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Welche Lebenspolicen krisenfest sind – und welche weniger

·Lesedauer: 6 Min.

Eine neue Studie untersucht, wie wirtschaftlich stabil die zwölf größten Lebensversicherer aufgestellt sind. Besonders ein Unternehmen schneidet schlecht ab.

Versicherungsunterlagen unter der Lupe: Wer zählt zu den krisenfesten Lebensversicherern in Deutschland? Eine neue Studie gibt Antworten. Foto: dpa
Versicherungsunterlagen unter der Lupe: Wer zählt zu den krisenfesten Lebensversicherern in Deutschland? Eine neue Studie gibt Antworten. Foto: dpa

Oliver Bäte scheut keine starken Worte. „Das ist vergleichbar mit der Explosion eines Atomkraftwerks“, sagte der Allianz-Chef jüngst, um die Wirkungen der Coronakrise zu illustrieren. Die Pandemie bringt massive finanzielle Belastungen für die Branche mit sich – und begräbt die Hoffnungen der Versicherer auf eine baldige Zinswende. So hat die Corona-Pandemie allein die Allianz bislang mehr als eine Milliarde Euro gekostet.

Umso dringlicher stellt sich für viele Verbraucher die Frage, wie stabil die deutschen Lebensversicherer noch dastehen. Denn noch immer ist die Lebensversicherung die beliebteste private Altersvorsorge der Deutschen. Insgesamt unterhalten die Bundesbürger rund 83 Millionen laufende Verträge, wie aus Zahlen des Branchenverbands GDV hervorgeht.

Ein Papier des Bundes der Versicherten (BdV), das in Zusammenarbeit mit Zielke Research Consult entstand, machte ein hohes Risiko aus: Es warnte, dass immer mehr Versicherer ernste Probleme bekommen. Boulevardblätter spekulierten daraufhin über drohende Insolvenzen von Lebensversicherern. Wie berechtigt ist diese Sorge?

Eine Studie der Hochschule Ludwigshafen am Rhein, deren erster Teil am Dienstag in der „Zeitschrift für das Versicherungswesen“ erscheint, befasst sich mit der Finanzstabilität der großen zwölf Lebensversicherer. Das Ergebnis fällt von Unternehmen zu Unternehmen recht unterschiedlich aus.

Laut dem Report, der Ertragskraft, die Beteiligung der Verbraucher an den Ergebnissen, die finanzielle Wetterfestigkeit der Unternehmen sowie das Risikoergebnis nach einem Punktesystem bewertet, erhalten sechs Versicherer die Bewertung sehr gut bis gut. Fünf weitere schneiden befriedigend ab, ein Anbieter erhielt nur die Note ausreichend.

Keine Pleite zu befürchten

Von einer drohenden Pleitewelle wollen die Experten aus Ludwigshafen aber nichts wissen. „Der Weg in die Insolvenz ist nach heutigem Stand in keinem Fall für die untersuchten Unternehmen auch nur annäherungsweise erkennbar“, heißt es in dem Report. „Insgesamt stehen die zwölf größten deutschen Lebensversicherer vergleichsweise solide da“, sagt der Ludwigshafener Professor Hermann Weinmann, der die Studie leitete.

Seit Jahren untersucht er die Geschäftsberichte der zwölf größten deutschen Lebensversicherer und erteilt danach Bewertungen für die betriebswirtschaftliche Stärke sowie eine Verbrauchernote. Auch Frank Grund, Versicherungsaufseher der Bafin, zeigte sich vor wenigen Tagen optimistisch, dass alle Anbieter trotz Krise ihre Verpflichtungen erfüllen können.

Ganz oben auf der Liste der leistungsstarken Versicherer steht – wie im Vorjahr – die Allianz Leben. Mit 800 von 1000 möglichen Punkten erreicht die Stuttgarter Tochter des Dax-Konzerns den Spitzenplatz bei der betriebswirtschaftlichen Bewertung. Gerade bei den Bewertungsreserven, die einen Schutzwall gegen einen möglichen Zinsanstieg und Verluste bei Aktien, Immobilien und anderen Anlageklassen bilden, steht die Allianz Leben mit rund 57,8 Milliarden Euro mit Abstand an der Spitze.

So verteidigt der Anbieter seine Führungsposition und bekommt als einzige Assekuranz das Label „betriebswirtschaftlich sehr stark“. Dicht dahinter rangiert die Zurich Deutsche Herold, die es auf 750 Punkte bringt. Das Prädikat „betriebswirtschaftlich stark“ dürfen sich daneben auch die Axa Leben mit 650 Punkten sowie Nürnberger Leben und Cosmos Leben mit jeweils 600 Punkten ans Revers heften. Cosmos ist neu in dieser „starken“ Gruppe, Axa löste die R+V Leben ab.

Die genossenschaftliche R+V wird nunmehr als „betriebswirtschaftlich steigerungsfähig“ eingestuft. Sie liegt mit 500 Punkten und einer Verbrauchernote „befriedigend“ jedoch weiter im akzeptablen Bereich. „Obwohl die R+V Leben im Jahresergebnis Federn lassen musste und von der langjährigen Note 2,0 auf die Bewertung 2,7 abrutschte, gehört sie in der längerfristigen Betrachtung über fünf Jahre zum Spitzentrio hinter der Allianz Leben und vor dem Zurich Deutscher Herold“, heißt es in der Studie.

