen annahm.

Besonders schwer traf es die Aktien von Wirecard (WKN: 747206), Deutscher Bank (WKN: 514000) und Lufthansa (WKN: 823212). War der schwarze Rosenmontag etwa das große Verkaufssignal für mittel- bis langfristige Investoren? Für eine der drei Aktien könnte die Infektion aus meiner Sicht tödlich enden.

1. Wirecard

Wirecard-Investoren dürften sich an Achterbahnfahrten längst gewöhnt haben. Ein Minus von 5,5 % an nur einem Tag ist im Vergleich trotzdem noch etwas Besonderes.

Dabei hatte der Tag so gut begonnen. In einem Interview gab sich Wirecard-Chef Markus Braun kämpferisch-optimistisch hinsichtlich der laufenden Prüfung nach dem Verdacht der Falschbilanzierung.

Fundamental orientierte Investoren dürften sich nach dem Ausbruch des Coronavirus weniger für die Gefechte zwischen Wirecard und der Financial Times, sondern eher für die Wachstumsprognosen interessieren. Wenn die kippen, dann fallen auch die optimistischen Kursprognosen für die Wirecard-Aktie.

Ja, Wirecard muss liefern. Daran führt kein Weg vorbei. Die Horrorvision, dass sich Millionen Menschen nicht mehr aus ihren Wohnungen trauen – und somit auch nicht mehr groß einkaufen können –, macht es für den Zahlungsdienstleister sicher nicht einfacher, die hoch gesteckten Ziele zu erreichen.

Ein guter Grund, um jetzt bei Wirecard auszusteigen, ist das Coronavirus aus meiner Sicht trotzdem nicht. Ganz im Gegenteil! Wenn die Kunden große Menschenmassen in nächster Zeit eher meiden und somit vermehrt auf Produkte und Dienstleistungen aus dem Bereich E-Commerce ausweichen, könnten für digitale Zahlungsdienstleister goldene Zeiten anbrechen.

2. Deutsche Bank

Die Aktie der Deutschen Bank dürften viele Investoren längst als Minderleister in den Giftschrank einsortiert haben. Aber Totgesagte leben bekanntlich länger.

Um rund 80 % ging es seit dem Allzeittief im August 2019 nach oben (Stand: 25.02.2020). Das verdient Respekt und Anerkennung!

Fragt sich, wie nachhaltig dieser Anstieg war. Am Rosenmontag verbilligte sich die Aktie in Rekordgeschwindigkeit um schockierende 10 %.

Optimisten mögen sich an das Versprechen klammern, dass der Umbau der Großbank trotz gigantischer Verluste zügig vorankommt. Skeptiker könnten den starken Kursverlauf der vergangenen sechs Monate als Ergebnis eines reinen Spekulationsmarktes interpretieren.

Für Anhänger der letztgenannten Theorie wäre ein Verkauf meiner Meinung nach die logische Konsequenz. Denn Spekulanten, die womöglich auf Kursgewinnen von 80 % sitzen, werden ihr Glück im Zweifel schnell zu Geld machen und nicht langfristig dabeibleiben wollen.

3. Lufthansa

Die Lufthansa-Aktie ist trotz des mittelprächtigen Kursverlaufs der letzten drei Jahre noch immer eine meiner absoluten Lieblingsaktien (Stand: 25.02.2020). Daran ändert auch das Minus von 8,4 % nichts, das am Rosenmontag die Aktionäre des Luftfahrtklassikers schockierte.

Als langfristiger Anleger wäre ich allerdings nicht besorgt. Zum einen gibt es bisher keine Anzeichen dafür, dass die Dividende dieses Jahr unters Messer kommt. Zum anderen stimmt mich der Ölpreis optimistisch.

Klar: Eine Pandemie bekämpft man am besten, indem man das Verkehrsaufkommen reduziert. Natürlich auch im Luftverkehr. Einen neuen Rekord bei den Fluggastzahlen würde ich in diesem Jahr also nicht erwarten.

Gleichzeitig darf nicht unterschlagen werden, dass der Ölpreis seit dem Zwischenhoch im September 2019 um rund 33 % gesunken ist (Stand: 25.02.2020). Allein am schwarzen Rosenmontag gab der Ölpreis noch mal um 4 % nach.

Am Ende könnte die Bilanz der Lufthansa aufgrund der womöglich sinkenden Treibstoffkosten nicht so schlimm aussehen, wie es pessimistische Investoren angesichts des Coronavirus erwarten. Kurzum: vorsichtige Entwarnung für langfristige Investoren.

Foolishes Fazit

Ein waschechter Fool hat an außergewöhnlich großen Kurskorrekturen nichts auszusetzen. Oft ergeben sich gerade in solchen Phasen fantastische Gelegenheiten, bei denen man sich die heiß ersehnte Lieblingsaktie günstig ins Depot holen kann.

Das sieht auch Warren Buffett so. Auf die Frage, wie seine Holding Berkshire Hathaway (WKN: 854075) auf den Corona-Crash reagieren wird: „Das ist tatsächlich gut für uns. Wir sind im Laufe der Zeit ein Nettokäufer von Aktien.“

Damit wäre Buffetts Position geklärt. Vielleicht wird er auch ein paar Aktien verkaufen. Aber wer Nettokäufer ist, kauft immer mehr, als er verkauft. Egal, welches Virus die Märkte gerade infiziert hat.

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Stefan Naerger besitzt keine der erwähnten Aktien. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Berkshire Hathaway (B-Aktien) und empfiehlt die folgenden Optionen: Long January 2021 $200 Call auf Berkshire Hathaway (B-Aktien), Short January 2021 $200 Puts auf Berkshire Hathaway (B-Aktien) und Short March 2020 $225 Call auf Berkshire Hathaway (B-Aktien).

Motley Fool Deutschland 2020