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Wärmepumpen – Die Revolution im Heizungskeller

·Lesedauer: 6 Min.

Die klimafreundliche Wärmepumpen-Technologie ist weltweit auf dem Vormarsch. Aber die Energiewende im Heizungskeller geht in Deutschland nur langsam voran.

Kai Schiefelbein hat eigentlich allen Grund zur Freude. Er ist einer von zwei Geschäftsführern des Heizungskonzerns Stiebel Eltron. Und bei dem läuft es aktuell ziemlich gut. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz bei fast 600 Millionen Euro, knapp acht Prozent mehr als im Jahr zuvor. Trotzdem macht sich der 52-Jährige Sorgen um die Zukunft. Und zwar nicht nur um die eigene. „Wenn sich nicht bald etwas ändert, sieht es in zehn Jahren düster für die deutsche Heizungsbranche aus“, warnt Schiefelbein.

Seit 23 Jahren ist der Ingenieur bei dem Familienunternehmen aus dem südlichen Niedersachsen für Forschung, Entwicklung und Produktion verantwortlich. Sein Spezialgebiet: strombetriebene Wärmepumpen. Sie sollen nach und nach die fossilen Öl- und Gasheizungen ablösen. Und genau da liegt in den Augen Schiefelbeins das Problem.

„Mittlerweile weiß zwar jeder, dass wir Millionen Wärmepumpen brauchen, um unsere Klimaziele zu erreichen. Aber solange Öl und Gas billiger sind als Strom, werden sich Wärmepumpen nicht durchsetzen“, warnt Schiefelbein. Und damit riskiere man am Ende die gesamte deutsche Heizungsindustrie, schließlich seien Wärmepumpen die weltweite „Heizungstechnik der Zukunft“.

Das umweltfreundliche Heizsystem nutzt anstatt fossiler Rohstoffe wie Kohle, Öl und Gas Wärme aus der Umgebungsluft, der Erde oder dem Grundwasser. Die Funktionsweise einer Wärmepumpe wird auch gern mit einem umgekehrten Kühlschrank verglichen: Der pumpt die Wärme aus seinem Innenraum nach draußen und kühlt damit sein Inneres.

Bei der Wärmepumpe hingegen wird einem Kältemittel die Wärme aus der Umgebung zugeführt und verdampft. Dieser Dampf wird als gebundene Energie an den Heizwasserkreislauf abgegeben. Das Kältemittel verflüssigt sich, und der Kreislauf beginnt von Neuem.

Angetrieben wird die Wärmepumpe von Strom. Ist es grüner Strom, dann ist auch das Heizsystem komplett klimaneutral. Unter Experten gelten die Wärmetauscher neben Bioenergie und Solarthermie deswegen als unverzichtbarer Bestandteil der Energiewende. Sie sind ressourcenschonend, einfach zu installieren und gerade in Neubauten mittlerweile sehr beliebt.

Weltweit ersetzen Wärmepumpen inzwischen immer mehr fossile Heizsysteme.

Laut der Internationalen Energieagentur wurden 2019 weltweit fast 20 Millionen Wärmepumpen verkauft. Jedes Jahr wächst der Markt um mehr als zehn Prozent. In Deutschland wuchs der Absatz im ersten Halbjahr 2020 sogar um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Allerdings auf relativ niedrigem Niveau.

Hohe Strompreise bremsen die Technologie

„2019 wurden 80.000 Wärmepumpen verkauft. Wir müssten aber jedes Jahr etwa 250.000 bis 500.000 verkaufen, um auf Zielkurs für die Klimaneutralität 2050 zu kommen“, sagt Experte Matthias Deutsch von der Denkfabrik Agora Energiewende. Zwar werde die Installation mittlerweile gut gefördert, aber nun müsse auch der Betrieb günstiger werden. Noch zahlt der Verbraucher aufgrund von Steuern und Umlagen deutlich mehr für Strom als für Öl und Gas. „Die Stromkosten müssen runtergehen“, sagt Deutsch deswegen.

Genau das fordert auch Stiebel Eltron-Chef Schiefelbein. „Mehr als 80 Prozent der neuen Wärmepumpen werden in China, Japan und den USA installiert.“ Während hohe Strompreise die Zukunftstechnologie in Deutschland ausbremsen würden.

Im Vergleich zu Frankreich, wo innerhalb der Europäischen Union die meisten Wärmepumpen verkauft werden, zahlen die Deutschen fast doppelt so viel für ihren Strom.

