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In wenigen Sätzen widerlegt Chef der Gesellschaft für Reaktorsicherheit Habecks Notfall-Plan für Atomkraftwerke

Wasserdampf steigt aus dem Kühlturm des Atomkraftwerks Isar 2. - Copyright: picture alliance/dpa/Armin Weigel
Wasserdampf steigt aus dem Kühlturm des Atomkraftwerks Isar 2. - Copyright: picture alliance/dpa/Armin Weigel

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) ist in der Zwickmühle: Die einen, allen voran seine eigene Partei, wollen den Ausstieg aus der Atomkraft sofort und möglichst schnell. Die anderen, und das werden immer mehr, fordern, dass die letzten drei deutschen Atomkraftwerke länger in Betrieb bleiben – angesichts der aktuellen Energiekrise und der steigenden Kosten. Schon seit Monaten wird nun schon über eine Laufzeitverlängerung gestritten.

Nach dem ursprünglichen Zeitplan der Bundesregierung und dem Atomgesetz sollen die drei verbliebenen Kraftwerke Ende Dezember 2022 abgeschaltet werden. Das gilt für das Karftwerk Emsland als sicher. Die Kraftwerke Isar 2 und Neckarwestheim 2 (EnBW) sollen aber in Reserve bleiben und spätestens Mitte April endgültig abgeschaltet werden. Daraufhin hatte der Betreiber des bayerischen AKW Isar 2, Preussenelektra-Chef Guido Knott, Zweifel angemeldet und den geplanten Reservebetrieb in einem Brief als "technisch nicht machbar" kritisiert. Habeck hatte dies prompt zurückgewiesen.

Warum im Notreserve-Betrieb eine Gefahr lauert

Der Teufel liegt wie immer im technischen Detail. Nun hat sich Uwe Stoll, Geschäftsführer der Gesellschaft für Reaktorsicherheit, in der Debatte zu Wort gemeldet. Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" erklärt er den Unterschied zwischen dem sogenannten "Streckbetrieb" und Habecks Plan, die AKW im Stand-by-Modus laufen zu lassen: "Der Streckbetrieb ist ein ganz bestimmter Begriff der Kerntechnik. Wenn der Reaktor sein Uran aufgebraucht hat, dann nennt man das natürliches Zyklusende. Danach kann man einen Reaktor aber trotzdem noch ein wenig weiterbetreiben, indem man mit physikalischen Tricks, also beispielsweise abgesenkten Temperaturen, arbeitet. Dann ist der Reaktor noch einige Zeit lenkbar und in der Lage, Strom zu produzieren. Das nennt man Streckbetrieb." Im vom Wirtschaftsministerium geplanten Stand-by-Betrieb als Notreserve stünde das Atomkraftwerk im kalten, drucklosen Zustand da. "Vereinfacht gesagt: Im Streckbetrieb produziert es Strom, im Stand-by-Betrieb verbraucht es Strom", bringt Stoll das Problem auf den Punkt.

Doch es gibt dem Experten zufolge noch ein weiteres Problem: Der Stand-by-Betrieb sei technisch schwer umzusetzen und Deutschland habe damit keine Erfahrungen. Das Hochfahren eines erkalteten AKW könnte bis zu zwölf Tage dauern. Stoll: "Es gibt keinerlei Betriebserfahrung. Man weiß daher nicht, wie sich der Reaktorkern verhält. Daher kommen die Sicherheitsbedenken, vor allem in Kombination mit einem eventuell instabilen Stromnetz."

Klar wird: Würde sich die Regierung für den Streckbetrieb entscheiden, könnte Isar 2 nach Stolls Angaben bis Ende März Strom erzeugen; aktiviert man noch bestehende Brennelemente, wäre ein Betrieb bis Juni oder Juli möglich. Aktuell erzeugen die drei AKW sechs Prozent des deutschen Stroms; im Streckbetrieb würde dieser Anteil aber immer weniger werden und langsam auslaufen.

Ifo: Längere AKW-Laufzeit würde Strom günstiger machen

Gegner einer AKW-Laufzeit-Verlängerung argumentieren, dass dies für die Versorgungssicherheit mit Energie bedeutungslos wäre, da Strom im Gegensatz zu Gas nicht knapp sei. Aber: Einer aktuellen Studie zufolge würde eine AKW-Laufzeitverlängerung den Anstieg der Strompreise bremsen. Nach Berechnungen der Münchner Ökonomen könnten die Kraftwerke im kommenden Jahr etwa vier Prozent des Stroms in Deutschland erzeugen. Der Preis wäre demnach ebenfalls vier Prozent günstiger als bei einer Abschaltung, wie das Ifo-Institut vergangenen Woche mitteilte.

Allerdings könnte Atomstrom demnach nur einen kleinen Teil der Stromerzeugung durch Gaskraftwerke ersetzen. Der Anteil von Gasstrom würde der Berechnung zufolge nur von 8,3 Prozent auf 7,6 Prozent sinken. Das Ifo-Institut empfiehlt der Bundesregierung dennoch zumindest, die Möglichkeit einer Laufzeitverlängerung hinaus offenzuhalten, und zwar über eine kurzfristige krisenbedingte Phase hinaus.