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Whistleblower schickte der Bafin schon Anfang 2019 Material zu Wirecard

Die Finanzaufsicht wusste bereits deutlich früher von Unregelmäßigkeiten beim Zahlungsdienstleister. Die Bafin bestätigt einen entsprechenden Medienbericht.

Die Finanzaufsicht Bafin hat bereits vor mehr als einem Jahr Insiderinformationen auf Unregelmäßigkeiten beim insolventen Zahlungsdienstleister Wirecard erhalten. Das erklärte die Bafin am Donnerstagnachmittag und bestätigte damit einen Bericht des Finanznachrichtendienstes Bloomberg.

Demnach hat schon Ende Januar 2019 ein Whistleblower der Aufsichtsbehörde Dokumente zu Wirecard zugespielt. Zu den Inhalten der zugespielten Dokumenten äußerte sich die Bafin nicht.

Immerhin waren sie aber wohl so relevant, dass die Bafin auf ihrer Basis sowie eines Bericht der „Financial Times“ (FT) eine Marktmanipulationsuntersuchung über Bilanzprobleme bei Wirecard startete. Bei der Staatsanwaltschaft wurde der Verdacht der Marktmanipulation aber erst ein Jahr später gemeldet.

Wann genau im Januar 2019 die Bafin die Informationen erhielt, erklärte sie nicht. Aber die Antwort des Finanzministeriums auf eine Anfrage von Bundestagsabgeordneten, über die Bloomberg berichtete, deutet darauf hin, dass die Bafin möglicherweise schon vor dem ersten Artikel der FT am 30. Januar 2019 über Zweifel an Wirecard informiert war. Die Aktie verlor nach Veröffentlichung des Artikels zeitweise fast 25 Prozent ihres Wertes.

In dem Artikel berichtete die FT erstmals über Unregelmäßigkeiten und mögliche Kontomanipulationen in Singapur aus dem Frühjahr 2018. In mehreren Folgeartikeln war die Rede von Betrug, Dokumentenfälschung und von angeblichen Scheinumsätzen mit verschobenen Geldern, dem sogenannten Round-Tripping.

Wirecard versuchte anschließend zu belegen, dass sich unmittelbar vor der Veröffentlichung der kritischen Berichte ungewöhnlich viele Shortseller, die auf fallende Kurse spekulieren, gegen Wirecard positioniert hätten. Die Börsenaufsicht Bafin verhängte in einem außergewöhnlichen Schritt ein zweimonatiges Leerverkaufsverbot für Wirecard-Aktien.

Untersuchungen in zwei Richtungen

Die Bafin erklärte jetzt, dass sie damals Marktmanipulationsuntersuchungen in zwei Richtungen gestartet habe. Zum einen in Richtung mutmaßlicher Short-Attacken, zum anderen in Richtung möglicherweise manipulativer Information des Kapitalmarktes durch Wirecard über Bilanzierungssachverhalte.

Einige Aspekte der Untersuchung wie die mutmaßlichen Short-Attacken habe man schneller anzeigen können, „weil wir dabei auf unmittelbar verfügbare oder auch teilweise öffentlich zugängliche Daten zurückgreifen konnten“, erklärte die Bafin. Bei anderen Aspekten – der möglicherweise manipulativen Information des Kapitalmarktes über mutmaßliche Bilanzierungsfehler – habe man dagegen die Feststellungen externer bilanzprüfender Stellen gebraucht.

Für Bafin-Chef Felix Hufeld wird die Situation dadurch ungemütlicher. Am 1. Juli muss er dem Finanzausschuss des Bundestags Rede und Antwort stehen. Hufeld hatte bereits am Montag Fehler seiner Behörde eingeräumt.

Neben Kritik am Management von Wirecard und an den Wirtschaftsprüfern sei auch Kritik an der Bafin gerechtfertigt, sagte Hufeld. „Viele private und öffentliche Institutionen, inklusive meiner eigenen, waren nicht effektiv genug, um so etwas zu verhindern.“ Die Bafin habe im Fall Wirecard zwar diverse Maßnahmen ergriffen, aber nicht mit dem gewünschten Erfolg.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD), hatte sich zunächst hinter die Bafin gestellt. Nach der Festnahme des ehemaligen Wirecard-CEO Markus Braun hatte er am Dienstag aber aber andere Töne angeschlagen. „Die Bafin hat eigene Fehler bereits eingeräumt, sie müssen schleunigst identifiziert und abgestellt werden“, forderte Scholz und stellte schärfere Regeln in Aussicht. „Wir müssen schnell klären, wie wir unsere regulatorischen Vorschriften ändern müssen, um auch komplexe Unternehmensgeflechte flächendeckend, zeitnah und schnell überwachen zu können.“