„Noch sind wir auf dem Markt vorn mit dabei, aber wie schnell eine solide Wettbewerbssituation verloren gehen kann, hat der Niedergang der deutschen Solarindustrie vor gut zehn Jahren drastisch vor Augen geführt“, mahnt Schiefelbein. Mittel- bis langfristig fehle der deutschen Heizungsindustrie ohne starken Heimatmarkt die Basis für den internationalen Wettbewerb – und Stiebel Eltron die Basis für das Geschäft.

Immerhin macht der Verkauf und die Installation der alternativen Heizsysteme mehr als ein Drittel des Umsatzes für die Niedersachsen aus. Hier ist Stiebel Eltron Vorreiter – und das nicht erst, seit der Klimawandel durch Fridays for Future wieder inmitten der gesellschaftlichen Debatten steht.

Als die Ölkrise in den 70er-Jahren ausbrach, stieg Stiebel Eltron in die Produktion von Wärmepumpen ein und gehört damit zu den Pionieren der Technik. Die Bundesbürger waren von den hohen Ölpreisen geschockt, die Wärmepumpe galt als Lösung aller Energieprobleme. Doch der Durchbruch blieb aus, die Euphorie ebbte schnell ab, weil Handwerker nicht auf die neue Technik vorbereitet waren und die Ölpreise bald wieder auf ein erträgliches Maß zurückfielen.

Bis Anfang der Neunzigerjahre wurden in Deutschland nur jeweils weniger als 1000 Wärmepumpen pro Jahr verkauft. Im Gegensatz zu anderen Anbietern behielt Stiebel Eltron die Wärmepumpen trotz der mageren Marktaussichten im Programm. Das Unternehmen verzichtete bewusst auf eine starke Fokussierung, baute seine Fähigkeiten bei den alternativen Systemen aus und exportierte sein Produkt verstärkt ins Ausland. Heute verkauft der Heizungsspezialist 65 Prozent der Wärmetauscher außerhalb des eigenen Heimatmarktes.

Hoffen auf steigenden CO2-Preis

Auch der Rest der heimischen Heizungsgilde investiert mittlerweile kräftig in die Wärmepumpentechnologie. Vaillant, Viessmann, Bosch-Buderus und andere haben erkannt, dass in dem Verkauf und der Installation von Öl- und Gasheizungen in der Zukunft nicht mehr das Hauptgeschäft liegen wird. „Der Anteil an Wärmepumpentechnologie am gesamten Produktumsatz liegt heute bei rund zehn Prozent. Die Tendenz ist stark steigend“, sagt Vaillant-Chef Tillmann von Schroeter dem Handelsblatt. Dabei stehe man im Wärmebereich gerade erst am Anfang. „Das Klimaschutzpotenzial, das in deutschen Kellern schlummert, ist riesig.“

Ähnlich sieht das auch Frank Voßloh, Deutschlandchef des Heizungsriesen Viessmann. In seinen Augen entwickelt sich der Markt für Wärmepumpen hierzulande sehr gut. „Die Wärmewende in Deutschland ist auf einem guten Weg. Aber insgesamt noch viel zu langsam“, sagt er dem Handelsblatt.

Die Zukunft der deutschen Heizungsindustrie sehen die zwei Marktführer deswegen aber nicht gleich in Gefahr. Schließlich habe die Politik „mit dem Klimapaket die Heiztechnik endlich zu einem Topthema in puncto Energiewende und Klimawandel gemacht“, sagt Voßloh. Allerdings verdienen Vaillant und Viessmann auch noch gut an dem Geschäft mit Öl- und Gasheizungen.

„Die Richtung stimmt“, meint zwar auch Experte Deutsch. „Aber wenn man erst Mitte der 20er-Jahre anfängt, die Wärmepumpe wirtschaftlich attraktiver zu machen, ist das für klimafreundliches Heizen zu spät. Und das ist ein Problem“, gibt er mit Blick auf die Einführung des CO2-Preises zu bedenken. Erst 2025 soll der Preis pro Tonne CO2 auf 55 Euro steigen. Erst dann würde die Wärmepumpe preislich wettbewerbsfähig zu fossilen Heizmöglichkeiten.

„Wir müssten ab dem nächsten Jahr sechsmal so viele Wärmepumpen verkaufen wie 2019. Wenn die Politik das erst in vier Jahren erkennt, können die deutschen Hersteller nicht mal eben ihre Kapazitäten versechsfachen“, kritisiert Schiefelbein. Ausländische Hersteller könnten das aber teilweise schon jetzt. Und das könne ziemlich tödlich werden.