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Weihnachten im Schützengraben: Wie Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg den Heiligabend verbrachten

Verbrüderung zwischen deutschen und britischen Soldaten am Weihnachtstag 1914 an der Westfront in Frankreich während des Ersten Weltkriegs. - Copyright: picture-alliance / Mary Evans/Robert Hunt Collectio | -
Verbrüderung zwischen deutschen und britischen Soldaten am Weihnachtstag 1914 an der Westfront in Frankreich während des Ersten Weltkriegs. - Copyright: picture-alliance / Mary Evans/Robert Hunt Collectio | -

Im Dezember 1914, ein paar Monate nach Kriegsbeginn, lagen sich deutsche und britische Soldaten in ihren Schützengräben gegenüber. Es war ein mörderischer Stellungskrieg an der Westfront, von der belgischen Kanalküste bis in die Schweiz, der schon in den ersten Monaten unzählige Opfer forderte. Doch dann kam es zu einem kleinen Wunder.

Deutsche und Briten stellten an Weihnachten das Kämpfen ein und feierten zusammen Weihnachten. Es kam sogar zu einem Fußballspiel zwischen den Deutschen und den Briten, sagt Heiner Bröckermann, Leiter des Bereichs Bildung am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam im Gespräch mit Business Insider. Es war auch das Jahr, in dem der neue Papst, Benedikt XV, zum Weihnachtsfrieden aufgerufen hatte.

Zwei britische Soldaten an der Front fällen einen kleinen Weihnachtsbaum. 1914. - Copyright: picture alliance / Mary Evans Picture Library
Zwei britische Soldaten an der Front fällen einen kleinen Weihnachtsbaum. 1914. - Copyright: picture alliance / Mary Evans Picture Library

Bis Ende des 19. Jahrhunderts haben Kriege in der Regel nicht im Winter stattgefunden. "Krieg war dann, wenn das Gras für die Pferde wuchs – von Frühjahr bis Herbst –, um Versorgungsprobleme im Winter zu vermeiden. Eigentlich zogen Soldaten mit der Idee in den Krieg, an Weihnachten wieder bei ihrer Familie in der Heimat zu sein. Dass Weihnachten im Krieg gefeiert wird, wurde dann Ende des 19. Jahrhunderts vermehrt zum Thema", sagt Bröckermann. Der Deutsch-Französischen Krieg 1870 und 1871, als die Soldaten die großen Schlachten geschlagen hatten, war diesbezüglich ein Wendepunkt. "Das war die Zeit, in der Weihnachten im Felde gefeiert werden musste, weil die Soldaten nicht nach Hause kamen", erklärt der Historiker. Zum ersten Mal sei dies in Deutschland über die Presse auch ein Thema gewesen, das die Verbindung von Krieg und Heimat betont hatte.

Britische Soldaten bekamen im Ersten Weltkrieg eine Princess Mary Box

Während des Ersten Weltkriegs bekamen alle britischen Soldaten ein Weihnachtsgeschenk aus Großbritannien an die Front geschickt. Eine sogenannte Princess Mary Box. "Das war eine kleine Metallkiste mit der Princess Mary, also der Tochter des Königs, vorne drauf. Darin waren Plätzchen und eine Karte der Prinzessin mit einem Weihnachtslied sowie im übertragenem Sinn dem Gruß ‘Kommt gut nach Hause'", sagt Bröckermann.

Britische und deutsche Soldaten treffen sich im "Niemandsland" während eines inoffiziellen Waffenstillstands zu Weihnachten. 1914. - Copyright: picture-alliance / Mary Evans/Robert Hunt Collectio
Britische und deutsche Soldaten treffen sich im "Niemandsland" während eines inoffiziellen Waffenstillstands zu Weihnachten. 1914. - Copyright: picture-alliance / Mary Evans/Robert Hunt Collectio

