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Website berechnet Risiko einer Coronavirus-Infektion anhand von Zimmergröße, Deckenhöhe und Anzahl der Menschen

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Es wird immer deutlicher, dass gutes Lüften eine wichtige Strategie gegen das Coronavirus ist. (Stock, Getty Images)
Es wird immer deutlicher, dass gutes Lüften eine wichtige Strategie gegen das Coronavirus ist. (Stock, Getty Images)

Wissenschaftler der Universität Cambridge haben eine Website entwickelt, mit der Nutzer das Risiko einer Coronavirus-Übertragung für ein bestimmtes Zimmer berechnen können.

Sowohl Ärzte als auch Behörden haben schon lange darauf hingewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, sich mit dem Virus zu infizieren, an der freien Luft deutlich geringer ist. Deshalb ist es in England trotz des bestehenden Lockdowns weiterhin erlaubt, im Freien mit einer Person Sport zu treiben.

In Bezug auf Belüftung besagt das mathematische Modell der Wissenschaftler, dass das Virus sich innerhalb von 2 Metern in nur wenigen Sekunden verbreitet, wenn in dem Raum nur wenig Luftzirkulation herrscht.

Diese hängt von diversen Faktoren ab, wie zum Beispiel der Zimmergröße, der Deckenhöhe und der Anzahl der Menschen, die sich in ihm befinden.

Es mag vielleicht überraschend sein, dass die Wissenschaftler außerdem herausgefunden haben, dass anhaltendes Sprechen eine größere Gefahr darstellt als Husten.

Dieselben Modelle können von der Öffentlichkeit mit dem kostenlosen Tool Airborne.cam genutzt werden. Das Tool berechnet, wie sich Übertragungsrisiko mit der Zeit verhält.

Schwere Tröpfchen, die beim Husten ausgestoßen werden, können sich auf Oberflächen festsetzen und so ein Infektionsrisiko darstellen. (Stock, Getty Images)
Schwere Tröpfchen, die beim Husten ausgestoßen werden, können sich auf Oberflächen festsetzen und so ein Infektionsrisiko darstellen. (Stock, Getty Images)

„Das Tool kann Menschen die Mechanik von Flüssigkeiten verständlicher machen, so dass sie bessere Entscheidungen treffen und ihre alltäglichen Aktivitäten und Umgebungen entsprechend anpassen können. So sind sie in der Lage, das Risiko für sich und andere zu minimieren“, so Co-Autor Gkantonas.

Mithilfe von mathematischen Modellen wurde der Anteil des Coronavirus in ausgestoßenen Partikeln berechnet, aber auch wie diese verdunsten und sich auf Oberflächen festsetzen.

Bekannte Charakteristika des Virus, wie seine „Verfallszeit“ hat den Wissenschaftlern bei der Schätzung des Übertragungsrisikos in geschlossenen Räumen geholfen, in denen eine infizierte Person normal gesprochen oder gehustet hat.

„Unser Wissen über die Übertragung [des Coronavirus] auf dem Luftweg hat sich mit unglaublicher Geschwindigkeit entwickelt, wenn man bedenkt, dass es erst ein Jahr her ist, dass das Virus entdeckt wurde,“, so Autor der Studie Dr. Pedro de Oliveira.

„Bei unserer Arbeit ziehen wir eine große Bandbreite an Atemwegs-Tröpfchen, die Menschen ausstoßen heran, um verschiedene Szenarien der Virusübertragung durch die Luft nachzustellen. Zuerst haben wir die schnelle Verbreitung winziger, infektiöser Tröpfchen über mehrere Meter in wenigen Sekunden, was drinnen und draußen passieren kann.

„Dann zeigen wir, wie sich die winzigen Tröpfchen in Räumen langfristig ansammeln können und wie man dem mit angemessener Belüftung entgegenwirken kann.“

Die Ergebnisse, die in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society A“ veröffentlicht wurden, lassen darauf schließen, dass sich das Virus sehr viel schneller verbreitet, wenn zwei Leute sich ohne Maske länger in einem schlecht belüfteten Raum unterhalten, als wenn jemand kurz hustet.

