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Visa oder Wirecard: Welche Payment-Aktie ist im Corona-Crash die bessere Wahl?

Christoph Gössel, Motley Fool beitragender Investmentanalyst

In der aktuellen Korrektur kommt alles unter die Räder, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Selbst die Netflix (WKN: 552484)-Aktie, die die erste Phase des Crashs noch relativ unbeschadet überstand, kann sich der Panik nun nicht mehr entziehen.

So hat es auch die beiden Payment-Akteure Visa (WKN: A0NC7B) und Wirecard (WKN: 747206) getroffen; die beiden Aktien gibt es aktuell 29,0 beziehungsweise 37,7 % günstiger als zu ihren Hochs Mitte Februar (Stand: Schlusskurse vom 16.03.2020).

Doch welches Unternehmen ist aktuell die bessere Wahl? Werfen wir einen Blick auf die Zukunftsaussichten der beiden Unternehmen und ihrer Aktien.

Wie verdient Visa Geld?

Visa bezeichnet sich selbst als den Weltmarktführer beim digitalen Bezahlen. Die Kredit-, Debit- und Prepaidkarten des Unternehmens sind auf der ganzen Welt bekannt, in über 200 Ländern kann man mit diesen bezahlen. Dabei ist Visa selbst nicht das ausgebende Institut: Das übernimmt in der Payment-Welt der sogenannte Issuer. Das kann zum Beispiel deine Bank sein.

Visa verdient vor allem Geld durch die Autorisierung und Abrechnung nationaler und internationaler Zahlungen über das hauseigene Netzwerk VisaNet. Auch für den Zugang zu ebenjenem Netzwerk, für die Nutzung der Visa-Marke und verschiedene Mehrwertdienste lässt sich das Unternehmen entlohnen.

Visa teilt sich in der westlichen Welt ein Oligopol mit Mastercard und American Express, wobei Visa der größte Anbieter ist. Diese Größe ist ein echter Wettbewerbsvorteil, da es extrem schwer ist, neue Zahlungsmöglichkeiten und -netzwerke aufzusetzen, wenn es schon ein globales Visa-Netzwerk gibt. An einer Zusammenarbeit mit den Amerikanern führt daher kaum ein Weg vorbei.

Wie verdient Wirecard Geld?

Wirecards Rolle ist für uns Konsumenten teilweise schwer zu begreifen, da das Unternehmen fast ausschließlich im Hintergrund agiert. Mit Wirecards Hilfe können Unternehmen einerseits eigene Zahlungsinstrumente herausgeben (Stichwort Issuing). Andererseits hilft Wirecard seinen Partnern auch dabei, elektronische Zahlungen aus verschiedenen Kanälen, unter anderem auch Kreditkartenkartenzahlungen, anzunehmen:

Um elektronische Zahlungen annehmen zu können, brauchen Händler eine Kartenakzeptanzstelle, die auch Acquirer genannt wird. Schließlich gibt es noch den Zahlungsabwickler oder PSP, der die technische Abwicklung der Zahlungen sicherstellt und zusätzlich Risikomanagement und Betrugsprävention bietet. Überall hier ist Wirecard aktiv.

Wirecards Vorteil gegenüber vielen Wettbewerbern ist, dass das Unternehmen all diese Dienstleistungen aus einer Hand anbieten kann. Zudem zeigt ein Blick in den Newsroom des DAX-Konzerns, dass das Unternehmen auch eigene innovative Zahlungstechnologien entwickelt. In Zukunft sollen KI-getriebene Mehrwertdienste und Finanzdienstleistungen über die Privatkunden-App boon die großen Wachstumstreiber sein, während das derzeitige Payment-Geschäft in den Hintergrund rückt.

Wie sind die Aktien bewertet?

Beide Unternehmen verfügen in meinen Augen über sehr gute Marktpositionen, wobei Visa mit seinem Burggraben sicherlich die defensivere Variante ist, während Anleger bei Wirecard mehr Wachstum und Innovation erwarten können. Wie teuer sind die Aktien in diesem Kontext?

Visa möchte seine Nettoumsätze 2020 im niedrigen zweistelligen Prozentbereich steigern, das Wachstum beim Ergebnis je A-Aktie soll zwischen 10 und 20 % liegen. Somit können hier im Mittel 6,12 Dollar erwartet werden. Auf Basis des aktuellen Aktienkurses von rund 152 Dollar ergibt sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 25. Auch für die nächsten fünf Jahre erwarten Analysten ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 15 % im Jahr.

Wirecard ist im Vergleich dazu wesentlich wachstumsstärker: Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) soll 2020 auf 1,0 bis 1,12 Mrd. Euro zunehmen, was gegenüber 2019 im Mittel einer Steigerung von 35 % entspricht. Bis 2025 soll sich dieser Wert noch mal fast vervierfachen. Das KGV für 2020 liegt aktuell bei knapp 16.

Fazit: Welche Aktie kaufen?

Wirecard verfügt zwar nicht über die Stabilität und Sicherheit von Visas Geschäftsmodell, dafür allerdings über eine hohe Innovationskraft und ein starkes Wachstum. Wer kein Problem mit erhöhter Volatilität und höherem Risiko hat, der kann daher die Wirecard-Aktie der Visa-Aktie vorziehen.

Die im Vergleich zu Visa sehr günstige Bewertung Wirecards ist zum großen Teil wahrscheinlich das Ergebnis der Unsicherheit, was den weiteren Verlauf der Betrugsvorwürfe angeht. Jedoch konnte Wirecard zuletzt zumindest teilweise von diesen entlastet werden. Im April stehen der vollständige Prüfungsbericht und der Jahresabschluss 2019 an.

Falls du es als wahrscheinlich ansiehst, dass Wirecard sich nichts hat zuschulden kommen lassen, könnte nun ein guter Moment sein, die Aktien günstig einzusammeln. Die Visa-Aktie sieht derzeit trotz Crash nicht unbedingt wie ein Schnäppchen aus, ist im historischen Vergleich jedoch wieder vernünftig bewertet.

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Christoph Gössel besitzt Aktien von Visa und Wirecard. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Mastercard, Netflix und Visa.

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