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VW-Verkaufszahlen in China brechen im Januar ein

Der VW-Konzern hat deutlich weniger Neuwagen verkauft. Wegen des Coronavirus machen sich die Autobauer auch Sorgen um die Teileversorgung in Europa.

Die Probleme in China könnten sich auf die globale Fahrzeugbranche ausweiten. Foto: dpa

Der durch das Coronavirus ausgelöste Stillstand in China trifft auch den Volkswagen-Konzern. Im Januar sind die Verkaufszahlen des Wolfsburger Autoherstellers in der Volksrepublik im Vergleich zum Vorjahresmonat um elf Prozent zurückgegangen. Wie Volkswagen am Freitag mitteilte, sind im Januar in China rund 343.000 Fahrzeuge abgesetzt worden. Damit schlägt sich der VW-Konzern immerhin noch etwas besser als der Rest der Branche.

Die gesamten Autoverkäufe in China sind im Januar im Jahresvergleich gleich um 20 Prozent auf 1,61 Millionen Fahrzeuge eingebrochen, wie der chinesische Verband der Automobilhersteller (CAAM) bereits am Donnerstag mitgeteilt hatte. Es ist der größte Rückgang seit Januar 2012. Für die ersten zwei Monate des Jahres schätzt der chinesische Verband für Personenwagenhersteller (PCA), dass die Zahlen sogar um 30 Prozent fallen könnten.

„Wir sagen einen Rückgang der Verkäufe um mehr als zehn Prozent im ersten Halbjahr voraus und um fünf Prozent für das gesamte Jahr, wenn die Epidemie vor April eingedämmt wird“, sagte CAAM-Vizechef Fu Bingfeng der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag. Das gehe aus einer Umfrage unter den Mitgliedsunternehmen hervor. Die Industrie fordere von der Regierung in Peking deshalb Steuererleichterungen sowie günstigere Finanzierungsmöglichkeiten für die Unternehmen.

Bereits im vergangenen Jahr waren die Absatzzahlen in China aufgrund des Handelskrieges mit den USA und einer schwächelnden Konjunktur geschrumpft. Nicht nur für Volkswagen, sondern auch für die beiden anderen deutschen Autokonzerne Daimler und BMW ist die Volksrepublik zum weltweit wichtigsten Markt aufgestiegen. Der deutliche Rückgang in China hat maßgeblichen Anteil daran, dass die weltweiten Verkaufszahlen des Wolfsburger Autokonzerns im Januar um gut fünf Prozent auf knapp 837.000 Fahrzeuge nachgegeben haben.

Bei Volkswagen in China sollten in dieser Woche nach und nach die einzelnen Autowerke wieder in Betrieb gehen. Der Wolfsburger Autokonzern betreibt dort mit lokalen chinesischen Partnern insgesamt 23 Fabriken. VW hat seine Produktion im nordchinesischen Changchun und rund um die Metropole Schanghai konzentriert.

Dass die Verkaufszahlen im Januar im Vergleich zum Vorjahresmonat zurückgehen würden, hat Branchenbeobachter nicht überrascht. Wegen des um zwei Wochen verschobenen chinesischen Neujahrsfestes war von vornherein klar, dass der Fahrzeugabsatz in der Volksrepublik mit einer zweistelligen Rate schrumpfen würde. Viel entscheidender für die gesamte Branche ist jedoch die weitere Entwicklung in Februar und März.

Die Probleme entstehen jetzt, weil die eigentlich erwartete Erholung bei den Verkaufszahlen nicht einsetzt. „Der Februar ist nun verloren“, sagte Chris McNally vom Investmenthaus Evercore ISI. Verkäufe und Fahrzeugproduktion könnten in diesem Monat um 50 bis 60 Prozent zurückgehen.

Die Probleme in China könnten sich auf die globale Fahrzeugbranche ausweiten. Wie die meisten anderen Autohersteller auch hat die tschechische VW-Tochter Skoda eine Task Force eingerichtet, mit der die Teileversorgung aus China für eigene europäische Werke abgesichert werden soll.

Doch völlige Sicherheit lässt sich nur schwer erreichen, heißt es aus Skoda-Kreisen. Die Zulieferkette ist mehrstufig aufgebaut. Am Ende dieser Kette können sehr kleine Zulieferer stehen, die sich nur schwer überwachen lassen, die aber vielleicht ein einzelnes sehr wichtiges Bauteil produzieren.

Längere Pausen träfen VW und Bosch am härtesten

Deutsche Autohersteller beziehen aus China vor allem elektronische Bauteile für ihre Fahrzeuge. Dazu gehören etwa Leiterplatten und Bildschirme. Durch die Digitalisierung hat sich der Anteil elektronischer Bauteile in den Autos deutlich erhöht. China hat sich zugleich wegen günstiger Löhne zu einer zentralen Drehscheibe für die Fertigung elektronischer Bauteile entwickelt.

Aus Sicht europäischer Hersteller ist die Bauteileversorgung in China beinahe zweitrangig geworden. Da dort große Teile der Fahrzeugproduktion ohnehin ruhen, spielen Lücken in der Zulieferkette derzeit eher eine untergeordnete Rolle. Erst wenn die Fertigung in den Autofabriken in China wieder vergleichsweise normal anläuft, muss auch die Teilelieferung funktionieren.

„Unsere Fabrik in China steht“, sagte Jaguar-Land-Rover-Chef Ralf Speth Mitte der Woche auf einem Branchentreffen in Bochum. In China sei der Verkauf von Neuwagen beinahe zum Erliegen bekommen. „Wer interessiert sich denn jetzt für ein neues Auto?“, fragte er. Auch die Teileversorgung aus China für Europa ist bei Jaguar Land Rover ein Thema. Niemand könne heute sagen, wie lange die Zulieferkette noch halte, so Speth.

„Wir begrüßen die konsequenten Maßnahmen der chinesischen Regierung“, sagte BMW-Konzernchef Oliver Zipse ebenfalls auf dem Bochumer Branchentreff. Der Münchener Autohersteller wolle in der kommenden Woche in China wieder mit der Fertigung beginnen. Ob der Produktionsstart völlig problemlos gelingen werde, lasse sich derzeit nicht sagen. „Wir können nicht absehen, wie lange der Hochlauf dauern wird“, so der BMW-Konzernchef.

Bei der Versorgung anderer Produktionsstätten außerhalb der Volksrepublik rechnete Zipse mit keinen besonderen Problemen für sein Unternehmen. Trotzdem bleibe natürlich eine gewisse Restunsicherheit, weil niemand genau sagen könne, wie sich die gesamte Situation weiter entwickeln werde.

„Die nächsten Wochen werden entscheidend für alle Autohersteller sein“, sagte Globaldata-Analyst David Legget zur Situation in China. Ein Auto bestehe heute aus bis zu 20.000 Einzelteilen, die bis zu 60 oder 70 Prozent von Zulieferern stammten. Die Lieferantenkette spanne sich um die ganze Welt – eben auch von China bis nach Deutschland.

„In China könnten noch viel mehr Autofabriken gerade auch außerhalb der vom Coronavirus betroffenen Region Hubei geschlossen werden“, warnte Vittoria Ferraris, Automobilanalystin bei Standard & Poor’s. Die Hälfte aller Auto- und Zulieferfabriken in China könnte davon betroffen sein.

Volkswagen verkaufe knapp 40 Prozent seiner Fahrzeuge in der Volksrepublik. Längere Zwangspausen in der Produktion würden den Wolfsburger Autokonzern deshalb am härtesten treffen. „Unter den Zulieferern wäre Bosch am stärksten betroffen“, ergänzte Ferraris.