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Voestalpine stellt sich auf miserable Zeiten ein

Der Stahlkonzern rutscht tief in die roten Zahlen und kürzt Dividende sowie Investitionen stark. Über 13.000 Mitarbeiter hat der Konzern in Kurzarbeit geschickt.

Das Coronavirus und seine wirtschaftlichen Folgen für die Auto-, Flugzeug- und Bahnbranche setzen Voestalpine schwer zu. Der österreichische Stahlkonzern sieht für das laufende Geschäftsjahr 2020/21 keine schnelle Wende zum Besseren. Vorstandschef Herbert Eibensteiner will daher die Investitionen auf ein Minimum zurückfahren.

„Wir sind auf die Investitionsbremse getreten“, sagte Eibensteiner am Mittwoch bei der Vorlage des Jahresbilanz. Die Aktionäre werden die schlechte Unternehmensentwicklung zu spüren bekommen. Der Vorstand schlägt der virtuellen Hauptversammlung am 1. Juli vor, die Dividende um rund 80 Prozent auf 20 Cent – im Vorjahr waren es noch 1,10 Euro – zu kürzen.

Für das neue Geschäftsjahr prognostiziert Eibensteiner einen Rückgang des Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) zwischen 600 Millionen und einer Milliarde Euro. Im Geschäftsjahr 2019/20, das am 1. April endete, betrug das Ebitda noch 1,2 Milliarden Euro. Zum Nettoergebnis machte der 56-Jährige keine Angaben. Ins neue Geschäftsjahr sind die Österreicher mit einer Liquidität von 1,7 Milliarden Euro gestartet.

Der Linzer Konzern mit knapp 50.000 Mitarbeitern ist von der Absatz- und Umsatzkrise seiner Kunden in der Auto-, Flugzeug- und Ölindustrie schwer gebeutelt. Zahlreiche von der Pandemie ausgelöste Sondereffekte haben den Stahlkonzern in die roten Zahlen abrutschen lassen. Während der Umsatz im Geschäftsjahr nur etwas mehr als sechs Prozent auf 13,6 Milliarden Euro (Vorjahr: 12,7 Milliarden Euro) sank, brach das Ergebnis nach Steuern stark ein.

Statt eines Nettogewinns von 459 Millionen Euro wie im Vorjahr steht im Geschäftsjahr 2019/2020 nun ein Verlust von minus 216 Millionen Euro in den Büchern. Die miserablen Zahlen kommen nicht überraschend. Erst im April hatte der Linzer Konzern mit einer weiteren Gewinnwarnung auf die rückläufige Unternehmensentwicklung aufmerksam gemacht.

Bereits vor der Pandemie machten die Handelskonflikte mit Zöllen der Voestalpine schwer zu schaffen. „Wir haben einen globalen Abschwung hinnehmen müssen“, sagte Eibensteiner am Mittwoch. „Hinzu kamen noch die steigenden Rohstoffpreise für Eisenerz bei gleichzeitig sinkenden Stahlpreisen.“

Mit ihrer negativen Entwicklung stehen die Österreicher nicht allein in der Branche da. „Alle Stahlwerke in Europa sind stark vom Rückgang betroffen“, hieß es seitens des Voestalpine-Vorstands. Rivale Thyssen-Krupp machte mit seiner Stahlsparte im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2019/20 einen operativen Verlust von 372 Millionen Euro.

Aktie legt trotzdem zu

Auch anderen Stahlkonzerne wie Arcelor-Mittal oder Salzgitter macht der starke Rückgang der Nachfrage durch die kriselnde Autoindustrie schwer zu schaffen. Salzgitter plant erstmals seit dem Börsengang im Jahr 1998, keine Dividende ausschütten.

Im Fall von Voestalpine hatten Investoren offenbar mit noch schlechteren Zahlen gerechnet. Die Aktie der Voestalpine legte am Mittwochvormittag an der Wiener Börse um 5,4 Prozent auf 19,39 Euro zu. Von 17 Analysten empfehlen derzeit zehn Experten, die Aktie zu verkaufen. Nur die Deutsche Bank und die Société General empfehlen das Papier als Kauf.

Eine schnelle Erholung sieht Voestalpine unterdessen nicht. „Die Volatilität in unserem Wirtschaftsumfeld wird hoch bleiben. Für uns wichtig, Krisenmanagement zu betreiben“, sagte Eibensteiner. Der erfahrene Stahlmanager hält sich auf Nachfragen mit optimistischen Prognosen für eine schnelle Erholung zurück. Er hofft auf eine Verbesserung der Gesamtwirtschaft nach dem Sommer „Unsere Kunden fahren schrittweise ihre Produktion hoch“, sagte Eibensteiner.

Doch auf ein zu positives Szenario will sich Eibensteiner nicht verlassen und bereitet den Konzern darauf vor, noch mehr zu sparen. „Der Fokus im Geschäftsjahr 2020/21 wird deshalb auf ergebnisstabilisierenden Maßnahmen wie konsequenten Kosten- und Working-Capital-Management, sowie Cashflow-Generierung liegen“. Die Investitionen sollen künftig nur noch rund 600 Millionen Euro betragen.

Am Bau des Edelstahlwerkes in Kapfenberg (Steiermark) bis 2021 will der Linzer Konzern aber festhalten. Das betonte Vorstand Franz Rotter am Mittwoch. In Kapfenberg wird seit 124 Jahren Stahl produziert. Das neue Werk ist eines der größten Bauprojekte in Österreich. Es sollte ursprünglich Mitte 2022 in Betrieb genommen werden. Durch die Pandemie wird sich der Start nun um ein halbes Jahr verzögern.

Produktion in China wieder hochgefahren

Voestalpine ist mit ihren Werken weltweit aufgestellt. Insbesondere die Präsenz in China kommt den Österreichern nun zugute. Denn alle Werke in der Volksrepublik produzieren nach Unternehmensangaben nahezu auf dem Niveau vor dem Ausbruch des Coronavirus.

Impulse erhofft sich CEO Eibensteiner auch von der Bahnsparte, die angesichts des Klimawandels in vielen Ländern gestärkt werden soll. Auch vom boomenden Onlinehandel will Voestalpine durch Hochregallagersysteme profitieren.

Der Mitarbeiterstand sank durch Stellenabbau im vergangenen Geschäftsjahr um 2000. Derzeit befinden sich mehr als 10.000 Beschäftigte in Österreich und 3000 in Deutschland in Kurzarbeit. „Die Kurzarbeit ist ein gutes Mittel uns anzupassen“, sagte der Vorstandschef. „Wir werden eine weiter Kurzarbeiterrunde brauchen.“

Die österreichische Regierung plant die laufende Kurzarbeiterregelung angesichts der Wirtschaftskrise verlängern. Nach dem Sommer soll eine weitere Reduktion von Kapazitäten erfolgen. Genauere Angaben wollte Eibensteiner am Mittwoch nicht machen.