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Wertvollster Konzern der Welt: Was Amazon zum unvermeidlichen Champion der nächsten Dekade macht

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Ungebremster Höhenflug: Amazon mit seiner Logistikflotte Prime Air (Foto: © Amazon / Chad Slattery)

Die Wachablösung ist vollzogen: Während Apple nach einem Fehlstart ins neue Börsenjahr erstmals nicht mehr zu den drei wertvollsten Konzernen der Welt gehört, hat Amazon in den ersten Wochen des neuen Jahres den Börsenthron bestiegen. Der knapp 25 Jahre alte E-Commerce-Gigant hat das Zeug zu einer jahrzehntelangen Dominanz.   

Für Jeff Bezos ist jeder Tag der erste Tag – andernfalls könnte es der letzte sein.  „Ich arbeite in einem Amazon-Gebäude namens Tag eins. Als wir umgezogen sind, habe ich den Namen beibehalten. Ich habe viel über das Thema nachgedacht. Tag zwei ist Stillstand. Gefolgt von Irrelevanz. Gefolgt von entsetzlichem, qualvollem Niedergang. Gefolgt von Tod. Und deswegen ist immer Tag eins“, erklärte der Konzernchef einst gegenüber Anlegern in einem seiner berüchtigten Aktionärsbriefe das Firmenmotto, das den früheren Informatiker weit gebracht hat.

Tatsächlich ist Bezos auf dem Olymp der Wirtschaftswelt, wenn nicht der Menschheitsgeschichte angekommen. Nie war ein Mensch reicher als Bezos im vergangenen Sommer, als der Amazon-Gründer, beflügelt durch den unaufhaltsamen Siegeszug der Amazon-Aktie, mit einem Nettovermögen von 150 Milliarden Dollar nicht nur zum reichsten Mann der Welt, sondern aller Zeiten avancierte.   

Seit Januar wertvollster Konzern der Welt

Diesen Titel droht Bezos nach der Scheidung von seiner Frau MacKenzie nun zwar zu verlieren (oder in Zukunft teilen zu müssen) – das Unternehmen jedoch, das ihn überlebensgroß gemacht hat, ist unterdessen zum wertvollsten Konzern der Welt aufgestiegen.

Es war der zweite Paukenschlag des neuen Börsenjahres. Nachdem sich Apple mit der geharnischten Umsatzwarnung aus den Top drei der Wall Street, zu denen es im laufenden Jahrzehnt immer gezählt hatte, verabschieden musste, nutzte Amazon seinerseits die Gunst der Stunde und stieg nach wenigen Handelstagen 2019 zum wertvollsten Konzern der Welt auf, weil der E-Commerce-Pionier kräftiger zulegte als der zwischenzeitliche Spitzenreiter Microsoft.    

Scott Galloway prophezeite Amazons Aufstieg zur Nummer eins der Wall Street 

Für Marketing-Professor Scott Galloway war die historische Wachablösung der Hardware- und Software-Veteranen der 70er-Jahre durch den Internet-Riesen
keine Überraschung. „Amazon überholt Apple nach dem Börsenwert“, prognostizierte der Bestseller-Autor („The Four“) bereits vor über einem Jahr in seinen Vorhersagen für 2018.  Und mehr noch:  Amazon würde Apple nicht nur auf dem Börsenthron ablösen, sondern auch als erstes Unternehmen die magische Bewertungsmarke von einer Billion Dollar knacken.

Zwar konnte Tim Cook Jeff Bezos diesen Meilenstein gerade noch wegschnappen, als Apple im August letzten Jahres – und damit einen Monat vor Amazon – die historische Bewertungsgrenze durchbrach, doch in der Gesamtheit war Galloways Prognose goldrichtig. Der Grund für den Optimismus des Marketing-Professors der New York University:  „Die Aktie kennt keine Schwerkraft. Amazon hat es geschafft, Gewinne durch Vision und Wachstum zu ersetzen“, bescheinigte Galloway Gründer Jeff Bezos bereits zu deutlich niedrigeren Kursen eine goldene Zukunft.

„Alexa wird das iPhone der nächsten Dekade“

Die scheint im neuen Jahr nun unmittelbar Gestalt anzunehmen, obwohl Amazon bei Kursen von aktuell 1700 Dollar sogar noch rund 20 Prozent  unter den Allzeithochs des vergangenen Jahres notiert.  

