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Weltweit werden immer weniger Kohlekraftwerke gebaut

Das Zeitalter der Kohle geht zu Ende. Die fossilen Kraftwerke werden immer unrentabler. Die Corona-Pandemie verschärft diesen Trend.

Die einst billigste Stromquelle wird zur teuersten fossilen Energieoption.  Foto: dpa

Auch ohne weltweite Massenproteste in Zeiten der Corona-Pandemie kann die Klimaschutzbewegung nun erste Erfolge feiern: 2019 wurden 16 Prozent weniger Kohlekraftwerkskapazitäten geplant und gebaut als noch ein Jahr zuvor. Zwar ist die Zahl der Kohlekraftwerke im vergangenen Jahr insgesamt gestiegen. 

Das ist allerdings auf einen einmaligen Genehmigungsboom in China zurückzuführen. Ohne die Volksrepublik schrumpfen die globalen Kapazitäten bereits das vierte Jahr in Folge. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Global Energy Monitor in Zusammenarbeit mit Greenpeace und weiteren Organisationen.

„Die weltweite Stromerzeugung aus Kohle ging 2019 mit dem Wachstum der erneuerbaren Energien um einen Rekordbetrag zurück, und der Strombedarf verlangsamte sich “, sagt Christine Shearer, Hauptautorin des Global Energy Monitor. Außerdem würden mehr Anlagen weniger Strom erzeugen. Nur etwa die Hälfte der Zeit liefen die Kraftwerke 2019 überhaupt auf voller Last – so wenig wie noch nie.

Das Jahrhundert der Kohle scheint zu Ende zu gehen. Massenproteste auf der ganzen Welt haben den Druck erhöht und zwar nicht nur auf Kraftwerksbetreiber wie RWE, sondern auch auf Investoren, Regierungen, Banken und Versicherer. Mittlerweile haben sich schon mehr als 126 wichtige Banken und Versicherer offiziell aus dem Geschäft mit der Kohle verabschiedet. Und in 33 Ländern ist der Ausstieg aus der fossilen Verstromung beschlossene Sache.

Aber nicht nur gesellschaftlicher Druck zwingt den schmutzigen Energieträger in die Knie. Kohle wird immer teurer. Die lange Zeit billigste Energieoption ist heute der teuerste fossile Brennstoff der Welt.

Der epische Zusammenbruch des Ölpreises im vergangenen Monat sorgte dafür, dass selbst Rohöl mittlerweile billiger ist als Kohle. Die australische Newcastle-Kohle auf ICE Futures Europe lag am Freitag beispielsweise bei 66,85 US-Dollar pro Tonne, was ungefähr 27,36 Dollar pro Barrel (159 Liter) Öl entspricht.

Damit lag der Preis praktisch auf Höhe der Ölsorte Brent, die zum gleichen Zeitpunkt 26,98 Dollar pro Barrel kostete. Und selbst das normalerweise teure Gas ist in einigen Regionen derzeit eine günstigere Alternative zu Kohle. 

Neugebaute Wind- und Solaranlagen sind laut dem Fraunhofer Institut schon seit anderthalb Jahre in bestimmten Regionen der Welt deutlich günstiger als ein neugebautes Kohlekraftwerk. Ein Trend, der sich durch die Coronakrise noch verschärfen dürfte. Weil derzeit unzählige Fabriken stillstehen, rechnet die Energieberatung Enervis allein in Deutschland mit einem sinkenden Industriestromverbrauch.

Das könnte auch die Börsenstrompreise nach unten treiben. Die günstigeren Energieformen könnten ihren Vorteil so noch ausbauen. Auch weil Kohlekraftwerke dann noch weniger wirtschaftlich werden, als sie es ohnehin schon sind.

In den vergangenen Jahren sind schon einige Kraftwerke durch einen immer größer werdenden Anteil von Wind- und Solarenergie aus dem Markt gedrängt worden. Das waren aber in erster Linie Gaskraftwerke und später auch Steinkohleanlagen. Braunkohlekraftwerke, die so günstig wie sonst nur Kernkraftwerke Strom produzierten, galten bisher als unangreifbar.

Selbst Trump kann die Kohle nicht retten

Aber nicht nur die immer günstiger werdenden Erneuerbaren setzen der Wettbewerbsfähigkeit von Kohlekraftwerken zu. Auch der CO2-Preis hat die Wirtschaftlichkeit der fossilen Anlagen deutlich verschlechtert. Allein in den vergangenen drei Jahren hat sich dieser versechsfacht und liegt aktuell bei knapp 25 Euro die Tonne.

Dagegen kommt selbst US-Präsident Donald Trump mit seiner fossilfreundlichen Politik nicht an. In keinem anderen Land sind im vergangenen Jahr so viele Kohlekraftwerke vom Netz gegangen wie in den Vereinigten Staaten.

Unter dem republikanischen Präsidenten sind entgegen all seiner Bemühungen für die heimische Kohleindustrie 67 Prozent mehr Anlagen abgeschaltet worden als unter seinem demokratischen Vorgänger Barack Obama.

Aber selbst mit dem Rückgang der Kohlekapazitäten im vergangenen Jahr droht die Weltgemeinschaft die Pariser Klimaziele zu verfehlen. Der Verbrauch von Kohlestrom müsste sich in den nächsten zehn Jahren um 80 Prozent reduzieren, damit das 1,5 Grad-Ziel erreicht wird.

Deswegen haben jetzt sogar die Vereinten Nationen ein Memorandum für neugeplante Kohlekraftwerke gefordert. „Die Welt verfügt bereits über weitaus mehr Kohlekraftkapazitäten, als sie unter den Zielen von Paris betreiben kann“, warnt Greig Aitken, Analyst für Finanzforschung beim Global Energy Monitor.

Die meisten Kohlekraftwerke werden aktuell in China geplant oder gebaut, aber auch Japan setzt im Sinne seiner Wasserstoff-Strategie vermehrt auf den fossilen Energieträger. Weil China im vergangenen Jahr viele Kraftwerke ans Netz genommen hat, die bereits 2014 bis 2016 geplant waren, ist die Kohlekapazität insgesamt, trotz sinkender Zahlen in den USA, Europa und selbst Indien, um 34,1 Gigawatt gewachsen. Zum ersten Mal seit vier Jahren.