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Wiener Börsenindex ATX: Kleiner Bruder mit Schmäh

Zschaber, Markus Dr
·Lesedauer: 3 Min.

Der österreichische Aktienmarkt hat dem Frankfurter Börsenparkett im Jahr 2021 womöglich vor allem eines voraus: eine Portion Nachholpotenzial. Warum Österreichs Leitindex ATX für Anleger einen Blick wert ist.

Während sich manch ein Deutscher in diesen Tagen denken mag, dass es bei Graupelschauer und Schneeregen nicht das Schlechteste ist, coronabedingt im warmen Homeoffice zu sitzen, sieht man das in Österreich vielerorts sehr wahrscheinlich anders. So trifft ein Lockdown im Januar das Nachbarland besonders hart – der Ausfall des Großteils der Skisaison 2020/21 zumindest für die Skitouristen ist nicht nur für die Wintersportler selbst ein herber Verlust, sondern vor allem auch für die davon abhängigen Unternehmen vor Ort in Kärnten, Zillertal, Salzburger Land und Co.: Mit Liftbetreibern, Gastronomen und Skischulen bleiben gleich mehrere Industriezweige in diesem Jahr teilweise oder ganz auf der Strecke, die sonst die größten Profiteure des Wintertourismus sind.

Auch an der Börse gibt es Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich. Rund zwölf Prozent büßte der österreichische Leitindex ATX im Jahr 2020 an Wert ein, während sein deutsches Pendant, der Dax, im selben Zeitraum um 3,5 Prozent zulegte. Die zweite Reihe in Deutschland, der MDax und der SDax, machten sogar knapp neun beziehungsweise stattliche rund 18 Prozent an Boden gut. Ja richtig, wir sprechen vom Krisenjahr 2020.
Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – sollten Anleger den ATX in diesem Jahr auf dem Schirm haben.

Der Index, der nur 20 der größten Unternehmen seines Landes umfasst und der vor dem Hintergrund, dass sich auf den ersten Blick ATX und Dax nicht wesentlich unterscheiden, vom einen oder anderen Marktteilnehmer als kleiner Dax-Bruder bezeichnet wird, hat aber einen genaueren Blick verdient. Zwar ist in punkto Indexzusammensetzung eine gewisse Ähnlichkeit nicht von der Hand zu weisen: Eine Aufstellung von einem Technologieunternehmen wie Andritz bis zu einem Baustoffkonzern wie Wienerberger zeugt zwar von Vielfältigkeit. Mit Geldinstituten wie der Erste Bank Group und der Raiffeisen Bank International sowie der Österreichischen Post und der Telekom Austria sind die Schwerpunkte des ATX aber ähnlich gelagert wie beim Leitindex des Nachbarlandes.

Dennoch weist der ATX aktuell etwas auf, was Marketingstrategen vielleicht zu Neudeutsch als USP, also Alleinstellungsmerkmal, bezeichnen würden: Er hat Nachholpotenzial, nicht nur für langfristig orientierte Investoren immer ein interessanter Aspekt. Dieses Potenzial lässt sich gerade am Vergleich mit dem Dax festmachen. So ist der ATX jüngst zum ersten Mal seit Ende Februar wieder über die Marke von 3.000 Punkten gestiegen. 85 Prozent hat er damit seit seinem Tief im Frühjahr zugelegt – und damit den Dax, der ein Plus von rund 65 Prozent seit dem Tiefstand nach dem Corona-Blitzcrash aufweist, in punkto Dynamik übertroffen. Was in diesem Zusammenhang bemerkenswert ist: Anders als der deutsche Leitindex, der wieder fast auf Rekordniveau notiert, ist der ATX noch ein ordentliches Stück von seinem bisherigen Allzeithoch entfernt, das er Anfang 2018 bei knapp 3.700 Zählern markiert hatte.

Wenn die Coronakrise an Brisanz verliert – ob das noch vor dem Ende der Wintersaison passiert oder erst danach -, wird sich die österreichische Wirtschaft wohl ähnlich erholen können wie die deutsche. Und es spricht einiges dafür, dass der ATX davon mit entsprechender Dynamik profitiert. Damit hat er das Zeug dazu, in diesem Jahr mehr als nur der kleine Bruder des Dax zu sein.

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Mehr zum Thema: Die Coronapandemie hat nur wenige Gewinner. Anleger sollten sich aber auch Unternehmen anschauen, die erst auf den zweiten Blick krisenresistent sind.