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Vitalie Taittinger: Generationswechsel im Champagnerkeller

Die Tochter des Hauses ist bereits Gesicht des Unternehmens, zum Jahreswechsel übernimmt sie die Leitung. Es warten zahlreiche Herausforderungen.


Wenn die Familie Taittinger von Luxus spricht, fällt ausgerechnet das Wort Champagner nicht. Die Schaumwein-Dynastie produziert, als eines der letzten großen Häuser der Region familiengeführt, immerhin rund 5,5 Millionen Flaschen des symbolträchtigen Getränks. Pierre-Emmanuel Taittinger, seit 2006 Vorstandsvorsitzender und Geschäftsführer des Unternehmens aus Reims, definierte Luxus einst über funktionierende Schnellzugverbindungen. Zum Januar löst den 66-Jährigen allerdings seine Tochter Vitalie ab, bisher Marketingchefin im Hause. Ihre Definition von Luxus: „Die Freiheit, aus Leidenschaft arbeiten zu können.“

Diese Leidenschaft kann die 41-Jährige durch die Beförderung zur Vorstandsvorsitzenden noch stärker ausleben. Und kann als eine der wenigen Spitzen-Managerinnen der urfranzösischen Luxusbranche die Tradition der starken Frauen in diesem Metier fortschreiben.

Einige von ihnen, darunter Vitalie und Maggie Henrique, Präsidentin der LVMH-Tochter Champagner Krug, haben sich im weiblichen Netzwerk „La Transmission“ zusammengeschlossen. Der Führungsanspruch verwundert nicht, ist doch bis heute eine der bekanntesten Marke der Champagne der Schaumwein die „Veuve Clicquot“.

Im 19. Jahrhundert formte die pragmatische und durchsetzungsstarke Witwe des Unternehmensgründers vor allem dank einer durchdachten Marketingstrategie aus einem kleinen Haus eine Weltmarke. Auch Taittinger hat in den vergangenen Jahren das eigene Image aufpoliert und sich wirtschaftlich breiter aufgestellt, als Marketingchefin und buchstäbliches Gesicht der Werbekampagnen hat Vitalie daran nicht unerheblichen Anteil. Der Frage, ob sie sich selbst als Thronfolgerin des Unternehmens sieht, ist sie bisher jedoch immer ausgewichen.

Die kommende Unternehmenschefin und ihr älterer Bruder Clovis, der in der neuen Struktur vom internationalen Vertriebsleiter zum Geschäftsführer aufrückt, sind beide erst im Erwachsenenalter und auf Drängen ihres Vaters in das Unternehmen eingestiegen. Der exaltierte Pierre-Emmanuel, der sich auch schon mit dem Gedanken trug, Staatspräsident zu werden, holte es sich im Jahr 2006 mit verbissener Leidenschaft und 660 Millionen Euro der Crédit Agricole in einem Bietergefecht von der Investorengruppe Starwood zurück. Erst der drohende Zerfall des Familienunternehmens und die Zwistigkeiten zwischen den Zweigen der Taittingers führten überhaupt dazu, dass den Kindern der Wert des eigenen Traditionsbetriebs vor Augen geführt wurde.

Kontinuität und Moderne

„Taittinger wurde zu etwas, was wir uns wieder verdienen und wiederaufbauen mussten“, erläuterte Vitalie 2017 im Gespräch mit dem Handelsblatt. Es wurde, wie sie sagt, zu ihrer Mission. In ihrer Kindheit stand ein Eintritt ins Unternehmen nie zur Debatte, zumindest nicht für sie. In Lyon studierte sie Illustration und Grafikdesgin. Kaum verwunderlich, dass ihre erste Handlung nach dem Engagement im väterlichen Haus das Neu-Design der Flaschen und Etiketten wurde.

Im nächsten Schritt wurde Vitalie das neue Gesicht des Hauses. In der Kellerei in Reims, ein ansehnliches Gutshaus auf dem Gelände einer ehemaligen Benediktinerabtei, hängen die Werbeplakate mit ihr als Model. Motive, auf denen das Haus einst schon mit Grace Kelly geworben hat. Nur, dass eine Tochter der Gründerfamilie diesen Platz einnahm, eine Überführung der DNS, der Tradition des Hauses in die Moderne.

„Es gilt, das Image, den Stil, den Markencharakter zu bewahren, zu pflegen und gegebenenfalls behutsam zu adaptieren“, analysiert Sascha Speicher, Chefredakteur von Meiningers Sommelier und Champagne Magazin, „Kontinuität wird in der Champagne bekanntlich großgeschrieben.“ Für Vitalie Taittinger ist der Kern der Marke vor allem, dass ihre Familie sehr viel Know-how im Champagner, im Wein hat. Und diese Stärke ausgespielt und nicht mit Nebenbaustellen und Lifestyle-Produkten verwässert wird.

Dass die dreifache Mutter Familienleben und Arbeitsalltag sehr gut zu vereinen weiß, beweist die bisherige künstlerische Leiterin und Marketingdirektorin bereits seit 2015. Dennoch kommen in ihrer neuen Funktion einige Herausforderungen hinzu. Der Brexit ist das akuteste Thema, schließlich ist Großbritannien der wichtigste Auslandsmarkt, hier stellt das Unternehmen Schaumweine für den dortigen Markt her.

Auch die USA und China sind wichtige Exportmärkte, und der Handelsstreit der Industrienationen belastet die Weltkonjunktur – und damit auch den Durst auf Champagner. Nicht zuletzt haben die USA zuletzt erhebliche Strafzölle auf französische Produkte erhoben, allen voran den prestigeträchtigen Schaumwein.

Umstellung auf Bio

„Ein großes Zukunftsthema ist in der Champagne die ökologische Bewirtschaftung der Rebflächen“, ergänzt Sascha Speicher. Bislang habe das nur das Haus Roederer konsequent vorangetrieben. Die Herausforderung liegt vor allem in der Fläche: 288 Hektar, quer in der Champagne verteilt, gälte es umzustellen. „Das wird sicher eine der wichtigsten Zukunftsentscheidungen für Vitalie Taittinger“, so Speicher.

Ein weiteres Problem ist der Kampf um die Rohstoffe. Das Gebiet lebt von seiner geschützten Herkunftsbezeichnung, doch entsprechend begrenzt sind Anbaufläche und Maximalertrag.  „Die Preise sind extrem hoch, die Marktführer versuchen auf diesem Weg, Wettbewerber aus dem Markt zu drücken“, erklärt Speicher. Zukaufen müssen praktisch alle großen Häuser, mit dem „ungewöhnlichen hohen an eigenen Rebflächen“ sieht Speicher Taittinger hier jedoch in einer komfortablen Situation.

Luxuriös ließe sich fast sagen. Rückblickend auf ihren Einstieg ins Unternehmen sagte Vitalie, dass sie sich überlegen musste, wie sie das ruhige Champagner-Geschäft lebendiger machen könnten. „Andererseits war es die Möglichkeit, das Unternehmen als Ganzes zu bewegen“, erklärte sie. Damals mussten sie es auch, ergänzt sie. In ihrer neuen Position kann sie es vor allem.