Deutsche Märkte öffnen in 7 Stunden 40 Minuten
  • Nikkei 225

    26.514,27
    -23,04 (-0,09%)
     
  • Dow Jones 30

    29.872,47
    -173,77 (-0,58%)
     
  • BTC-EUR

    14.331,69
    -63,51 (-0,44%)
     
  • CMC Crypto 200

    335,96
    -34,56 (-9,33%)
     
  • Nasdaq Compositive

    12.094,40
    +57,62 (+0,48%)
     
  • S&P 500

    3.629,65
    -5,76 (-0,16%)
     

Zehn Milliarden Euro Gewinn weiter möglich: Diese Erkenntnisse liefern die Zahlen der Allianz

·Lesedauer: 7 Min.

Europas größter Versicherer macht im dritten Quartal mehr Gewinn als gedacht. Doch es sind nicht nur die Ziffern, die das Interesse der Anleger wecken.

Der Versicherungsriese gibt weiterhin keine Jahresprognose ab. Foto: dpa
Der Versicherungsriese gibt weiterhin keine Jahresprognose ab. Foto: dpa

Allianz-Chef Oliver Bäte versteht es, den Konzern anzupreisen. „Weiter der führende Versicherer und nunmehr auch im Klub der Top-40-Firmen“, frohlockte er vor wenigen Wochen in den sozialen Medien angesichts des im Oktober vorgestellten neuen „Best Global Brands“-Rankings. Am Freitag belegte der Vorstandschef jedoch, dass er die starke Markenposition in der Branche auch in wirtschaftliche Vorteile umzumünzen weiß.

So konnte die Allianz den operativen Gewinn im dritten Quartal trotz der Turbulenzen durch die Corona-Pandemie fast stabil halten, wie aus den Zahlen hervorgeht, die Finanzchef Giulio Terzariol am Freitag vorlegte. Unter dem Strich stand sogar ein Überschuss von fast 2,1 Milliarden Euro und damit rund sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

„In einem Umfeld, das weiterhin herausfordernd bleibt, haben wir solide Ergebnisse erzielt“, sagte Bäte. Mit einem operativen Ergebnis von 2,9 Milliarden Euro im dritten Quartal lag der Dax-Konzern lediglich knapp drei Prozent unter dem Vorjahresniveau. Analysten hatten im Schnitt nur mit 2,64 Milliarden Euro gerechnet. Der Umsatz ging um sechs Prozent auf 31,4 Milliarden Euro zurück, vor allem weil sich weniger Lebensversicherungen verkaufen ließen als gewohnt.

Die direkten Belastungen durch die Pandemie stiegen von Juli bis September nur noch um 100 Millionen Euro. Den bisher ausgesetzten Aktienrückkauf stellt die Allianz angesichts der anhaltenden Unwägbarkeiten endgültig ein. Damit verzichtet sie darauf, eigene Aktien für 750 Millionen Euro am Markt aufzukaufen.

Eine formelle Prognose für das Gesamtjahr geben die Münchener weiterhin nicht ab. „Auf den ersten Blick hat die Allianz ein starkes Q3-Ergebnis in allen drei Segmenten berichtet, insbesondere angesichts des herausfordernden Umfelds“, urteilt DZ-Versicherungs-Analyst Thorsten Wenzel. „Etwas überraschend ist allerdings, dass weiterhin kein quantitativer Ausblick für das im laufenden Jahr zu erwartende Ergebnis gegeben wird.“

Die Analysten trauen der Allianz im Schnitt ein operatives Ergebnis von gut zehn Milliarden Euro im Gesamtjahr zu. Nach neun Monaten hat der Dax-Konzern nunmehr insgesamt ein operatives Ergebnis von 7,8 Milliarden Euro erreicht. Ohne Covid-19-Effekte hätte der Gewinn bei 9,1 Milliarden Euro gelegen, erklärte der Konzern. „Wir sind zuversichtlich, die Covid-19-Krise gut zu bewältigen und gleichzeitig eine noch stärkere Allianz“ aufzubauen, sagte Bäte.

