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Wer mit wem? Weshalb die Versicherer ausgerechnet jetzt nach Zukäufen suchen

·Lesedauer: 7 Min.

Nach monatelanger Flaute bewegen mehrere große Übernahmen die Branche. Wo die Gründe für die verstärkten M & A-Aktivitäten liegen und welche Firmen bald in andere Hände gehen könnten.

Der Bafin-Präsident sieht schwierige Rahmenbedingungen. Foto: dpa
Der Bafin-Präsident sieht schwierige Rahmenbedingungen. Foto: dpa

Mario Greco gab sich lange defensiv: „Wir planen nur für organische Aktionen, wir planen nichts Anorganisches“, hatte der aus Italien stammende Vorstandschef der Zurich Insurance noch Ende 2019 auf einer Investorenveranstaltung in London verkündet. Mehrfach hatte der Topmanager zuvor schon Großübernahmen eine Absage erteilt. Doch gut ein Jahr später ist alles anders.

Mit dem Mitte Dezember verkündeten Kauf des amerikanischen Schaden- und Unfallversicherungsgeschäfts von Met Life stemmt der Italiener die größte Übernahme seiner fast fünfjährigen Amtszeit bei dem Schweizer Versicherungsriesen. Zusammen mit Farmers Exchanges zahlt Zurich 3,94 Milliarden Dollar für die Amerikaner. Die Met-Life-Sparte erwirtschaftet rund zwei Drittel der Prämieneinnahmen mit Autoversicherungen, den Rest mit Hausversicherungen.

Die Züricher Verlobung ist keine Ausnahme. In der konservativen Branche der Versicherer schauen sich inzwischen einige Firmen nach Zukäufen um. Mehrere größere Fusionen und Übernahmen (Mergers and Acquisitions, M & A) registrierte die Branche bereits in den vergangenen Wochen – und Topmanager deuten an, dass die Fusionswelle so schnell nicht abebben wird.

„Langsam kommt Bewegung auf“, sagte Swiss-Re-Vorstandschef Christian Mumenthaler dem Handelsblatt. „Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass es jetzt zu mehr Übernahmen kommen wird – nicht nur in den nächsten Monaten, sondern auch in den nächsten ein bis zwei Jahren.“ Er könne sich vorstellen, dass vor allem kleinere Versicherer bedingt durch die Krise aktiv nach einer starken Schulter suchten. „Bei schönem Wetter segelt jeder gern allein raus“, sagt Mumenthaler. In der Krise zeige sich aber, dass die Resilienz der großen Häuser sehr viel stärker sei.

Als im März die Coronakrise in Europa ausbrach, ging die Zahl der Übernahmen in der Versicherungsbranche zunächst deutlich zurück – und befindet sich seitdem weiter im Abwärtstrend. So verzeichnete der globale M & A-Markt der Branche wegen der Auswirkungen der Pandemie im dritten Quartal beim Transaktionsvolumen von abgeschlossenen Deals den niedrigsten Stand seit mehr als einem Jahrzehnt. Die anhaltenden wirtschaftlichen Auswirkungen und die durch die Pandemie verursachte Unsicherheit hätten den Abschluss von Akquisitionen weltweit weiter erschwert.

Gabe Langerak, M & A-Experte bei Willis Towers Watson für Westeuropa, bleibt vorsichtig: „Es ist noch zu früh, um die Hektik der angekündigten Transaktionen der letzten Monate als ein Zeichen dafür zu interpretieren, dass sich M & A auf dem Weg der Erholung befinden.“

Zurückhaltung bei M & A fällt

Doch die Zeichen mehren sich, dass die Zurückhaltung in der Branche aufgegeben wird. In Großbritannien steht derzeit der britische Versicherer RSA vor dem Verkauf. Ein Konsortium aus dem kanadischen Versicherer Intact Financial und dem dänischen Versicherer Tryg habe eine Offerte über 7,2 Milliarden Pfund, umgerechnet acht Milliarden Euro, abgegeben, wie RSA jüngst mitteilte. Der britische Versicherer empfahl seinen Aktionären, die Offerte anzunehmen.

