Deutsche Märkte öffnen in 4 Stunden 49 Minuten
  • Nikkei 225

    26.824,46
    +390,84 (+1,48%)
     
  • Dow Jones 30

    29.638,64
    -271,73 (-0,91%)
     
  • BTC-EUR

    16.387,90
    +44,65 (+0,27%)
     
  • CMC Crypto 200

    384,57
    +19,97 (+5,48%)
     
  • Nasdaq Compositive

    12.198,74
    -7,11 (-0,06%)
     
  • S&P 500

    3.621,63
    -16,72 (-0,46%)
     

Viva Donald Trump? Was Lateinamerika von Joe Biden erwarten kann

·Lesedauer: 4 Min.

Für Mexiko, Brasilien und Kolumbien ist die Abwahl von Donald Trump ein Problem. Kuba setzt dagegen große Hoffnungen auf den neuen US-Präsidenten Joe Biden.

Schweigen kann manchmal vielsagend sein. Als klar wurde, dass Joe Biden die amerikanischen Präsidentschaftswahlen für sich entschieden hat, kam aus Kolumbien, Brasilien und Mexiko von offizieller Seite dazu: nichts. Die jeweiligen Regierungen fremdelten offensichtlich mit dem Ergebnis der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten.

Die drei bevölkerungsreichsten Länder Lateinamerikas hatten sich politisch oder wirtschaftlich sehr eng an Donald Trump gebunden. Und seine Abwahl stellt zumindest die rechten Präsidenten Iván Duque in Kolumbien und Jair Bolsonaro in Brasilien vor Probleme. Sie verlieren ihren größten Unterstützer, Förderer und Bruder im Geiste.

Plötzlich stehen die beiden rechten Politiker nicht nur wegen ihrer Corona-Politik (Brasilien) oder des gescheiterten Schutzes der Zivilgesellschaft (Kolumbien) zu Hause unter Beschuss. Sie wirken in einem sich allmählich nach links wandelnden Lateinamerika auch zunehmend isoliert.

In Mexiko liegt der Fall etwas anders. Da pflegte der eher links-autoritäre Präsident Andrés Manuel López Obrador eine merkwürdige Männerfreundschaft zu Trump, und er weigerte sich aus „rechtlichen Gründen“, Biden zu gratulieren, bis Trump seine Niederlage anerkannt hat.

Die USA sind für das Land der Haupthandelspartner. Mexikanische Unternehmer fürchten, dass Joe Biden auf mehr Protektionismus setzen könnte. Freuen dürften sich dagegen die Machthaber in Kuba und Venezuela. Die dortigen linken Regierungen könnten auf einen weniger konfrontativen Kurs hoffen.

Seit seiner Zeit als Vize-Präsident ist Biden ein Kenner der Region

Biden kennt Lateinamerika sehr gut. Als Vizepräsident von Barack Obama zwischen 2009 und 2017 war er für die Region zuständig. Er machte 13 Reisen in die verschiedenen Staaten, vertiefte sich im US-mexikanischen Verhältnis in die Themen Handel und Migration und machte sich 2015 für ein 750-Millionen-Dollar Hilfspaket stark, das eine Führungsrolle Mexikos vorsah.

Es sollte eine Art „Marshallplan“ für Mexiko und die Staaten Zentralamerikas werden. Es war ein integrativ-kooperativer Ansatz, der im Gegensatz zu dem von Trump implementierten Drohungs- und Bestrafungsszenario steht. Dieses Paket will Biden jetzt wiederaufleben lassen.

Biden hat offensichtlich sogar schon seine Lateinamerika-Berater im Blick, allen voran Dan Erikson und Juan González, beides aktuelle oder ehemalige Mitarbeiter im „Penn Biden Center for Diplomacy & Global Engagement“, einem Thinktank an der Universität von Pennsylvania.

Zudem wird die frühere US-Botschafterin in Uruguay, Julissa Reynoso, zum Beraterteam stoßen. Sie war eine enge Mitarbeiterin von Ex-Kandidatin Hillary Clinton. „Biden zieht ins Weiße Haus mit mehr Wissen über die Region ein als jeder andere seiner 45 Vorgänger“, sagt der argentinische Analyst Carlos Pagni.

Brasiliens Staatschef dürfte seinen „Amigo Trump vermissen

Die Präsidenten Bolsonaro und Duque dürften Trump dagegen hinterhertrauern. Vor allem der unerfahrene kolumbianische Präsident hatte seine gesamte Außenpolitik an den USA orientiert und einen messianischen Kampf gegen die Regierung von Staatschef Nicolás Maduro in Venezuela geführt. Duque machte sich für dessen Sturz stark und gab auch den zweifelhaftesten Figuren der radikalen venezolanischen Opposition Asyl.

Nun müsse die Regierung in Bogotá angesichts der Entwicklungen in den USA „die Zähne zusammenbeißen“, sagt der Analyst Ariel Ávila von der Stiftung „Frieden und Versöhnung“ nicht ohne Schadenfreude.

Im Nachbarland Brasilien ist der sonst vorlaute rechtsradikale Staatschef Bolsonaro offensichtlich der US-Wahlausgang so aufs Gemüt geschlagen, dass er erst mal kein Wort twitterte. Er hatte alles auf eine Wiederwahl seines „Amigo“ Trump gesetzt und sich ihm völlig unterworfen.

Mit Biden wird ihm nun Gegenwind drohen, denn der Demokrat wird ähnlich wie Obama wieder auf Klimaschutz und „grüne Energie“ setzen. Brasilien träfe es besonders hart, sollte Biden wie die Europäische Union Standards bei dem Amazonasschutz fordern. Biden hatte bereits gesagt: Entweder akzeptiere Bolsonaro 20 Milliarden Dollar Hilfe zur Erhaltung des Regenwaldes – oder er werde die wirtschaftlichen Folgen tragen müssen.

Trump hat alles versucht, Kuba den Geldhahn zuzudrehen

Auf Kuba haben die Menschen am Wochenende den Wahlsieg Bidens auf den Straßen der Hauptstadt Havanna ausgelassen gefeiert. Staatschef Miguel Díaz-Canel war diplomatischer: „Wir glauben trotz der Differenzen an die Chance einer konstruktiven und respektvollen bilateralen Beziehung mit der neuen US-Regierung.“ Mit der scheidenden Regierung in Washington war ja auch tatsächlich keine konstruktive Zusammenarbeit möglich.

Trump hat alle Annäherungen aus der Obama- und Biden-Zeit wieder zurückgedreht und insgesamt 132 Veränderungen vorgenommen oder Sanktionen verhängt. Direkte Flugverbindungen und Kreuzfahrtverbindungen wurden gestoppt, Konsulate geschlossen und Überweisungen der US-Kubaner dramatisch zusammengestrichen.

Trump hat alles versucht, der kommunistischen Karibikinsel den Geldhahn zuzudrehen. Zusammen mit dem Zusammenbruch des Tourismus durch Covid ist der oft beschriebene wirtschaftliche Kollaps in Kuba inzwischen sehr nah.

„Kurzfristig wird Biden genügend damit zu tun haben, das Sanktionsgerüst der Trump-Administration wieder abzubauen“, sagt der kubanische Politologe Rafael Hernández. Wenn darüber noch Zeit bliebe, konstruktiv an den US-kubanischen Beziehungen zu arbeiten, wäre schon sehr viel gewonnen.