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Wall Street im Wahljahr 2020: Wer hat Angst vor Bernie Sanders?

Nils Jacobsen
·Wirtschaftsjournalist und Techblogger
·Lesedauer: 5 Min.
Der Siegeszug geht weiter: Wird Bernie Sanders zum Börsenschreck (AP Photo/Eric Gay)
Der Siegeszug geht weiter: Wird Bernie Sanders zum Börsenschreck (AP Photo/Eric Gay)

Die Vorwahlen in den USA sind keinen Monat alt, da hat sich bereits ein klarer Favorit bei den Demokraten herauskristallisiert: Bernie Sanders. Sollte der bekennende „demokratische Sozialist“ im November gar ins Weiße Haus einziehen, dürfte er der Wall Street das Fürchten lehren. Allein: Noch glaubt die Börse nicht daran…

Bernie Sanders ist ein Phänomen der US-Politik, das es nach den typischen Vorstellungen über „God’s Own Country“ eigentlich gar nicht geben dürfte. In einem Land, das bis heute den Turbokapitalismus feiert, wirkt der 78-jährige Senator aus Vermont wie ein Unikat aus einem anderen Universum.

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Sanders stellt sich gegen den jahrhundertelangen Status quo der amerikanischen Sozialpolitik. Da ist etwa die Krankenversicherung, zu der 30 Millionen Amerikaner auch nach Obamacare immer noch keinen Zugang haben – der Rest der Bevölkerung zahlt Summen für Arztbesuche und Medikamente, die in Europa jenseits der Vorstellungskraft liegen.

Der „demokratische Sozialist“ Bernie Sanders will Grunderneuerung der amerikanischen Sozialpolitik

Nicht anders sieht es bei der Bildungspolitik aus. Wer einen universitären Abschluss anstrebt, muss sich auch auf staatlichen Universitäten schnell im sechsstelligen Bereich verschulden. Bernie Sanders verspricht eine sofortige und gar rückwirkende Abschaffung der Studiengebühr und eine Gesundheitsversicherung für alle Amerikaner – eine Normalität in einem Sozialstaat europäischen Zuschnitts.

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Entsprechend nennt sich der demokratische Präsidentschaftsbewerber einen „demokratischen Sozialisten“, doch seine politischen Gegner – und davon gibt es sowohl in der eigenen Partei als auch bei den Republikanern genug – wollen ihn noch weiter links verorten.

Wall Street-Veteranen in Aufruhr: „Hört sich eher ein wie Kommunist an“

Wenn die öffentliche Antipathie der Wall Street ein Gradmesser für das Unbehagen der Hochfinanz ist, macht Bernie Sanders aktuell alles richtig. „Ich glaube, es würde mir schwerer fallen, für Sanders als für Trump im November zu stimmen“, erklärte etwa der Goldman Sachs-CEO Lloyd Blankfein im Wochenverlauf.


Auch Wall Street-Veteran James Cramer, traditionell ein bekennender Demokrat, kann nichts mit Sanders anfangen. „Er hört sich eher wie ein Kommunist als ein Sozialist an. Ihr Vermögen kommt (im Falle seiner Präsidentschaft – A.d.R.) unter Druck“, wetterte der frühere Hedgefondsmanager nach der jüngsten Debatte unter den demokratischen Präsidentschaftsbewerbern, aus der Sanders einmal mehr als Gewinner hervorging.

Frontrunner Sanders profitiert von Bloombergs Implosion

Sanders profitierte dabei maßgeblich von der Entzauberung des Multimilliardärs Michael Bloomberg, der sich in den vergangenen Wochen im Zuge seiner 400 Millionen Dollar schweren Werbekampagne in einer nationalen Umfrage bis auf den zweiten Platz vorgeschoben hatte, aber in der Debatte keinen Stich sah.

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Bloombergs Argument, er wäre in den US-Wahlkampf eingestiegen, um als mutmaßlich aussichtsreichster demokratischer Kandidat Donald Trumps Wiederwahl zu verhindern, scheint eine Woche vor dem vorentscheidenden „Super Tuesday“, an dem in gleich 15 Bundesstaaten gewählt wird, nach hinten loszugehen.

Nach den Vorwahl-Triumph in Nevada am Wochenende könnte Sanders’ Vorsprung für andere Mitbewerber bereits nächste Woche uneinholbar groß sein, weil nach den Gepflogenheiten der demokratischen Vorwahlen, die Delegierten prozentual verteilt werden. Der einzige Ausweg, um eine Kandidatur von Bernie Sanders zu verhindern, läge dann in einer sogenannten „Brokered Convention“, einer Kampfabstimmung, in der „Superdelegates“ unabhängig der Vorwahlergebnisse verteilt werden würden – was allerdings eine weitere Spaltung der Demokratischen Partei zur Folge hätte.

Sanders-Präsidentschaft würde Corporate America umkrempeln

Die Folgen einer Sanders-Präsidentschaft für Corporate America wären unterdessen weitumfassend: Neben der Neuregelung des Gesundheits- und Bildungssystems würde eine Sanders-Administration eine umfassende Steuerreform anstrengen, bei der Großunternehmen und Vermögende ungleich mehr zur Kasse gebeten werden würden als bislang unter Trump. In anderen Worten: Pharma- und Finanzkonzerne hätte einiges zu verlieren, nicht zuletzt aber die Wall Street, die in Gänze unter dem wirtschaftsfreundlichen Kurs der Trump-Administration seit drei Jahren haussiert. „Sanders würde die Wirtschaft ruinieren“, mahnte Lloyd Blankfein bereits Mitte Februar.


Den früheren Dokumentarfilmer scheint die feindselige Haltung der Wall Street-Elite unterdessen nur noch mehr anzustacheln. „Der Hass von Betrügern, die unsere Wirtschaft zerstört haben, ist mir willkommen“, wetterte der 78-Jährige am Freitag in Richtung des Goldman-CEOs zurück.

Wall Street ignoriert mögliche Sanders-Präsidentschaft komplett

Trotzdem scheinen die US-Börsen die Möglichkeit, dass Bernie Sanders im November zum 46. Präsidenten der USA gewählt werden könnte, bisher komplett auszublenden. Abgesehen vom Ausverkauf am Freitag, der in erster Linie durch die neuen Sorgen um das Coronavirus zustande kam, notieren die Aktienmärkte derzeit dies- und jenseits des Atlantiks nahe ihrer Allzeithochs.

„Man muss daraus schließen, dass die Märkte erwarten, dass Sanders gegen Trump verlieren würde, und zwar deutlich“, erklärte Greg Valliere vom Finanzdienstleister AGF Investment gegenüber CNN. Keith Lerner, Chef-Aktienmarktstratege beim Vermögensverwalter Truist/SunTrust Advisory sekundiert. „Die Marktwahrnehmung ist, dass Sanders für Trump der leichtere Kandidat wäre.“ Doch die Märkte sollten sich nicht zu sicher sein: Vor vier Jahren galt auch Donald Trump bis zum Wahlabend als krasser Außenseiter – der Ausgang ist bekannt…

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