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Wegen des Ukraine-Kriegs wollten sich viele Unternehmen aus Russland zurückziehen – doch laut Kreml sind es weniger als angekündigt

Der russische Präsident Wladimir Putin. - Copyright: Contributor#8523328
Der russische Präsident Wladimir Putin. - Copyright: Contributor#8523328

Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 kündigten mehr als 1000 ausländische Unternehmen an, Russland aus Protest gegen den Krieg zu verlassen. Doch seit Beginn des Krieges sind mehr als 20 Monate vergangen – und die russische Regierung hat erklärt, dass viele dieser Unternehmen ihr Wort nicht gehalten haben.

"Es bleiben mehr ausländische Unternehmen in Russland, als das Land verlassen haben", sagte Dmitri Peskow, ein Sprecher des Kremls, Ende Oktober zu Business Insider (BI). BI untersuchte zwei wichtige Datenquellen, um die Aussagen der russischen Regierung auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Kreml-Faktencheck Nr. 1: Daten der Universität Yale

Die Universität Yale führt eine laufende Studie durch, in der untersucht wird, welche ausländischen Unternehmen Russland seit Beginn des Krieges verlassen haben. Ein Team von Experten und freiwilligen Studenten mit Kenntnissen in zehn Sprachen – darunter Russisch, Ukrainisch, Englisch und Polnisch – aktualisiert die Liste jeden Tag. Das Team stellt die Liste anhand von öffentlichen Quellen – wie Behörden- und Steuerunterlagen – sowie Berichten von Insidern und Whistleblowern zusammen.

Die Yale-Studie konzentrierte sich auf Unternehmen mit einem weltweiten Umsatz von mindestens 100 Millionen US-Dollar (umgerechnet etwa 92,64 Millionen Euro) in einem beliebigen Jahr während der vergangenen zehn Jahre. Die Ergebnisse werden in fünf Kategorien eingeteilt. Dies sind die Ergebnisse mit Stand vom 6. Dezember 2023:

Aus den Daten von Yale geht hervor, dass viele Unternehmen ihre Aktivitäten in Russland einschränken, aber nur ein Drittel der untersuchten Unternehmen einen klaren Bruch mit Russland vollzogen hat. Laut der Yale-Studie sind noch 552 ausländische Unternehmen in Russland tätig. Diese Zahl umfasst sowohl Unternehmen, die ihre Geschäfte nach dem Prinzip "business as usual" betreiben, als auch solche, die ihre Investitionen und Aktivitäten erheblich eingeschränkt haben.

Weitere 502 Unternehmen haben der Yale-Liste zufolge die meisten – wenn nicht sogar alle – ihrer Aktivitäten in Russland eingestellt, halten sich aber Rückkehroptionen offen. Insgesamt haben 535 Unternehmen einen klaren Bruch mit dem russischen Markt vollzogen. Die Daten zeigen, dass die Zahl der Unternehmen, die noch in Russland tätig sind, größer ist als die Zahl derer, die sich vollständig zurückgezogen haben – wie die russische Regierung im Oktober erklärte.

Kreml-Faktencheck Nr. 2: Daten der Kyiv School of Economics

Die Kyiv School of Economics (KSE) untersuchte ebenfalls die Geschäftstätigkeit von Unternehmen in Russland. Sie analysierte die größten steuerzahlenden Unternehmen in Russland, die einen Jahresumsatz von mehr als fünf Millionen US-Dollar (etwa 4,63 Millionen Euro) erwirtschafteten und an denen Ausländer einen Anteil von mehr als 51 Prozent halten. Die Liste enthält Informationen aus Datensätzen wie denen der Yale-Forschung und einer anderen Liste der Universität St. Gallen in der Schweiz.

Die Daten stammen aus den Nachrichten und offiziellen Unternehmenserklärungen. Das Institut prüft die Daten auch mit der ukrainischen Regierung und aktualisiert seine Datenbank täglich. KSE hat sechs Kategorien für Unternehmen in verschiedenen Stadien der Geschäftstätigkeit oder des Rückzugs in Russland. Hier sind die Ergebnisse mit Stand vom 6. Dezember 2023:

Die Daten der KSE zeigen, dass die meisten ausländischen Unternehmen Russland nicht verlassen haben. Den Daten zufolge sind 1594 Unternehmen weiterhin in Russland tätig, und knapp 300 haben sich seit dem Einmarsch in die Ukraine vollständig aus Russland zurückgezogen.

Die Abwanderung aus dem russischen Markt verlangsamt sich

Allerdings ist unklar, wie viele ausländische Unternehmen vor Beginn des Krieges in Russland tätig waren. Und obwohl die Daten zeigen, dass viele Unternehmen noch immer – in unterschiedlichem Umfang – in Russland tätig sind, gibt es mehr, als man auf den ersten Blick sieht, sagt Steven Tian, Forschungsdirektor des Yale's Chief Executive Leadership Institute und einer der führenden Forscher der Yale-Liste.

