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„Die Autobranche leidet auch, weil wir 2020 online noch keine Autos anmelden können“

Der Chef der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften erklärt, wo Deutschland digitalen Nachholbedarf hat. Karl-Heinz Streibich will das Corona-Momentum nutzen.

Der Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften Acatech, Karl-Heinz Streibich, prognostiziert einen „starken Anstieg des Bruttosozialproduktes“ nach dem Corona-Einbruch. In der Krise hätten die Deutschen die enormen Vorteile der Digitalisierung erlebt und Berührungsängste abgebaut. Das werde „zu einem gewaltigen Digitalisierungsschub führen, der der ganzen Wirtschaft hilft“, sagte Streibich dem Handelsblatt. 

Dafür müsse vor allem der Staat enorm nachlegen, fordert der langjährige Chef der Software AG. Wäre die öffentliche Verwaltung nicht hoffnungslos veraltet, wäre der Schaden für die Wirtschaft durch Corona weit geringer gewesen. So habe etwa die Autoindustrie auch deshalb so gelitten, „weil man Autos noch immer nicht digital anmelden kann“. Das sei im Jahr 2020 „unglaublich“. 

Das föderale „Durcheinander“ beim Management der Coronakrise hingegen findet Streibich nicht bedenklich – im Gegenteil: es sei sogar hilfreich, weil es die Politik zum Ringen um die besten Lösung zwinge. Das Ergebnis sei deutlich: „Föderale Staaten kommen besser durch die Krise als die zentralistischen wie etwa England oder Frankreich“. 

Um künftigen Pandemien vorzubeugen fordert Streibich ein Sicherheitsgremium nach Vorbild des amerikanischen National Security Council. Mit guter Organisation und Technik könne Deutschland das Lebensrisiko durch Pandemien enorm senken. Das sei schließlich bei anderen Risiken auch beeindruckend gut gelungen, etwa im Straßenverkehr oder der Luftfahrt. 

Lesen Sie hier das vollständige Interview:

Herr Streibich, was kann die Technologie-Nation Deutschland aus der Coronakrise lernen?
Das Allerwichtigste: Die Menschen legen die Berührungsängste gegenüber der Digitalisierung ab, weil sie gerade jetzt ihre Vorteile erleben. Sie können sozial in Kontakt bleiben, im Homeoffice produktiv sein, im digitalen Unterricht lernen und generell ihren Alltag trotz der Einschränkungen aufrechterhalten. Erkenntnis ist der Beginn jeglicher Veränderung, der innere Widerstand schwindet. Hier werden wir einen gewaltigen Schub erleben, der der ganzen Volkswirtschaft enorm helfen wird durch mehr Effizienz und Resilienz. Wenn wir das richtig angehen, werden wir nach dem krisenbedingten Rückgang des Bruttosozialproduktes wieder einen starken Anstieg erleben.

Corona hilft also beim Abbau der deutschen Technikfeindlichkeit?
Die Mehrheit der Deutschen ist doch gar nicht technikfeindlich. Es gibt nur eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Neuem, also auch gegenüber dem technischen Fortschritt und den Veränderungen der Arbeitswelt durch die Digitalisierung. Diese Skepsis hat übrigens in den letzten Jahren jedoch abgenommen, wie unsere neue TechnikRadar-Umfrage zeigt, die in dieser Woche erscheint. Deshalb können wir jetzt das Momentum, den Schwung mitnehmen und die positive Erfahrungen mit der Digitalisierung somit nutzen. Hier müssen vor allem die Schulen dran bleiben an der Digitalisierung und nicht alles wieder zurückfahren, wenn die Pandemie vorbei ist.

Aber vieles läuft derzeit doch improvisiert und handgestrickt...
Das sehen sie viel zu pessimistisch. Bei SAP arbeiten weltweit 100.000 Leute im Homeoffice. Allein die Uni Stuttgart etwa unterrichtet gerade 25.000 Studenten online. Und es funktioniert immer besser. Vielerorts fehlt es nicht an der nötigen IT-Infrastruktur – wir müssen schlichtweg die vorhandene Technologie anwenden.

Lässt sich das in die Zukunft retten?
Es werden künftig sehr viel mehr Menschen flexibler arbeiten und auch Homeoffice nutzen. Und wir werden mit Sicherheit nicht mehr jede Geschäftsreise machen, die wir früher gemacht haben. Kunden und Lieferanten haben gelernt, dass es auch anders geht. Dieses Umdenken wird uns Zeit und Geld sparen und ist ökologisch sinnvoll.

Und die Schulen und Hochschulen? Wir wollen doch keinen flächendeckenden Online-Unterricht?
Als Ergänzung zum Unterricht von Angesicht zu Angesicht sehr wohl. Wir können und müssen klassische Lehre durch digitale ergänzen. Die kann auch zu geringeren Kosten für Studierenden stattfinden und erhöht somit die Chancengleichheit. Das haben jetzt alle gelernt. Lange mussten beim Digitalpakt Schule viele zum Jagen getragen werden. Jetzt wurde gerade entschieden, dass mit dem Geld, anders als geplant, auch Endgeräte für Schüler gekauft werden dürfen. Das ist doch hervorragend. Auch dadurch kann Chancengleichheit gewahrt werden.

Was kann der Staat für sich aus der Krise lernen?
Der Staat wird mit Sicherheit mehr in die Digitalisierung öffentlicher Services investieren, die Einführung beschleunigen, denn jetzt werden vorhandene Defizite besonders deutlich.