Die Investoren hörten jedoch nicht nur bei den Ausführungen zum Ergebnis genau hin. Folgende fünf Erkenntnisse bietet die Vorlage des Quartalsreports.

Gewinnentwicklung

Die Allianz spürt wie viele andere Versicherer die Krise durch die Covid-19-Pandemie, zeigte sich bisher aber betont gelassen. Im ersten Halbjahr hat der Versicherer einen operativen Gewinn von 4,9 Milliarden Euro und einen Nettogewinn von 2,9 Milliarden Euro erzielt, im zweiten Halbjahr soll es nach bisherigen Äußerungen sogar noch etwas mehr werden – vorausgesetzt, dass es keine zweite Infektionswelle gibt. Doch diese Gefahr ist inzwischen praktisch in weiten Teilen des Landes und im europäischen Ausland Realität geworden.

Dennoch lag das operative Ergebnis von 2,9 Milliarden Euro im dritten Quartal über den Erwartungen. Damit fehlen zum Erreichen eines zweistelligen Milliardengewinns im Gesamtjahr nur noch rund 2,2 Milliarden Euro, die der Konzern im vierten Quartal erwirtschaften müsste.

Das erscheint nicht unrealistisch: 2019 hatte der Konzern im vierten Quartal – indes ohne Corona-Belastungen – rund 2,8 Milliarden Euro erzielt. Ein operatives Ergebnis um zehn Milliarden Euro rückt damit 2020 für die Investoren in Blickweite.

In den ersten neun Monaten hat Covid-19 die Allianz rund 1,3 Milliarden Euro gekostet – doch die Belastungen im dritten Quartal lagen deutlich niedriger als in den Vorquartalen. Das Momentum ist also positiv.

Betriebsschließungspolicen

Finanzchef Terzariol glaubt, dass die neue Welle von Lockdowns den Versicherer deutlich weniger treffen wird als die Corona-Maßnahmen im Frühjahr dieses Jahres. Doch die Rechtsstreitigkeiten vieler Gastronomen in Sachen Betriebsschließungspolicen haben sich für den Versicherer zu einem Dauerstreitthema entwickelt.

Rund 130 Klagen sind derzeit anhängig. Denn in vielen Fällen weigern sich die Münchener, für die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie geradezustehen und verwiesen stattdessen auf eine bayerische Kompromisslösung, die nur eine teilweise Kompensation vorsieht. Vor Gericht kommt der Dax-Konzern damit bisher allerdings nicht überall durch. In München wendete die Allianz eine drohende juristische Niederlage im Streit um Entschädigungen für geschlossene Gaststätten mit einem Vergleich ab.

Setzt sich diese Linie vor den Gerichten fort, könnten neue finanzielle Belastungen auf den Konzern zukommen, die bisher noch nicht einkalkuliert worden sind. Als Reaktion wollen die Münchener ihre Verträge jetzt umstellen. Die Versicherung will die Bedingungen so ändern, dass künftig Fälle wie die generellen Schließungen während der Pandemie eindeutig ausgeschlossen sind.

Ausblick

Bisher hat der Konzern die Investoren trotz Corona auf ein ordentliches Jahr eingestellt. „Das ist kein Rekordjahr, aber wir werden trotzdem sehr gute Ergebnisse liefern“, sagte Finanzchef Giulio Terzariol noch im Sommer. Trotz milliardenschwerer Belastungen durch die Pandemie im laufenden Jahr peilte der Konzern damals einen operativen Gewinn von mindestens zehn Milliarden Euro an – sofern eine große zweite Corona-Welle ausbleibt. Das Jahresergebnis wäre damit knapp zwei Milliarden niedriger als im vergangenen Jahr vor der Krise.