Die Alte Leipziger Leben kommt mit 550 Punkten und Verbrauchernote „gut“ ebenfalls noch positiv, aber „betriebswirtschaftlich steigerungsfähig“ weg. Auf den weiteren Plätzen folgen die Bayern Versicherung, die Baden-Württembergische Leben, die Aachen-Münchener Leben sowie die SV Leben, die zwischen 450 und 400 Punkte einsammeln und mit der Note „befriedigend“ abschneiden.

Am unteren Ende der Rangliste findet sich erneut die Debeka Leben. Das frühere Rating-Vorzeigeunternehmen Debeka kommt beim betriebswirtschaftlichen Ergebnis zwar mit 450 Punkten gar nicht so übel davon, die Verbrauchernote hat sich auf „ausreichend (3,7)“ verschlechtert. „Die Altlasten in Form der hochverzinsten Altverträge machen sich für die Debeka bemerkbar, und in der Solvabilität kann man von einem Rückstand gegenüber der Konkurrenz sprechen“, heißt es in der Studie.

Die Solvabilität ist eine Kennziffer für die finanziellen Reserven. Das Problem der Debeka: Sie hatte in der Hochzinsphase in den Neunzigerjahren für Altkunden nachträglich die Verzinsung auf das Niveau von 4,0 Prozent erhöht – was jetzt zum finanziellen Mühlstein geworden ist. Wettbewerber mit gleicher betriebswirtschaftlicher Punktzahl erreichten sonst die Note „befriedigend (3,0)“.

Von politischer Seite dürfen die Versicherer jedoch vorerst nicht auf Entlastung hoffen. Die beantragte Senkung des Höchstrechnungszinses von derzeit 0,9 Prozent für Lebenspolicen zum 1. Januar 2021 fiel erst einmal den Turbulenzen in der Coronakrise zum Opfer, wie es in Berlin heißt. Dieser Zinssatz gibt an, in welcher Höhe die Anbieter ihren Kunden maximal eine Zinsgarantie auf ihr Guthaben nach Abzug von Kosten geben dürfen.

In der Praxis wird der Prozentsatz aus Wettbewerbsgründen aber nur sehr ungern unterschritten. Die Versicherungsmathematiker hatten dem Bundesfinanzminister eigentlich vorschlagen, den Höchstrechnungszins ab 2021 auf 0,5 Prozent zu senken, um die Finanzen der Unternehmen zu schonen.

Die Finanzaufsicht Bafin will jetzt auch ohne Vorgabe aus dem Ministerium darauf dringen, dass die Versicherer keine Produkte mit einer garantierten Verzinsung von 0,9 Prozent auf den Sparanteil mehr entwickeln. Viele könnten sie sich wegen der Niedrigzinsen am Kapitalmarkt schlicht nicht mehr leisten.

Immer mehr Versicherer versuchen, sich von Altbeständen zu trennen, weil sie diese teilweise mit hohen Zinsgarantien verkauft hatten, die in der Niedrigzinsphase belasten. Die Allianz verkaufte beispielsweise erst jüngst zum ersten Mal in Europa einen Bestand an traditionellen Lebensversicherungen in Belgien.

Umstrittener Policen-Verkauf

95.000 Policen in einem Milliardenvolumen, die der Münchener Versicherungsriese bis Anfang der 2000er-Jahre mit Kunden vereinbart hatte, gingen an den auf den Bermudas ansässigen Rückversicherer Monument Re. Den größten Deal in Deutschland fädelte bislang die deutsche Tochter des italienischen Versicherers Generali ein. Sie veräußerte ihre bereits stillgelegte deutsche Tochter Generali Leben mit rund vier Millionen Kunden an die Abwicklungsplattform Viridium.

Die Einstellung des Neugeschäfts und der Verkauf an Dritte ist in Deutschland jedoch nach wie vor umstritten. Wenn der Versicherer die Verträge an spezialisierte Abwicklungsplattformen verkauft, fürchten Politiker und Verbraucherschützer auf lange Sicht Nachteile für die Kunden.

Die Grünen prophezeien, dass angesichts von Niedrigzinsen und Coronakrise mehr Lebensversicherer Vertragsbestände an Abwickler verkaufen werden, im Jargon externer Run-off genannt. Die Plattformen versuchen dann, über eine Senkung der Kosten einen Gewinn zu erzielen. Weil sie kein Neugeschäft machen, sparen sie auch die Vertriebsausgaben ein.

Doch Verbraucherschützer warnen, dass das Geschäftsmodell der Abwickler auf Kosten des Kundenservices und der Beteiligung der Versicherten am Unternehmenserfolg gehen könnte. Bisher sind die Erfahrungen gespalten. Während die Versicherer im externen Run-off bei der Beschwerdequote schlecht dastehen, gilt das nicht für die Kündigungsquoten. Unter den zehn Versicherern mit den höchsten Kündigungsquoten findet sich bislang keine Run-off-Gesellschaft.

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