Deutsche Märkte schließen in 1 Stunde 17 Minute

VW stellt sich seiner dunklen Vergangenheit in Brasilien

·Lesedauer: 3 Min.

Wegen seiner Zusammenarbeit mit dem Militärregime vor 50 Jahren zahlt Volkswagen Entschädigungen von 5,5 Millionen Euro. Damit wird ein Gerichtsverfahren vermieden.

Vor genau drei Jahren stellte der Bielefelder Professor Christopher Kopper ein Gutachten vor, das es in sich hatte: Auf 116 Seiten wies der Historiker nach, wie Volkswagen in Brasilien während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 mit der staatlichen Repression zusammengearbeitet hatte. Die Belegschaft wurde ausspioniert, politische Verhaftungen auf dem Werksgelände zugelassen – und das alles mit Kenntnis der Konzernspitze in Wolfsburg. Die Untersuchung machte Kopper im Auftrag von VW. Doch nach der Veröffentlichung geschah – nichts.

Doch nun stellt sich Volkswagen seiner Vergangenheit: Umgerechnet 5,5 Millionen Euro an Entschädigungen wird der Konzern zahlen. Das Unternehmen wolle dazu beitragen, die damaligen Menschenrechtsverletzungen aufzuklären. „Wir bedauern die Verstöße“, sagt Hiltrud Werner, als Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG zuständig für Integrität und Recht. Für die Volkswagen AG sei es wichtig, mit diesem negativen Kapitel in der Geschichte Brasiliens verantwortungsvoll umzugehen und Transparenz zu fördern.

VW do Brasil, wird einerseits an Universitäten und Projekte spenden, die über die Greuel der Diktatur forschen oder daran erinnern: Etwa zur Unterstützung der Identifizierung von Opfern, die in Massengräbern begraben sind. Oder durch die Förderung neuer Forschungsarbeiten, um die Mittäterschaft von Unternehmen an Menschenrechtsverletzungen während der Militärregierung zu ermitteln. Auch die Gedenkstätte des Kampfes für Gerechtigkeit im ehemaligen Hauptquartier der Militärischen Rechnungsprüfung von São Paulo wird bedacht.

Das Unternehmen wird außerdem etwa die Hälfte des Gesamtbetrages an die Henrich Plagge Vereinigung der Volkswagenarbeiter spenden. Das sind ehemalige Mitarbeiter, die nachweisen konnten, dass sie während der Diktatur Menschenrechtsverletzungen erlitten haben. Es handelt sich dabei um rund 60 Betroffene oder deren Rechtsnachfolger.

VW ist erstes ausländisches Unternehmen, das sich seiner Vergangenheit in Brasilien stellt

Zwar gebe es keine Hinweise darauf, dass das Management von VW do Brasil die Machtübernahme durch die Militärs unterstützt habe, schreibt Kopper in seinem Bericht. Doch von 1969 an begann die systematische Zusammenarbeit von Militärs und Volkswagen. Der VW-Werksschutz von VW kollaborierte über zehn Jahre eng mit der politischen Polizei des Regimes.

Dabei überwachte der Werksschutz oppositionelle Aktivitäten seiner Beschäftigten und erleichterte dadurch die Verhaftung von mindestens sieben Mitarbeitern. Offenbar hat VW do Brasil auch politische Verhaftungen durch die Geheimpolizei auf dem Werksgelände zugelassen und die Betroffenen damit der Folter ausgeliefert. „Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als der Einsatz von Folter durch die politische Polizei bereits in der brasilianischen und in der deutschen Öffentlichkeit bekannt war“, so Kopper.

Die freiwillige Kooperation des VW-Werksschutzes mit den Polizeibehörden des Militärregimes setzte sich bis zu dem großen Streik im Jahr 1979 fort. Der sogenannte Werkschutz in São Paulo agierte demnach wie ein Geheimdienst, der die eigene Belegschaft ausspionierte. Volkswagen ist nun nach eigenen Angaben das erste ausländische Unternehmen, das sich seiner Vergangenheit während der Militärdiktatur in Brasilien in transparenter Weise stellt.

Das geschah aber erst nach einigem Hin und Her: So wollte Wolfsburg wohl schon vor drei Jahren Entschädigungen aushandeln. Doch VW in Brasilien fürchtete, damit ein „Fass ohne Boden“ aufzumachen. Die Entschädigungsdiskussion wurde danach zunächst hinter verschlossenen Türen geführt. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft São Paulos die Recherchen Koppers bestätigt. Mit dem jetzigen Vergleich entgeht Volkswagen einer gerichtlichen Auseinandersetzung.

In Brasilien dürfte die Entscheidung Volkswagens als politisches Signal interpretiert werden – und für Aufsehen sorgen: Der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro verherrlicht die Militärdiktatur und bewundert öffentlich deren Folterer.