In den Wochen nach dem Einmarsch in die Ukraine gab es einen anfänglichen Ansturm von Unternehmen, die sich aus Russland zurückzogen. Tian sagte jedoch, dass sich die Unternehmen nun in einem "viel langsameren Tempo" aus dem Land zurückziehen. "Die meisten – aber nicht alle – der in Russland verbliebenen Unternehmen sind viel kleiner", so der Forschungsdirektor zu BI.

In einer Analyse seiner Daten vom 20. November stellte die KSE zudem fest, dass der Prozentsatz der Unternehmen, die ihre Geschäftstätigkeit in Russland eingestellt haben, bis Mitte April 2022 stark angestiegen ist. Das Verhältnis zwischen denjenigen, die den Markt verlassen haben, und denjenigen, die dort verbleiben, hat in den vergangenen 15 Monaten jedoch stagniert.

Zu den großen Marken, die sich gänzlich aus Russland zurückgezogen haben, gehören McDonald's und der Energieversorger BP, der durch seinen Rückzug einen Verlust von 25 Milliarden Dollar (etwa 23,16 Milliarden Euro) hinnehmen musste. Die ausländischen Unternehmen, die noch in Russland tätig sind, haben eine Vielzahl von Gründen angeführt, warum sie den Markt nicht verlassen – darunter betriebliche, ethische und politische Herausforderungen.

Das italienische Modeunternehmen Benetton operiert in Russland mit einem "Business-as-usual"-Ansatz. Es beruft sich auf die langjährigen Beziehungen zu seinen Partnern und die Verpflichtungen gegenüber den Mitarbeitern in Russland. Unilever und Nestlé haben ihre Geschäftstätigkeit in Russland reduziert, aber nicht eingestellt, und berufen sich dabei auf ihre Verpflichtungen gegenüber ihren Mitarbeitern und der russischen Bevölkerung.

Auch diese deutschen Unternehmen operieren weiterhin in Russland

Auch deutsche Unternehmen gehen weiter ihren Tätigkeiten auf dem russischen Markt nach. So sind, einer Recherche des SWR zufolge, zahlreiche Produkte aus Deutschland weiterhin in russischen Geschäften verfügbar – unter anderem Haushaltsgeräte, Lebensmittel, Bekleidung und Autos. Während etwa die Firma Bosch nur noch "verbliebene Restbestände aus Lagern vor Ort" verkaufe, mache die Marke Ritter Sport kein Geheimnis aus ihren Aktivitäten in Russland.

Produkte der Unternehmen Stihl und Kärcher seien ebenfalls weiterhin erhältlich. Stihl hatte dem SWR erklärt, die verkauften Sachen würden "noch aus Lieferungen, die vor Kriegsbeginn bezogen wurden" stammen. Kärcher habe sich hingegen nicht zu den Geschäften äußern wollen. Laut der Recherche ist zudem ein Großteil der Autohäuser – in denen auch Fahrzeuge der Marken VW, BMW und Mercedes Benz verkauft werden – in Russland weiterhin normal geöffnet.

Russland macht es ausländischen Unternehmen schwer, sich zurückzuziehen

Viele Unternehmen, die noch in Russland tätig sind, stecken auch im Prozess des Ausstiegs aus dem Markt fest. Die russische Regierung macht es ausländischen Unternehmen immer schwerer, den Markt zu verlassen. Sie hat eine Reihe von hohen Hürden für den Prozess eingeführt – zum Beispiel die Forderung, dass Unternehmen Spenden an den Staat zahlen und ihre Vermögenswerte mit einem hohen Abschlag verkaufen, bevor sie das Land verlassen können.

Kürzlich kündigte der Kreml an, dass westliche Firmen, die Russland verlassen wollen, ihre Bestände in russischem Rubel verkaufen müssen. Dieser Schritt könnte den Ausstieg von Unternehmen weiter verzögern und dazu führen, dass Unternehmen, die den Markt verlassen, Fremdwährungen transferieren müssen. Agathe Demarais, Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations, erklärte der Financial Times im September: "Im Nachhinein ist klar, dass es für westliche Firmen sinnvoller war, Russland sofort zu verlassen, als abzuwarten."

Die Unternehmen, die noch in Russland tätig sind, tragen zur boomenden Kriegswirtschaft des Landes bei. Offiziellen Schätzungen zufolge ist das russische Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Zuvor war es im gleichen Zeitraum des Vorjahres um 3,5 Prozent zurückgegangen.

Ein Großteil des russischen Wirtschaftswachstums ist jedoch auf Verteidigungs- und Staatsausgaben zurückzuführen. Das bedeutet, dass sich dies für viele Russen, die mit steigenden Preisen zu kämpfen haben, nicht in Wohlstand niederschlägt. Auch wenn der Kreml ein rosiges Bild von der Wirtschaft des Landes zeichnet, "ist die tatsächliche Situation schlecht", erklärte der bekannte russische Wirtschaftswissenschaftler Igor Lipsits.

Dieser Artikel wurde von Victoria Niemsch aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.