Wieso ist das so zentral?
Es macht die Gesellschaft, öffentliche Verwaltung und Wirtschaft handlungsfähiger in der Krise, es erhöht somit ihre Resilienz, wenn die Services des Staates trotz Abstandsregeln reibungslos funktionieren würden. Und eben nicht nur Müllabfuhr, Strom, Wasser und Licht. Die Gesundheit wird besser geschützt, wenn Gesundheitsämter voll digitalisiert und somit effizient handlungsfähig sind. Das gilt für die gesamte Verwaltung, denn Behörden, bei denen man persönlich erscheinen und eine Unterschrift leisten muss, funktionieren in einer Krise wie der gegenwärtigen nicht. Viele Freiberufler hatten deshalb große Probleme. Und die Automobilbranche leidet auch deshalb, weil die Anmeldeämter nicht besetzt sind und wir online noch keine Autos anmelden können, was 2020 unglaublich ist. Das ist ein Jammer.

Wie beurteilen sie denn das Management der Krise durch die Politik? Anfangs zogen alle an einem Strang, dann begann das föderale Durcheinander...
Ich sehe das nicht so. Ihr sogenanntes ‚Durcheinander‘ hat große Vorteile: Die Krisenintervention kann an regionale Unterschiede angepasst werden. Zudem müssen 16 Ministerpräsidenten und die Kanzlerin um die beste Lösung ringen. Die föderal strukturierten Länder kommen besser durch die Krise als die zentralistischen wie etwa England und Frankreich, das sieht man im internationalen Vergleich.

Naja, trotz allem Ringen haben wir aber noch immer keine Tracing-App, mit der sich Kontakte nachverfolgen lassen.
Richtig, und sie würde uns jetzt helfen. Wir lernen daraus, dass wir für die Zukunft Regeln für Datenschutz und Privatsphäre vorausschauend und proaktiv im Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern vereinbaren müssen, und nicht erst wenn es brennt. Wir brauchen generell ein ausgefeiltes Risikomanagement für die ganze Gesellschaft. In den USA gibt es den National Security Council. Auch wir brauchen ein zentrales Krisenmanagement, eine Art Rat für Nationales Wohlergehen, das die Risiken und Krisen identifiziert, die auf uns zukommen können – und die Vorbereitung orchestriert. Und zu diesen künftigen Lebensrisiken gehören eben auch Pandemien. Wir haben auch früher schon Risiken bewertet und daraus gelernt: Vor ein paar Jahrzehnten  hatten wir – bei viel weniger Autos – ein vielfaches an Verkehrstoten pro Jahr. Und Flugzeuge sind das sicherste Verkehrsmittel überhaupt, weil nach jedem Unfall eine Generalüberprüfung stattfindet und die Regeln allgemein angepasst werden.

Den USA hat der Security Council nichts geholfen. Dort gibt es die meisten Corona-Toten weltweit.
Also machen wir es besser. So ein Gremium erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass man besser vorbereitet ist, garantiert es aber nicht. Die US-Regierung war nicht vorbereitet, weil sie offenbar zu stark auf andere Themen fokussiert war, für die sie ihr Geld ausgegeben hat.

Wie soll der Digitalisierungs-Schub gelingen, wenn Unternehmen, Behörden, Schulen und Unis über den Mangel an IT-Spezialisten klagen?
Das relativiert sich, wenn man gute, nutzerfreundliche Cloud-Anwendungen hat. Für ihre Nutzung brauchen wir nur einen Bruchteil der IT Leute, Derzeit nutzen viele, viele Menschen Programme wie Webex, Zoom oder Teams – und sie kommen damit zurecht. Aber natürlich brauchen wir IT-Spezialisten um Innovationen schneller und umfassender einzuführen. Also anwendungsorientierte Projekt-Leute, die bei der Auswahl helfen, die Gesamtarchitektur und die Sicherheit organisieren und die Anwendung schulen. Und wir brauchen IT Experten, um europäische digitale Cloud-Infrastrukturen aufzubauen und somit souveräner bei der Digitalisierung zu sein.

Dafür fehlt es an Nachwuchs: Die Schüler werden nicht nur weniger, sie sind in den MINT-Fächern auch immer schlechter, warnt der neue Acatech-Nachwuchsbarometer. Was machen wir falsch?
Wir konditionieren unsere Kinder zum Teil auch falsch. Gerade in hoch entwickelten Gesellschaften verschiebt sich das Interesse mehr in Richtung Selbstverwirklichung statt Verwirklichung neuer Infrastrukturprojekte. Und vor allem den Mädchen haben immer noch das Gefühl, dass Technik nichts für sie sei, was auch an den Eltern liegt. Das heißt nicht, dass die vielen MINT-Bildungsinitiativen nutzlos sind: Sie helfen den Kindern, deren Eltern zumindest neutral, also nicht mint-feindlich oder auch nur MINT-ignorant sind.

Hilft die Krise auch hier? 
Natürlich, denn sie bietet enormes Anschauungsmaterial, von der Virologie über mathematische Modellierungen des Epidemieverlaufs bis hin zur Digitalisierung. Unsere Kinder haben gesehen, wie sehr wir in dieser Lage auf Wissenschaft und Technik zurückgreifen und wie stark auch bei vielen Älteren die Lernkurve steigt. Die vielen Jugendlichen, die sich für den Klimaschutz engagieren, sollte man einladen: Als Ingenieurin oder Naturwissenschaftler kannst Du die Welt verändern, kannst die Technologien für eine bessere Zukunft entwickeln, und am Ende vielleicht mehr erreichen als mit Demonstrationen und Ratschlägen an die Älteren.
Herr Streibich, vielen Dank für das Interview.