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Wirecard bekommt einen unbequemen Aufseher

Der einstige Finanzchef der Deutschen Börse ist seit Freitagnacht Vorsitzender des Aufsichtsrats. Aufzuräumen gibt es beim Dax-Konzern genug.

Im Juni vergangenen Jahres saß Thomas Eichelmann noch im Publikum, als Wirecard zur Hauptversammlung lud. Doch unter den 2.000 Aktionären fiel der Top-Manager allein schon wegen seiner Größe auf.

Akribisch studierte er damals seine Unterlagen, für Small Talks schien keine Zeit, stand doch seine Wahl in den sechsköpfigen Aufsichtsrat des Zahlungsdienstleisters an.

Beim nächsten Aktionärstreffen Anfang Juli wird Eichelmann wieder auffallen. Dann wird er auf der Bühne stehen – und die Versammlung als Aufsichtsratschef leiten. Dass er auf den langjährigen Vorsitzenden Wulf Matthias folgt, war am Freitag kurz vor Mitternacht die überraschende Nachricht.
Der 54-Jährige stand schon mehrmals in seiner Karriere auf der großen Bühne. In der Finanzwelt ist der ehemalige Unternehmensberater der Boston Consulting Group und von Roland Berger vor allem durch sein Engagement als Finanzchef der Deutschen Börse zwischen 2007 und 2009 in Erinnerung.

Wegen seiner direkten, von manchen als rabiat empfundenen Ansprache war er dort zwar nicht überall beliebt. Bewegt hat er dennoch einiges: Unter anderem hat er das Verhältnis zum aktivistischen Investor Christopher Hohn befriedet.

Erfahrung als Aufsichtsrat hat er auch – durch sein Engagement beim Baukonzern Hochtief, wo er in den Jahren 2013 und 2014 den Vorsitz übernommen hatte. Und bis 2017 war er Aufsichtsrat beim Finanzkonzern Wüstenrot & Württembergische.
Image zurechtrücken

Dass die Wahl bei der Neubesetzung des obersten Aufseherpostens bei Wirecard auf ihn und damit das neueste Mitglied im Gremium fiel, ist aus Sicht vieler Investoren ein klares Indiz. Ihm traut das Gremium offensichtlich am ehesten zu, das angeschlagene Image zurechtzurücken.

Seit gut einem Jahr häufen sich negative Berichte über den Zahlungsdienstleister, vor allem in der britischen Wirtschaftszeitung „Financial Times“. Dabei geht es stets um den Vorwurf manipulierter Zahlen. Wirecard hatte die Anschuldigungen stets zurückgewiesen.

Dennoch bleibt in der Außendarstellung des Dax-Konzerns das Bild eines Getriebenen, der auf Anschuldigungen von außen reagiert, anstatt selbst zu informieren. Im Aufsichtsrat wurde so der Unmut zunehmend größer.

Intern soll das Krisenmanagement von Vorstandschef Markus Braun vermehrt moniert worden sein. Auch aus diesem Grund entschied sich das Gremium am Freitag für den als unabhängig geltenden Eichelmann als Aufsichtsratschef und damit gegen Stefan Klestil, den bisherigen Stellvertreter und Vertrauten Brauns.

Zurzeit läuft eine Sonderprüfung der Bilanz durch die Wirtschaftsprüfer von KPMG. Das Ergebnis wird für Ende des ersten Quartals erwartet. Eichelmann hat daran ein besonderes Interesse. Er leitet den Prüfungsausschuss, der nach seiner Wahl in den Aufsichtsrat neu geschaffen wurde.