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Unter Volllast: Wie ein Sanierungsexperte in der Coronakrise arbeitet

Insolvenzverwalter Biner Bähr muss Unternehmen mitten in der Coronakrise sanieren. Trotz Pandemie bleiben seine Instrumente die gleichen.

Zufrieden schaut Biner Bähr dem Gießer dabei zu, wie er die Kelle mit der flüssigen Schmelze aus dem 1300 Grad heißen Ofen holt. Fast alles in der 120 Jahre alten Fabrikhalle ist schwarz, eingefärbt durch die Grafitrückstände des Gießprozesses: die Wände, der Boden, die Decke und die Gesichter der Arbeiter. Nur Bähr trägt einen dunkelblauen Anzug, ein weißes Hemd und Lederschuhe. Er wirkt hier fehl am Platz, doch ohne ihn hätten die Arbeiter die Öfen wahrscheinlich schon ausstellen müssen.

Biner Bähr hat als Insolvenzverwalter der Wirtschaftskanzlei White & Case die schwierige Aufgabe, Unternehmen mitten in der Coronakrise so zu sanieren, dass sie danach ohne ihn erfolgreich weiterwirtschaften können. In einem regulären Insolvenzverfahren, wie bei der Gießerei Piad in Solingen, oder mithilfe des sogenannten Schutzschirmverfahrens wie bei der Modekette Esprit.

Über 1000 Verfahren hat Bähr während der 21 Jahre in seinem Beruf abgewickelt, darunter Teldafax, Hertie und Autoradio Becker. Insolvenzverwalter ist für ihn ein Traumberuf. Für die sichere Handhabe von Rechtsfragen studierte er Jura, für das unternehmerische Gespür Betriebswirtschaftslehre. In vielen Fällen schaffte es Bähr, die ihm anvertrauten Unternehmen zu retten. In anderen, wie bei der Großbäckerei Kronenbrot im vergangenen Jahr, konnte auch Bähr nur noch das Licht ausmachen.

Die Überlebenschancen hängen vor allem davon ab, wann der Insolvenzantrag gestellt wird. „Je später das passiert, desto schwieriger ist es für einen Insolvenzverwalter“, sagt Bähr. Er berichtet von Unternehmen, deren Geschäftsbetrieb bei seiner Ankunft schon eingestellt war. Solche Fälle wiederzubeleben gelinge auch ihm nur selten.

Wenn der Betrieb hingegen noch laufe, könne er etwa die Hälfte der Unternehmen wieder erfolgreich aufstellen, so Bähr. Damit er dafür überhaupt die Chance bekommt, muss sich die Geschäftsführung allerdings erst mal eingestehen, dass etwas grundlegend schiefläuft – und das gefürchtete Wort „Insolvenz“ in den Mund nehmen.

Schutz unterm Schirm

Um diesen Prozess zu beschleunigen, gibt es seit 2012 eine Art „Insolvenz light“ mit dem weniger abschreckenden Namen „Schutzschirmverfahren“. Es kann schon bei drohender, aber noch nicht eingetretener Zahlungsunfähigkeit beantragt werden und lässt die Entscheidungsgewalt weitgehend bei der Konzernführung. Außerdem klingt die Ankündigung, man wolle sich „unter den Schutzschirm begeben“, weniger bedrohlich. Bähr sieht, dass es funktioniert: „Die Hoffnung, die man in das Verfahren gesteckt hat, geht voll auf“, sagt er.

In der Coronakrise ist das Instrument noch beliebter geworden. Vor allem krisenerschütterte Einzelhändler wie Bonita, Picard oder Galeria Karstadt Kaufhof nutzen den Mechanismus. „Fantastisch“ findet Anders Kristiansen, CEO der Esprit-Gruppe, das Schutzschirmverfahren. Das Ratinger Modeunternehmen hatte Ende März unter dem Schirm Schutz vor der Coronakrise gesucht. Die pandemiebedingten Schließungen hatten das Unternehmen zu einer Zeit getroffen, in der Kristiansen ohnehin noch dabei war, die Altlasten seiner Vorgänger aufzuräumen.

Als er im Juni 2018 Esprit übernahm, fand Kristiansen eine unrentable Kostenstruktur vor: „Die Miete sollte im Modebereich nicht mehr als 20 Prozent des Umsatzes ausmachen, bei uns waren es 40 Prozent.“ Doch bestehende Miet- und andere Verpflichtungen kurzfristig aufzukündigen ist im normalen Geschäftsbetrieb schwierig. Auch deshalb ist Kristiansen von dem Schutzschirmverfahren begeistert, es gibt ihm ein breites Sonderkündigungsrecht zum Beispiel für Miet-, Software- oder Arbeitsverträge. Zudem übernimmt der Staat während des Verfahrens für drei Monate die Löhne mit dem sogenannten „Insolvenzgeld“.

