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Wie Sie mit Verschwörungstheoretikern in ihrem Umfeld umgehen

Das Coronavirus hat Verschwörungstheorien zu einer neuen Blütezeit verholfen. Anstrengend wird es, wenn Menschen aus dem direkten Umfeld diese verbreiten. Den Kontakt abbrechen sollten wir aber nicht - sondern uns vielmehr um sie kümmern?

Etwa 3.000 Menschen fanden sich vor wenigen Tagen am Marienplatz zusammen um zu demonstrieren. (Bild: Getty Images)

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte am Donnerstag eine klare Botschaft an die Deutschen: Der Mundschutz ist empfehlenswerter als der Aluhut. Tatsächlich erfahren Verschwörungstheorien in der aktuellen Krise eine neue Hochzeit und mancher von uns erkennt seine eigenen Freunde und Familienmitglieder nicht mehr wieder.

Erst stammte das Coronavirus aus einem Labor in Wuhan und wurde absichtlich freigelassen, um die Proteste in Hongkong zu stoppen. Dann war es ein ausgebufftes System um das deutsche Rentensystem zu entlasten, jetzt sind es Bill Gates und Angela Merkel (die hat doch irgendwas mit Reagenzgläsern studiert!?), die das Virus erfunden haben, um eine Impfpflicht durchzusetzen.

In der Krise scheinen viele Menschen solchen Theorien, gerne ausgelöst durch “Fake News” anheimgefallen zu sein - nicht zuletzt weil es ihnen viele Prominente vormachen.

Coronavirus ist eine große Herausforderung

Derartige Ansichten können das freundschaftliche und auch das familiäre Verhältnis stark belasten. Deshalb ist es wichtig, sich im Alltag nicht nur selbst zu wappnen, sondern - und hier liegt ein häufiger Fehler - den Kontakt nicht abbrechen zu lassen, sondern aktiv den Dialog zu suchen.

Verschwörungstheorien finden ihre Anhänger ganz besonders bei Personen, die mit der aktuellen Lage überfordert sind. Dass das Coronavirus einige Leute, wenn nicht eigentlich sogar die ganze Menschheit, überfordert, haben wir in den vergangenen Monaten gut beobachten können.

Das Problem: Das Coronavirus und der weltweite Ausbruch ist hochkomplex, herausfordernd, nicht in gut oder böse zu teilen. Ein richtiges Feindbild gibt es nicht.

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Verschwörungstheorien sind möglichst einfach

Videos oder Artikel der Verschwörungstheoretiker sind dagegen oft einfach gestrickt. Sie sprechen Menschen an, die nach der einfachen Lösung oder einem alles verbindenden roten Faden suchen. Das Internet macht solche Inhalte leicht verfügbar.

Die Menschen grenzen sich anschließend immer mehr ab. Sie sehen sich in ihrer neuen Gruppe gut aufgehoben und erkennen die “große dumme Menge” auf der anderen Seite. Fronten verhärten sich, Freundschaften und Familientreffen werden unangenehm.

Diese Isolierung verstärkt den Glauben an Verschwörungstheorien, die nicht selten einen “Wir gegen Alle”-Gedanken anstimmen zusätzlich.

Beziehungen nicht einfach abbrechen

Genau an diesem Punkt stehen in Deutschland gerade viele Beziehungen. Aufgeben sollte man sie deshalb nicht. Vielmehr sollten wir das Gespräch mit Betroffenen suchen und ihnen nicht die kalte Schulter zeigen, Kontakte abbrechen oder Streits lostreten. Das befeuert die Abgrenzung und das Gefühl der Isolation nur zusätzlich.

Zumal es definitiv nicht falsch ist, sich gegenüber Medien, Politik und teilweise auch der Wissenschaft kritisch zu positionieren. Heute ist es schwer, die Wahrheit zu kennen. Auch renommierte Blätter zweifeln die Echtheit der Infektionszahlen aus China an. Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verglich das Coronavirus früh mit der Grippe. Studien widersprechen sich bezüglich Symptomen, Verlauf, Infektion...

Wichtig ist es deshalb in erster Linie, Verständnis zu zeigen und den Kontakt nicht abreißen zu lassen. Fürsorge zu zeigen und sich tatsächlich mit den Theorien seines Gegenübers zu beschäftigen zeigt bessere Erfolge als das schlichte Ablehnen.

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Selbstschutz und Themawechsel sind in Ordnung

Nach diesem ersten Schritt ist es langsam möglich, die Theorie des Gegenübers in Frage zu stellen. Wichtig ist es dabei, unabhängige und gesicherte Quellen zu nutzen. Ebenso können einfache Gedankenexperimente funktionieren, wenn die Theorie durchgespielt und immer weiter getrieben wird. “Wie würde Angela Merkel von einer Impflicht profitieren?”

Letztlich muss auch beachtet werden, dass viele Menschen aktuell in einer schwierigen Situation sind. Kurzarbeit, die Kinder nicht in der Schule, Angst um erkrankte Bekannte oder Risikopatienten aus dem eigenen Umfeld. Das sind Themen, über die zu sprechen eine Erleichterung sein kann.

Können wir unseren Freunden und Familienmitgliedern damit zeigen, dass wir für sie da sind, kann sich die Situation bisweilen wie von selbst entspannen. Ansonsten bleibt noch immer die Möglichkeit, offen auf die Differenz einzugehen und sich dem kritischen Thema zu verweigern, ohne gleich den Kontakt unterbrechen zu müssen.

Gegen den Willen des anderen bekehren kann und muss man niemanden. In erster Linie gilt der Selbstschutz. Wer sich schon selbst gestresst genug fühlt, muss es sich nicht noch zur Aufgabe machen, den Nachbar von seinen Theorien abzubringen.

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