Bei einem Erfolg würde RSA zerschlagen. Der Versicherer Tryg, der 4,2 Milliarden Pfund zahlt, würde das Geschäft in Schweden und Norwegen übernehmen sowie gemeinsam mit Intact die RSA-Töchter in Dänemark besitzen. Intact würde für seine drei Milliarden Pfund das RSA-Geschäft in Großbritannien, Kanada und anderen internationalen Märkten erhalten.

Doch wieso wagen sich die Versicherer ausgerechnet jetzt, mitten in der schweren Coronakrise, an größere Zukäufe? „Für viele Firmen war Corona der Auslöser, sich über M & A noch einmal neue Gedanken zu machen“, glaubt Dietmar Kottmann, Partner und Versicherungsexperte des Beratungsunternehmens Oliver Wyman. „Ich glaube, durch diesen Trigger ist viel passiert und die eine oder andere Übernahme möglicherweise beschleunigt worden.“ Da viele Aktivitäten im März begonnen hätten, würde die Branche nun die ersten Resultate sehen. „Der große Treiber ist also das Thema strategische Portfoliobereinigung“, erläutert er.

Allianz und Generali kaufen zu

So haben auch andere große Versicherer begonnen, ihre Geschäftsfelder neu zu ordnen. Der Allianz-Konzern übernimmt für 725 Millionen australische Dollar (443 Millionen Euro) die Versicherungseinheit der australischen Westpac Bank. Die Vienna Insurance Group verkündete, dass sie das Zentral- und Osteuropageschäft des niederländischen Versicherers Aegon für 830 Millionen Euro kauft.

Der französische Erstversicherer Axa ordnet sein Geschäft ebenfalls neu. Nach einem Verkauf des Osteuropageschäfts im Februar veräußerte der größte Rivale der Münchener Allianz vor wenigen Tagen auch seine Aktivitäten am Persischen Golf für 269 Millionen US-Dollar an die Gulf Insurance Group.

Auch der italienische Versicherungsriese Generali macht keinen Hehl daraus, dass er auf der Suche nach Zukäufen ist. „Wir wollen drei bis vier Milliarden Euro investieren, nach einem genauen Plan“, sagte Generali-Vorstandschef Philippe Donnet jüngst dem Handelsblatt. Knapp anderthalb Milliarden Euro seien bereits ausgegeben, kleine und mittlere Anbieter gehörten nun Europas drittgrößtem Versicherer.

Der wichtigste Erwerb war die portugiesische Seguradoras Unidas im Oktober, die Generali mit einem Schlag vom Nischenanbieter zur Nummer zwei im Land machte. An Silvester übernahmen die Italiener zudem für 165 Millionen Euro das Griechenlandgeschäft des Rivalen Axa. Die Transaktion soll bis zum Ende des zweiten Quartals 2021 abgeschlossen sein.

Munich Re sieht weniger Spielraum

In diesem Tempo soll es weitergehen. Die verbleibenden gut 2,3 Milliarden Euro sollen bald investiert werden. „Nach der Pandemiekrise wird es neue Gelegenheiten geben“, ist sich Donnet sicher. Erste Priorität hat für ihn der europäische Markt, auch wenn Generali in den vergangenen Jahren seine Position in Asien und Südamerika deutlich ausgebaut hat.

Der weltgrößte Rückversicherer Munich Re ist ebenfalls Zukäufen nicht abgeneigt. „Wenn ein attraktives Angebot auf den Tisch kommt, werden wir es uns anschauen“, sagte Konzernchef Joachim Wenning im Oktober dem Handelsblatt. Aber durch Covid-19 sei der Spielraum operativ nicht größer geworden. „Es ist ja kaum möglich, jetzt eine Firma zu übernehmen, die man vor Ort genau prüfen und danach integrieren kann“, warnte Wenning. „Wir haben also weiter Übernahmeappetit, aber konkret ist eine Akquisition derzeit eher unwahrscheinlich.“

