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Was bedeutet eine Biden-Präsidentschaft für die Börse?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 4 Min.

Der große Showdown neigt sich auf die Zielgerade. In zwei Wochen entscheiden US-Wähler über den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten. In den Umfrageergebnissen liegt der demokratische Herausforderer Joe Biden deutlich vor Donald Trump. Verkraftet die Wall Street einen Amtswechsel?

Auf dem Weg ins Weiße Haus? Der frühere Vizepräsident Joe Biden bei einer Wahlkampfveranstaltung (AP Photo/Carolyn Kaster)
Auf dem Weg ins Weiße Haus? Der frühere Vizepräsident Joe Biden bei einer Wahlkampfveranstaltung (AP Photo/Carolyn Kaster)

Donald Trump scheint sich seiner Sache sehr sicher zu sein. “Die Börse legt um weitere 300 Punkte zu. Wichtigster Leitindikator überhaupt!!!” kommentierte der amtierende US-Präsident den Kursanstieg im Dow Jones in der vergangenen Woche. In Anspielung auf seinen demokratischen Herausforderer bei der kommenden Präsidentschaftswahl ergänzte Trump: “Ruiniert es nicht mit Sleepy Joe!!!”

Allein: Es sieht danach aus, als würden sich die US-Börsen nicht besonders daran stören. Tatsächlich tendieren die Umfragen 15 Tage vor der Wahl inzwischen sehr deutlich in Richtung des bereits 77 Jahre alten ehemaligen Vizepräsidenten der Obama-Administration.

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Der viel beachtete Datenanalyst Nate Silver, der die Webseite FiveThirtyEight betreibt, hat zuletzt eine Wahrscheinlichkeit von 88 : 12 für den Sieg des Herausforderers errechnet. In anderen Worten: Ein Comeback Trumps erscheint anno 2020 noch deutlich unwahrscheinlicher als vier Jahre zuvor gegen Hillary Clinton.

Cramer: Biden-Präsidentschaft keine Belastung

Entsprechend haben die Märkte in den vergangenen Wochen damit begonnen, einen Amtswechsel im Weißen Haus einzupreisen – und das offenkundig ohne größere Turbulenzen. Der frühere Hedgefonds-Manager und Marktkommentator James Cramer etwa geht davon aus, dass die Aktien seines Treuhand-Fonds unter einem Präsidenten Biden besser performen würden.

“Ich bin absolut erstaunt, dass zwei Drittel meiner Aktien besser laufen würden, was die Unternehmensgewinne, die Perspektiven und das Wachstum angeht. Und was offenkundig bereits von den Indizes reflektiert wird”, erklärte der „Mad Money“-Moderator vergangene Woche. Als einen der Gründe führt Cramer ein besseres Verhältnis zu China an, das in den vier Jahren der Trump-Administration erheblich gelitten habe.

Apple könnte von einem Präsidenten Biden profitieren

Vor allem Apple könnte nach Cramers Einschätzung von einer Regierung Biden profitieren. “Apple befindet sich in einem Drahtseilakt zwischen dem Präsidenten (Trump – Anmerkung der Redaktion) und China. Wenn der Präsident den Kalten Krieg mit China wieder entfacht, wird das neue iPhone seine Umsatzerwartungen nicht erfüllen, sondern verfehlen”, erklärt der Mitbegründer des Finanzportals TheStreet.com. “Das neue iPhone braucht China als Absatzmarkt.”

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Cramer würdigte Apple-CEO Tim Cook für seine ausgleichende Fähigkeit, es in den vergangenen Jahren beiden Seiten – Trump und China – recht gemacht zu haben. Und mit Biden dürfte Cook auf weniger Widerstände treffen. “Er hegt keine Feinseligkeiten gegen Apple. Auch wenn er nicht so nachgiebig gegen China sein dürfte wie andere Demokraten, dürfte Apple unter ihm mehr iPhones verkaufen als unter Trump”, glaubt Cramer.

Weiteres Aufwärtspotenzial bei demokratischem Erdrutschsieg?

Nach der gleichen Logik dürfte auch Flugzeughersteller Boeing unter Biden wieder abheben, glaubt Cramer. “Er wird alles tun, um Aufträge (für Boeing – A.d.R.) aus China zu bekommen”. Pharmaunternehmen, private Krankenversicherer oder etwa die Apothekenkette wie CVS könnten es dagegen unter dem demokratischen Präsidenten bei einer Gesundheitsreform schwerer haben. “Ich glaube, Biden wird zu Krankenversicherern hart sein und sie dazu bringen, steigende Gesundheitskosten mitzutragen”, prognostiziert der CNBC-Marktkommentator.

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Treiber für den Aktienmarkt dürfte unter beiden Präsidentschaftsbewerbern ein neues Stimulus-Paket für die von Corona geplagte US-Wirtschaft werden, glauben Marktbeobachter. Sollten die Demokraten gar in einem Erdrutschsieg Senat und Kongress erobern, könnte das den US-Börsen weiter Aufschwung geben, glaubt etwa die Investmentbank Goldman Sachs, die dann weiteres Wachstumspotenzial der US-Wirtschaft sieht. Politische Börsen hätten am Ende dann plötzlich lange Beine…

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