Zum Treiber der nächsten großen Kurssprünge dürfte laut Galloway unterdessen ein Produkt werden, das selbst mit dem stationären E-Commerce-Handel, der Amazon groß gemacht hat, auf den ersten Blick wenig zu tun hat: Die Sprachassistentin Alexa, die in alle Smart Speaker und anderen smarten Geräte des Internet-Giganten integriert ist.  “Alexa wird das iPhone der nächsten Dekade“, war sich Galloway bereits vor zwei Jahren sicher. 

Goldesel AWS

Erfolgsgarant der Gegenwart bleibt unterdessen weiter die boomende Cloudsparte Amazon Web Services (AWS), die Konzernchef Bezos bereits 2006 gegründet und durch Zukäufe immer weiter vergrößert hat. „AWS ist die Basis, um Online-Unternehmen aufzubauen. Es ist die Elektrizität des Internetzeitalters“, ist etwa Chamath Palihapitiya, CEO des Wagnisfinanzierers Social Capital, vom Wachstumspotenzial der Cloud-Sparte begeistert.

Unter dem Strich ist AWS tatsächlich zu Amazons Goldesel geworden: Im jüngsten Quartal fuhr die Cloud-Sparte bereits Erlöse von 6,7 Milliarden Dollar (46 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum) ein und steuerte damit mehr als die Hälfte zum operativen Gewinn bei. Geht es nach Scott Galloway, dürfte AWS in Zukunft noch eine wichtigere Rolle spielen – als ausgegliedertes Unternehmen, um möglichen kartellrechtlichen Bedenken der Trump-Administration entgegenzuwirken. So sagt der eloquente Marketingprofessor noch für dieses Jahr den Spin-off voraus, durch den AWS aus dem Stand zu den zehn wertvollsten Unternehmen aufsteigen und Amazons Wert in der Summe weiter steigern könnte.

Nächster Wachstumstreiber AMG

Zum nächsten großen Wachstumstreiber dürfte unterdessen eine Unit aufsteigen, die bislang im Schatten des E-Commerce-Geschäfts und von AWS noch wenig Beachtung gefunden hat – die Amazon Media Group (AMG), hinter der sich das boomende Anzeigengeschäft verbirgt. Wie Galloway mutmaßt, könnte AMG bis Ende nächsten Jahres bereits zu den fünf wertvollsten Medienunternehmen aufsteigen.

“Gemeinsam mit Facebook und Google entzieht Amazon klassischen Medienunternehmen im Anzeigengeschäft den Sauerstoff”, sagte Galloway am Wochenende bei der Digitalkonferenz DLD in München den Siegeszug von AMG voraus.

Analysten bleiben optimistisch

Die Wall Street ist unterdessen fast uneingeschränkt optimistisch. “Trotz der bereits massiven Größe halten wir Amazons Möglichkeiten wegen der Erfolgsgeschichte im Verbraucher- und IT-Geschäft weiter für uneingeschränkt”, findet etwa Brian Wieser von Pivotal Research, der für Amazon ein Kursziel von 1920 Dollar herausgegeben hat und damit noch unter dem Durchschnittswert von 2150 Dollar liegt, bei dem der E-Commerce-Riese wieder ein Billionen-Dollar-Konzern wäre.  

Wieser geht davon aus, dass sich allein die Erlöse von Amazons Anzeigengeschäft in den nächsten fünf Jahren auf 38 Milliarden Dollar vervierfachen dürften. Auch der renommierte Techinvestor Bill Miller sieht für den wertvollsten Internet-Konzern aller Zeiten weiter “gigantisches Marktpotenzial” und sagt eine nochmalige Verdopplung der Aktie binnen der nächsten drei Jahre voraus.  

Bezos’ Warnung: “Amazon ist nicht zu groß, um zu scheitern”

Trotz des überbordenden Optimismus erinnert Bezos bei jeder passenden Gelegenheit an das Gründungsmotto – und das sogar mit drastischen Worten. “Amazon ist nicht zu groß, um zu scheitern”, erklärte der umtriebige Vorstandschef auf einem Mitarbeitermeeting im vergangenen November zur Überraschung der Belegschaft. “Tatsächlich sage ich vorher, dass Amazon eines Tages scheitern wird. Amazon wird pleitegehen. Die Lebenserwartung von größeren Unternehmen beträgt nicht 100 Jahre, sondern eher 30+ Jahre.”

Mit entsprechendem Ehrgeiz wird Bezos im 25. Jahr von Amazons Bestehen alles daransetzen, das Imperium zu festigen und weiter auszubauen – Angriff ist schließlich die beste Verteidigung.