Experten sind sich deshalb sicher, dass es in den nächsten Monaten zu weiteren Fusionen kommen wird. „Die Versicherer schauen sich derzeit um – und Zukäufe und Akquisitionen stehen derzeit bei einigen auf dem Zettel“, sagt Kottmann von Oliver Wyman. „Das M & A-Karussell dreht sich also schneller – und es ist gut möglich, dass wir weitere Zukäufe sehen werden.“

Weitere Zukäufe in Sicht

So ist ein Kandidat bereits ausgemacht. Nach dem Verkauf seines Italiengeschäfts verhandelt der britische Versicherer Aviva auch über andere Landesgesellschaften. Aviva-Chefin Amanda Blanc verkündete, dass das Unternehmen Gespräche über einen Verkauf von Einheiten in Frankreich und Polen als Teil ihrer Überprüfung des Versicherungsgiganten führe. Dieser Vorgang befinde sich aber noch im „Frühstadium“, und es gebe derzeit „keinen festen Zeitrahmen“ für irgendwelche Verkäufe, sagte Blanc.

Als ein möglicher Interessent für das Frankreichgeschäft wurde die Allianz gehandelt, die aber inzwischen abgewunken habe. Die französische Groupe Macif soll stattdessen im Rennen um die Frankreichtochter laut Finanzkreisen die Nase vorn haben.

Deutschland als Ausnahme

Nur in Deutschland ist es bisher – mit Ausnahme der Fusion der beiden Provinzial-Versicherer Rheinland und Nordwest in diesem Jahr – vergleichsweise ruhig auf dem M & A-Markt geblieben. Der Druck auf die Firmen, vor allem im Lebensversicherungssektor, steigt jedoch.

„An den schwierigen Rahmenbedingungen wird sich in den nächsten Jahren vermutlich nichts ändern“, sagte Bafin-Chef Felix Hufeld dem Handelsblatt. Ein Blick nach Japan zeige, dass ein Finanzsystem Belastungen absorbieren könne, „dass diese aber sehr wohl zu transformatorischen Veränderungen, im Zweifel auch zu Marktaustritten, führen können“.

Rund 20 der insgesamt 83 von den Bonnern kontrollierten Lebensversicherer befinden sich derzeit unter einer verschärften Aufsicht der Bafin. Hufeld deutet dabei an, dass er einer Konsolidierung grundsätzlich nicht im Wege stehen würde. „Was wir nicht aufhalten können und wollen, ist ein notwendiger Strukturwandel im Markt insgesamt, sehr wohl aber überraschende und disruptive Ereignisse mit vermeidbaren Belastungen für Versicherungsnehmer“, kündigte er an.

Der deutsche Markt ist speziell

Dennoch glaubt Versicherungsexperte Kottmann nicht, dass es in Deutschland zu größeren Zukäufen kommt. Dafür gibt es neben den geringeren Wachstumsaussichten auch einen strukturellen Grund: Der deutsche Markt sei „sehr speziell mit seinem hohen Anteil von Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit“. Diese Firmen könnten Konkurrenten zwar auch übernehmen, aber da diese nicht die Rechtsform einer Aktiengesellschaft hätten, seien die Hürden hier viel höher. Außerdem sei der deutsche Markt weitgehend verteilt und großes Wachstum in Deutschland kaum zu realisieren.

Anders sieht das jedoch für die jungen Start-ups der Branche aus. „Wir werden bei den Insurtechs eine weitere Bereinigung sehen“, prognostiziert Kottmann, der Mitautor des Insurtech-Radars von Wyman ist.

Gerade in der Coronakrise falle es einigen jungen Firmen schwerer, eine Anschlussfinanzierung zu bekommen. „Wir stellen jetzt bereits fest, dass die Zahl der Insurtechs in Deutschland im laufenden Jahr zurückgegangen ist.“ Es finde vor diesem Hintergrund gerade eine Trennung von Spreu und Weizen unter den Insurtechs statt. Die Prognose des Experten ist darum eindeutig: „Da wird noch mehr passieren.“

Mitarbeit: Yasmin Osman, Andreas Kröner, Christian Schnell