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R-Wert gibt Rätsel auf: Zeichnet sich ein Abflachen der Infektionskurve ab?

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Ein Wert des Robert Koch-Instituts könnte aber auf ein Abflachen der Kurve schon vor dem Teil-Lockdown hindeuten. (Bild: reuters)
Ein Wert des Robert Koch-Instituts könnte aber auf ein Abflachen der Kurve schon vor dem Teil-Lockdown hindeuten. (Bild: reuters)

Die täglich gemeldeten Infektionszahlen in Deutschland steigen. Ein Wert des Robert Koch-Instituts könnte aber auf ein Abflachen der Kurve schon vor dem Teil-Lockdown hindeuten.

Erstmals nach seiner Corona-Infektion trat Jens Spahn wieder bei einer Pressekonferenz öffentlich auf. „Ich sitze hier nicht nur als Bundesminister für Gesundheit, sondern auch als wieder genesener Covid-19-Patient“, sagte der CDU-Politiker. Zum Glück habe er einen milden Verlauf gehabt.

Flankiert von Fachleuten wies Spahn am Dienstag darauf hin, wie ernst die Lage in Deutschland sei. Die Pandemie sei eine „echte Mammutaufgabe“, sagte er. Angesichts der rasant steigenden Infektionszahlen müsse man mit dem Teil-Lockdown im November nun die Notbremse ziehen.

Spahn sprach von einem exponentiellen Wachstum bei den Infektionen, so wie zuvor schon Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Allerdings: Es gibt auch Anzeichen dafür, dass sich der Anstieg bereits vor dem Lockdown abgeschwächt hat.

RKI: 17.214 Corona-Neuinfektionen in Deutschland

Das Robert Koch-Institut (RKI) meldet seit mehreren Tagen einen Rückgang der Reproduktionszahl R. Die gibt an, wie viel Menschen sich durchschnittlich bei einem Infizierten anstecken. RKI-Vizechef Lars Schaade sagte bei der Pressekonferenz: „Die Kurve wird vermutlich etwas flacher in diesem Moment.“

Die statistische Messgröße bildet das Infektionsgeschehen vor etwa anderthalb Wochen ab. Doch Schaade mahnte auch, es sei noch zu früh, von einer Trendwende zu sprechen. „Solange der R-Wert über eins liegt, haben wir exponentielles Wachstum.“

Damit die Infektionszahlen spürbar heruntergehen, müsse R deutlich und für eine längere Zeit unter eins liegen – ein Infizierter im Schnitt also weniger als einen Menschen anstecken.

Zurückberechnet auf das Datum des Erkrankungsbeginns lag der Wert am 22. Oktober noch bei 1,5. Nach einem stetigen Rückgang für mehr als eine Woche fiel er nun für den Infektionszeitpunkt 30. Oktober auf 0,94, wie aus dem am Dienstagabend veröffentlichten Lagebericht des RKI hervorging. Da der R-Wert schwanken kann, ist noch Vorsicht angebracht.

Möglicherweise haben aber bereits Verhaltensänderungen der Bürger und andere Maßnahmen in den Wochen vor dem für November verhängten Teil-Lockdown den steilen Anstieg gebremst. Eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamtes von Handydaten zeigt, dass die Mobilität der Menschen schon spürbar zurückgegangen ist.

In Landkreisen und kreisfreien Städten, die in der Woche vom 19. bis 25. Oktober als Risikogebiet ausgewiesen waren, nahmen die Bewegungen im Vergleich zu Mitte September um knapp zwölf Prozent ab. In Regionen, die Mitte Oktober noch kein Hotspot waren, stellte das Statistische Bundesamt immerhin einen Rückgang der Mobilität um gut sechs Prozent gegenüber dem Vormonat fest.

Andreas Stang, Leiter des Instituts für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie am Universitätsklinikum Essen, sagte dem Handelsblatt: „Die jeden Tag vom RKI gemeldeten Fallzahlen haben mit dem Infektionsgeschehen von vor mindestens zwei Wochen zu tun. Darum warten Bund und Länder ja auch zwei Wochen ab, um dann Mitte November zu beurteilen, welchen Effekt die neuen Maßnahmen haben könnten.“

Was vorher in den Fallzahlen passiere, könne noch nicht auf den Teil-Lockdown zurückgeführt werden, meinte Stang. Die jüngsten Rückgänge beim R-Wert jedenfalls „könnten ein Indiz sein, dass wir in nächster Zeit ohnehin ein Abschwächen des Infektionsgeschehens sehen werden.“

„Auch die Todeszahlen werden zunehmen“

Die unterschiedlichen Zahlen, mit denen Experten und Politik in der Coronakrise hantieren, spielen sich auf einer Zeitachse ab. Bei den Infektionszahlen sind die Inkubationszeit und Meldeverzögerungen nach dem Ansteckungszeitpunkt zu berücksichtigen, sie öffnen also ein Fenster in die Vergangenheit.

Anders bei den immer stärker belegten Intensivbetten: Hier wird sich die Lage noch verschärfen, da aktuell Infizierte erst in der Zukunft in den Krankenhäusern erwartet werden. „Auch die Todeszahlen werden zunehmen“, so RKI-Vize Schaade.

Spahn sagte, dass das deutsche Gesundheitssystem in der Pandemie bislang „zu keiner Zeit überfordert“ gewesen sei. Die starke Zunahme bei den Intensivpatienten sei aber sehr besorgniserregend.

Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), wies bei der Pressekonferenz darauf hin, dass sich die Zahl der Corona-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung seit Anfang Oktober mehr als versechsfacht habe – auf 2243 Patienten.

„Bei einem ungebremsten weiteren Anstieg der Infektionszahlen würde die Intensivmedizin in Deutschland in kürzester Zeit an die Grenze kommen“, warnte er. Das „Kernproblem“ sei gerade weniger die Verfügbarkeit von Betten, sondern der Mangel an Pflegepersonal.

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) erklärte dagegen, dass die im DIVI-Intensivregister angegebenen Bettenkapazitäten zur Versorgung von schwerstkranken Patienten „ohne Zweifel zur Verfügung stehen“. Der Diskussion über die Zahl tatsächlich nutzbarer Intensivbetten führe zur Verunsicherung in der Öffentlichkeit, kritisierte DKG-Präsident Gerald Gaß. Aktuell würden aus den Kliniken etwa 7000 Intensivbetten als verfügbar gemeldet, hinzu komme eine Notfallreserve von rund 12.000 Betten.

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