Bei den deutschen Soldaten wurden die Weihnachtspakete aus der Heimat organisiert. Darin waren dann zum Beispiel Süßigkeiten, Wurst, Kuchen oder Alkohol. Häufig auch Weihnachtsbäume. Das seien besonders kleine Weihnachtsbäume zum Aufklappen gewesen, die sich die Soldaten dann im Schützengraben aufstellen konnten, erklärt der Militärhistoriker. Die Idee, besonders im Ersten Weltkrieg, sei gewesen, Weihnachten möglichst wie Zuhause zu feiern. "Also Essen, Alkohol trinken und keine Gefechte in der Weihnachtszeit", sagt Bröckermann. Auch ein kleiner Gottesdienst sei meist Teil der Weihnachtstradition gewesen. Regionale Waffenstillstände habe es unter der Hand im Ersten Weltkrieg öfter gegeben. Zum Beispiel an Weihnachten oder auch um Verletzte zu bergen. Im Zweiten Weltkrieg habe es diese Waffenstillstände immer weniger bis gar nicht gegeben.

Üblicherweise feierten die Soldaten im Ersten Weltkrieg in ihrem dienstlichen Umfeld und in ihrer Lebensgemeinschaft. In der Regel war das die Kompanie oder das Bataillon. Hinter der Front gab es Bereiche, wo sich die Soldaten erholt, geduscht, gewaschen oder gegessen haben. Diese Stellungen waren weiter im Hinterland und dort wurde dann auch Weihnachten gefeiert. Im Zweiten Weltkrieg war das ähnlich. In den Bereichen, wo etwas Ruhe eingekehrt war, haben die Soldaten in einem Saal neben dem Weihnachtsbaum zusammen gefeiert, gegessen und Alkohol getrunken.

Ein französischer Mitarbeiter des Roten Kreuzes hilft einem deutschen Soldaten während des Ersten Weltkriegs, sich aufzusetzen und einen Becher Wasser zu trinken. Datum und Ort sind unbekannt. - Copyright: picture alliance / AP Images | Uncredited
Ein französischer Mitarbeiter des Roten Kreuzes hilft einem deutschen Soldaten während des Ersten Weltkriegs, sich aufzusetzen und einen Becher Wasser zu trinken. Datum und Ort sind unbekannt. - Copyright: picture alliance / AP Images | Uncredited

Verbreitung von NS-Ideologie und Kriegsverherrlichung

An Weihnachten haben sich viele Soldaten die Sinnfrage gestellt. Deswegen dienen die Weihnachtsbriefe der Soldaten an ihre Familien heute auch als wichtige Quelle, um die mentale Verfassung der Soldaten während der Weihnachtstage nachzuvollziehen, wenn auch nur zwischen den Zeilen. Denn die Briefe seien teilweise zensiert worden. "Zum Beispiel haben sich die Soldaten in ihren Briefen für die Zeitung bedankt, mit dem Hinweis, man lebe schließlich in der Zeitung und stopfte sie sich unter die Jacken, weil es so kalt war und die Uniformen nicht ausreichend schützten", erklärt Bröckermann.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Weihnachten vor allem als reine Propaganda des NS-Regimes genutzt. In der an Weihnachten ausgestrahlten Weihnachtsringsendung der Wehrmacht – einer Radiosendung – sei die NS-Ideologie verbreitet und der Krieg verherrlicht worden, sagt Bröckermann im Gespräch mit Business Insider. Obwohl die Töne schon vorher aufgenommen wurden, sei der Eindruck vermittelt worden, es handele sich um eine Livesendung. Zum Programm gehörten Weihnachtsgrüße an die Familien der Soldaten und Berichte über die Ausmaße des deutschen Herrschaftsgebiets. Im Grunde sollte mit der Sendung ein ideologisches Gemeinschaftserlebnis zwischen den deutschen Haushalten und den Soldaten vorgetäuscht werden und die sogenannte ‘Volksgemeinschaft’ zum Durchhalten zu bewegen, so Bröckermann. Bis 1943 wurde die Sendung noch ausgestrahlt.

Yannick Haan, 36 Jahre alt, will sich in der SPD stärker für die Reform der Erbschaftssteuer einsetzen.
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