Von ihrem ursprünglichen Ziel eines Gewinns zwischen 11,5 und 12,5 (2019: 11,9) Milliarden Euro hatte sich die Allianz bereits im April unter dem Eindruck der Krise verabschiedet. Analysten trauen ihr nach Bloomberg-Daten im Mittel immer noch 10,3 Milliarden zu. Andere Versicherer und Rückversicherer haben über deutlich stärkere Einbußen berichtet.

Die Ziffern des dritten Quartals belegen, dass die Allianz sich bisher recht widerstandsfähig gegen die finanziellen Folgen der Pandemie zeigt. Finanzchef Terzariol sprach von einer „robusten Performance“. Umso mehr überrascht, dass der Konzern eine Prognose verweigert. „Es sind keine normalen Zeiten“, sagte Terzariol. Es sei deshalb sehr schwer vorherzusagen, wie sich das vierte Quartal entwickeln werde.

US-Klagen

Es sind jedoch nicht nur die Ziffern, die Investoren beschäftigen. Auch ein milliardenschwerer Rechtsstreit in den USA bewegt die Anleger. Die Allianz sieht sich mit Klagen von Pensionsfonds konfrontiert, die mit mehreren Hedgefonds in der Coronakrise drastische Verluste erlitten haben. Die in New York eingereichten Schadensersatz-Klagen summieren sich auf rund vier Milliarden Dollar. Die Allianz Global Investors (AGI) hatte zwei der „Structured Alpha"-Fonds mit der aggressivsten Anlagestrategie im März nach hohen Verlusten liquidiert. Die Kläger werfen der Kapitalanlage-Tochter des Münchener Versicherungsriesen vor, bewusst von der Strategie abgewichen zu sein, die Hedgefonds mit Optionen gegen einen kurzfristigen Absturz an den Finanzmärkten abzusichern.

Die Allianz gibt sich selbstbewusst im Streit mit US-Pensionsfonds. Der Konzern habe keine Rückstellungen dafür getroffen, sagte Terzariol. „Wir halten die Klage für total unbegründet.“

Unter den Klägern ist neben dem Pensionsfonds für Lehrer im US-Bundesstaat Arkansas (ATRS) auch der Fonds für die Mitarbeiter des Betreibers der New Yorker Verkehrsbetriebe, der Metropolitan Transport Authority (MTA). Er hatte für 200 Millionen Dollar in die geschlossenen Allianz-Fonds investiert, um die Betriebsrentenansprüche der 70.000 Mitarbeiter zu erfüllen.

Aktie

Die Investoren reagierten erfreut auf die besser als erwarteten Quartalszahlen. Der Kurs der Allianz-Aktie kletterte im frühen Handel um zeitweise mehr als zwei Prozent.

Zuletzt war der Kurs der Allianz-Aktie durch die Coronakrise noch deutlich unter Druck geraten. Das Papier hat in den letzten Wochen einen kurzfristigen Seitwärtstrend zeitweise verlassen und testete Kurse in einem Korridor um 150 Euro, bevor sich der Chart wieder erholte. Seit Jahresanfang hat der Allianz-Kurs im Schatten der Coronakrise bis diese Woche um rund 20 Prozent nachgegeben.

Langfristig gesehen dürfte die Allianz aber nach wie vor eine solide Investition sein. Gegenwärtig wird die Aktie mit einer vergleichsweise hohen Dividendenrendite von mehr als fünf Prozent gehandelt und zählt mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp zehn zu den günstigsten Aktien im Dax-30.

Finanzvorstand Terzariol zufolge möchte die Allianz ihre Dividende im laufenden Jahr stabil halten. Man könne davon ausgehen, dass der Versicherer wieder 9,60 Euro je Aktie zahlen werde, so Terzariol.

Laut den Analysten, die das Unternehmen regelmäßig covern, liegt das Kursziel der Aktie zudem bei 206,33 Euro und damit fast 30 Prozent oberhalb des aktuellen Kursniveaus. Von den 32 Analysten, die sich mit dem Versicherungspapier beschäftigen, empfehlen 20 die Aktie zum Kauf, elf zum Halten – und nur einer zum Verkauf.