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Werden wir womöglich nie wieder Händeschütteln?

Es ist das internationale Gruß-Ritual für neue Bekanntschaften, Geschäftspartner und Politiker: Händeschütteln war einst eine Selbstverständlichkeit. Doch in Zeiten des Coronavirus sind wir angehalten, eine alteingesessene soziale Konvention zu ignorieren. Und geht es nach Experten, kommt sie womöglich nicht mehr wieder.

Händeschütteln markiert geschäftliche Deals, ein erstes Kennenlernen oder die Begrüßung alter Bekannter (Symbolbild: Getty Images)

Die Ursprünge des Händeschüttelns sind nicht eindeutig belegt, werden von einigen Historikern jedoch bis zum antiken Griechenland zurückdatiert. Seitdem wird damit alles von ungezwungenem Kennenlernen bis hin zu Milliardendeals markiert. Kann es also möglich sein, dass wir uns zukünftig nicht mehr die Hand geben, wenn die Corona-Krise längst bezwungen ist?

Ständiger Austausch von Keimen

Dr. Anthony Fauci, der als Virologe und Regierungsberater derzeit omnipräsent in US-Medien ist, sieht das jedenfalls als sehr realistisch an. “Ehrlichgesagt glaube ich nicht, dass wir jemals wieder Händeschütteln sollten”, sagte er dem “Wall Street Journal”.

Auch Gregory Poland, Experte für Infektionskrankheiten an der renommierten Mayo Clinic, sieht die Geste als “überholter Brauch, der in einer Gesellschaft, die an Keimtheorie glaubt, keinen Platz mehr hat” und drückt es im Gespräch mit der BBC schließlich besonders drastisch aus: “Wenn wir unsere Hand reichen, reichen wir eine biologische Waffe.”

Menschliche Berührungen sind notwendig

Um die Verbreitung von Covid-19, Grippe und andere Infektionskrankheiten zu verhindern, macht es also durchaus Sinn, diese Sitte auch dann ruhen zu lassen, wenn wir unsere sozialen Kontakte wieder so pflegen können wir zuvor.

Soziale Kontakte sind wichtig: Warum wir unsere Freunde brauchen

Doch sollte nicht unterschätzt werden, wie sehr wir Berührungen für eben diese Kontaktpflege brauchen, sei es auf oberflächlicher Ebene oder bei tiefergehenden Beziehungen. “Die Tatsache, dass wir als Alternative zum Ellbogengruß übergegangen sind, zeigt, wie wichtig Berührungen sind - wir wollten diese physische Verbindung nicht verlieren”, sagt Psychologin Professor Cristine Legare von der University of Texas der BBC.

Ein Blick ins Tierreich zeigt, wie Berührungen Nähe schaffen: Ein berühmtes Experiment des US-Psychologen Harry Harlow aus den 60ern zeigte, wie physischer Kontakt die Entwicklung von Rhesusaffen beeinflusst. Und unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, nutzen einen Handgruß oder sogar Küsse als Begrüßung.

Tiziana Casciaro, Professorin für Verhaltensforschung an der University of Toronto, sagt, dass Händeschütteln Teil eines tiefen Bedürfnisses des Menschen ist, Vertrauen herzustellen. Sie sieht demnach Faucis Vorschlag einer vollständigen Abschaffung zumindest auf Dauer schwer umsetzbar.

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Schwierig? Ja... Unmöglich? Nein

Allerdings gibt es genug Beispiele weltweit, bei denen ein zwischenmenschlicher Erstkontakt auch ohne Berührung funktioniert. In Samoa gibt es den Augengruß: ein kurzes Heben der Augenbrauen gekoppelt mit einem Lächeln. In vielen muslimischen Ländern ist es ein Zeichen des Respekts, zur Begrüßung die Hand aufs Herz zu legen. In asiatischen Ländern wie Japan ersetzt eine kleine Verbeugung einen physischen Gruß.

Bitte nicht berühren: Könnten wir uns in Zukunft mit Verbeugungen oder anderen Gesten begrüßen? (Symbolbild: Getty Images)

Zudem gab es durchaus Phasen, zuletzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der zu viel Körperlichkeit im regulären sozialen Kontakt verpönt war und als unhygienisch galt. Die britische Verhaltensforscherin Val Curtis glaubt sogar, dass sich Begrüßungen wie Händeschütteln oder Küsse auf die Wange vor allem deswegen bis heute halten, da es signalisiert, dass man der anderen Person genug vertraut, um Keime mit ihr auszutauschen.

Alternativen zum Händeschütteln gäbe es jedenfalls, wenn man sich in anderen Kulturen umsieht. Eine derartige Sitte komplett abzuschaffen wäre sicher eine erhebliche Umstellung. Doch, wie Gregory Poland der BBC sagte: “Es braucht ein großes Event wie dieses, um unsere kulturellen Gepflogenheiten zu ändern.”