Insgesamt hat Kristiansen die Mitarbeiterzahl weltweit um ein Drittel reduziert. Durch diese und andere Maßnahmen konnte Esprit seit Kristiansens Start die Ausgaben um 230 Millionen Euro senken. Trotzdem will das Unternehmen sein Einzelhandelsgeschäft in fast allen asiatischen Ländern einstellen – obwohl das Unternehmen an der Börse in Hongkong notiert ist.

Wiederkehrende Probleme

Bähr hat als Sachwalter ein Auge auf Einsparungen und Ausgaben und stellt sicher, dass der Konzern nicht gegen das Insolvenzrecht verstößt. Er sieht viele Missstände, die er auch aus anderen Unternehmen kennt. Kosten zum Beispiel sind eine häufige Baustelle. Generell stellt Bähr fest: „Kriselnde Unternehmen haben oftmals dieselben Probleme.“

Egal, ob es sich um eine Gießerei handelt, die Spezialbauteile für Medizintechnik, Maschinenbau und die Londoner U-Bahn fertigt, oder ein Unternehmen, das Kleidungsstücke in alle Welt verkauft: Die Instrumente, die Bähr zur Sanierung einsetzt, sind meist die gleichen.

Dazu zählt die richtige Geschäftsführung: Kristiansen ist in Ratingen weiterhin im Amt, wird von Bähr nur beratend unterstützt. Das liegt an der Natur des Schutzschirmverfahrens, aber auch an Bährs Einstellung – der Däne verzichtet nach eigenen Angaben während des Verfahrens auf sein komplettes Gehalt.

In Solingen, wo Bähr im September letzten Jahres einstieg und im Januar 2020 als Insolvenzverwalter formal selbst zum Chef wurde, entließ er die beiden vorherigen Geschäftsführer. Einer der beiden sei kurz nach der Antragstellung in ein Luxusresort nach Afrika gefahren, öffentlich sichtbar in den sozialen Medien, begründet Bähr seine Entscheidung. Den bisherigen Werksleiter beförderte er zum neuen Geschäftsführer.

Bähr geht es viel um Motivation und Unternehmenskultur. Wie es nicht laufen soll, zeigt er auf dem Betriebsgelände der Gießerei in einem Raum, der hier nur „Seniorenzimmer“ genannt wird. Für Bähr ist es ein Museumsstück überholter Unternehmensführung. Die Wände sind mit Holz vertäfelt, es riecht nach kaltem Zigarrenrauch.

Hier trafen sich die Herren der Gründerfamilien Piel und Adey, als sie das Geschäft formell schon an eine neue Führung abgegeben hatten, und erteilten Anweisungen. Es war ihnen nicht gelungen, den Betrieb selbst und somit auch die Unternehmenskultur an eine neue Generation zu übergeben. „Das ist oft ein Problem bei Familienunternehmen“, sagt Bähr.

Damoklesschwert Insolvenzverfahren

Die hierarchische und gleichzeitig unklare Unternehmensorganisation führte wohl auch dazu, dass sich vor der Insolvenz niemand für die Preise verantwortlich gefühlt hatte. „Wir mussten etwa 1000 Produktpreise nachkalkulieren, die seit 2015 nicht mehr erhöht worden waren“, sagt Bähr.

Um das durchzusetzen, hilft eine gute Kundenkommunikation, aber auch das Damoklesschwert Insolvenzverfahren. Denn auch die Abnehmer der Produkte hätten kein Interesse an einer Schließung ihres Zulieferers. Bähr: „All das, was vorher nicht ging, funktioniert während der Insolvenz leichter.“

Alte und festgefahrene Strukturen wie diese aufzubrechen ist eine der zentralen Aufgaben des Insolvenzverwalters. Um zu erfahren, was im Unternehmen schiefläuft, führte Bähr direkt nach seiner Ankunft eine Befragung der knapp 100 Mitarbeiter durch. Der Rest, so sagt er, sei Erfahrung und viel Arbeitseinsatz.

So fährt Bähr regelmäßig in den anderen Standort der Gießerei nach Spremberg in Brandenburg – seit Corona-bedingt die Flüge ausfallen, braucht er für eine Strecke mit dem Auto sieben Stunden. „Ich bekomme sonst kein Gefühl für das Unternehmen“, erklärt Bähr die Touren. Neben Piad und Esprit kümmert er sich derzeit auch um den Elektroautohersteller eGo. Sein wöchentliches Arbeitspensum reicht für zwei Vollzeitjobs.

Ein neues „Wir-Gefühl“

Der Einsatz lohnt sich: „Vor der Insolvenz haben wir jedes Jahr Millionenverluste gemacht“, sagt Bähr über die Gießerei. „Heute machen wir Gewinn – trotz Corona!“ Der Insolvenzverwalter spricht stets von „wir“, wenn er das zu sanierende Unternehmen meint. Auch dieses „Wir-Gefühl“ soll zur erfolgreichen Rettung beitragen.