Beim Sprechen stoßen Menschen kleinere Tröpfchen aus, die sich leicht in einem schlecht belüfteten Raum ausbreiten können.

Die schweren Tröpfchen, die beim Husten ausgestoßen werden, sinken aufgrund der Schwerkraft schneller nach unten und setzen sich auf Oberflächen fest.

Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass sich Tröpfchen in der Luft innerhalb weniger Sekunden über 2 m verbreiten, wenn keine Masken getragen werden. Daher reicht es nicht aus, in einem unbelüfteten Raum nur Abstand voneinander zu halten.

„Es dauert nur ein paar Sekunden, bis die Tröpfchen weiter als 2 m schweben, was zu einer Virusmenge führt, die das Minimum für eine Infektion übersteigt. Daher ist Abstand ohne Belüftung nicht ausreichend, wenn man sich für längere Zeit in dem Raum aufhält“, schrieben die Wissenschaftler.

Obwohl viel über den Nutzen von Masken diskutiert wurde, wirkt jede Art der Gesichtsbedenkung dagegen an, dass sich die Tröpfchen über den Atem schnell verbreiten. Sie filtern außerdem einen Anteil der ausgeatmeten Tröpfchen.

Es wird angenommen, dass sich die Mehrheit der Patienten in geschlossenen Räumen mit dem Coronavirus ansteckt. Das erklärt auch, warum in Großbritannien die Zahl der Fälle im Winter, wenn sich die Menschen lieber drinnen verkriechen, drastisch angestiegen ist.

Nicht zum ersten Mal wurde darauf hingewiesen, wie wichtig Lüften ist.

Der walisische Arzt Dr. Eilir Hughes hat schon vor einiger Zeit gesagt, dass der Slogan „hands, space, face“ (Hände, Abstand, Gesicht) nicht ausreichend ist.

Dr. Hughes, der mittlerweile den Spitznamen „Dr. Frischluft“ trägt, glaubt, dass es „hands, space, face, replace“ (Hände, Abstand, Gesicht, Austausch) heißen sollte. Austausch bezieht sich auf das Ersetzen abgestandener Innenraumluft mit frischer Luft von draußen.

Professor Shaun Fitzgerald von der Universität Cambridge hat kürzlich gegenüber der BBC gesagt, er weigere sich „sich in Räumen aufzuhalten, die nicht gut belüftet sind“.

Trotz des kalten Wetters gibt es eine einfache Lösung: Mach das Fenster nur einen Spalt weit auf und zieh dir einen warmen Pulli über.

„Das sollte man sowieso tun, um Heizkosten zu sparen und weniger Energie zu verbrauchen, denn so können wir alle dazu beitragen, den Klimawandel aufzuhalten“, so Professor Fitzgerald.

Die Wissenschaftler haben die Hoffnung, dass vor allem Menschen Airborne.cam nutzen, die öffentliche Räumlichkeiten verwalten, wie zum Beispiel Läden oder Klassenzimmer in Schulen.

Das Tool wird bereits in einigen akademischen Abteilungen der Uni genutzt und ist für Orte, an denen das Risiko besonders hoch ist, sogar ein Muss.

„Wir sehen uns alle Seiten der Tröpfchenübertragung durch die Luft an, um zum Beispiel die Mechaniken der Flüssigkeiten zu verstehen, mit denen wir beim Husten und Sprechen zu tun haben“, so Co-Autor Professor Epaminondas Mastorakos.

„Wir verstehen insbesondere noch nicht gut, welche Rolle Luftturbulenzen dabei spielen, welche Tröpfchen durch die Schwerkraft sinken und welche weiterhin in der Luft schweben.

„Wir hoffen, dass sich viele Menschen nach den Ergebnissen der App und sich den daraus ergebenden Sicherheitsvorkehrungen richten werden, während wir weiter forschen.“

Alexandra Thompson