Es fängt bei ihm selbst an und reicht bis in die tagtägliche Produktion. Dafür hat Bähr Bildschirme anbringen lassen, die in den Hallen mit einfachen Grafiken die positive Entwicklung des Unternehmens dokumentieren. Die nächste Herausforderung besteht für ihn und sein Team nun darin, einen neuen Gesellschafter zu finden. Das ist gar nicht so einfach, denn: „Gießereien sind nicht gerade sexy“, sagt Bähr.

Das „dreckige“ Geschäft aus Handarbeit hat nicht den Ruf hoher Gewinnmargen, und doch scheint die Suche nach einem Investor kurz vor dem Abschluss. Ein anderes Familienunternehmen aus dem Bergischen Land habe Interesse angemeldet. Bähr glaubt, seine Arbeit hier im Juli beenden zu können und die Gießerei zukunftsfähig zu übergeben.

Auch bei Esprit hoffen die Betroffenen, den Schutzschirm bis Ende Juni abzulegen, um dann in die Selbstverwaltung überzugehen. Doch anders als in Solingen, wo die Auftragsbücher der Gießerei bis Jahresende fast voll sind, muss Bähr in Ratingen immer mit der Unsicherheit Corona planen. Die Pandemie hat der Modebranche nicht nur wegen der Schließungen Probleme bereitet, sie verändert auch das Konsumverhalten der Menschen.

„Von 100 Leuten, die in unsere Läden kommen, haben früher im Durchschnitt 15 etwas gekauft“, erklärt CEO Kristiansen. „Jetzt sind es 60.“ Das klingt zunächst nach Erfolg, doch daran zeigt sich eine für den Einzelhandel gefährliche Bummel-Unlust. Bähr geht davon aus, dass sich das zum Weihnachtsgeschäft wieder weitgehend normalisiert „aber auch nur, wenn wir keine zweite Welle bekommen“, sagt er. Ein Unsicherheitsfaktor, auf den auch Bähr keinen Einfluss hat.

Restrukturierung und Kommunikation

An seinem Instrumentenkoffer für eine erfolgreiche Sanierung hat Corona trotzdem nichts verändert, „weil es vor allem um konsequente Restrukturierung und Kommunikation geht“, sagt Bähr. Deshalb verbringen er und sein Team, aber auch Geschäftsführer Kristiansen sehr viel Zeit in Telefonkonferenzen.

Transparent zu sein gegenüber Mitarbeitern, Gläubigern, Zulieferern und Kunden und sie über den Stand des Aufräumprozesses zu informieren, ist wichtiger für das höchste Gut, das Bähr hat: Vertrauen. „Im ersten Moment ist ein Insolvenzverfahren für alle ein Schock“, sagt er. „Aber wenn die Beteiligten merken, dass es danach bergauf geht, bleiben sie dabei.“

Dass allein schon sein Name zu diesem Vertrauen beiträgt, daran hat Bähr hart gearbeitet. Dabei hat er im Vorhinein meist kaum Zeit, sich auf die Unternehmen vorzubereiten. Wenn er angerufen und gebeten wird, einen Fall zu übernehmen, muss er innerhalb kürzester Zeit einspringen. Die Frage, ob er „Ja“ sagt, wenn das Telefon klingt, stellt sich für ihn nicht. Er hat noch nie abgelehnt.

Mehr als 30.000 Insolvenzen

Bisher – denn die Insolvenzwelle, mit der er wegen der Coronakrise rechnet, könnte auch seine Kapazitäten übersteigen. „In der Finanzkrise 2009 hatten wir etwa 30.000 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland“, sagt Bähr. „Ich glaube, dass es diesmal mehr werden.“ Insolvenzverwalter profitieren antizyklisch: Wenn es der Wirtschaft schlecht geht, geht es Insolvenzverwaltern gut und umgekehrt. Aktuell steckt Deutschland in einer Rezession. „Wir werden wieder sehr viel Arbeit haben“, prophezeit Bähr.

Seine langjährige Erfahrung als Konzernleiter auf Abruf in ein eigenes Unternehmen zu stecken, kommt für Bähr nicht infrage – auch wenn er manchmal darum gebeten wird. Eine seiner Lieblingsanekdoten ist eine Geschichte aus Solingen. Einer der Gießer fragte nach der Betriebsversammlung in voller Arbeitsmontur und mit grafitschwarzem Gesicht, ob Bähr nicht Chef bleiben könnte. Er lehnte dankend ab.

„Man darf sich nicht überhöhen“, sagt Bähr. „Wenn man in ein Unternehmen kommt, hängen alle an den Lippen des Insolvenzverwalters. Dabei ist ein richtiger Unternehmer eigentlich der bessere Unternehmer.“

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